Von Thomas Becker

Pekings Busfahrer rauben einem den letzten Nerv - dennoch können Münchner U-Bahn-Fahrer von ihnen lernen. Aus der Reihe "Beckers Beijing".

Nach knapp zwei Wochen in Peking heute mal wieder ein paar Worte über unsere Gastgeber. Ihre Freundlichkeit den Olympia-Gästen gegenüber hat sich ja mittlerweile herumgesprochen. Mit einem ihrer hervorstechenden Charaktermerkmale wird der ständig und allüberall von irgendwelchen blaubehemdeten Volunteers betreute Sportreporter allerdings Tag für Tag aufs Neue konfrontiert: mit ihrer geradezu soldatischen Gründlichkeit, die schon ins Dickköpfige lappt. Man ist versucht, von blindem Gehorsam zu sprechen. Uns Deutschen sagt man ja auch einen gewissen Hang zur Ordnungsliebe nach. Doch wenn wir gründlich sind, dann sind Chinesen - zumindest die, die in irgendeiner Weise mit Olympia befasst sind - mehr als überübergründlich.

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Pekings Busfahrer sind übergründlich. (© Foto:)

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Die Busfahrer zum Beispiel. Sie befördern die Journalisten per Shuttle-Bus von Wettkampfstätte zu Wettkampfstätte. Es sind gewaltige Distanzen in der Stadt zurückzulegen; die U-Bahn ist zwar größtenteils knackneu und idiotensicher zu benutzen, hält aber selten dort, wo gerade olympischer Sport getrieben wird. Und mit den Taxis ist das so eine Sache: Dort ist die Weltsprache Englisch noch nicht angekommen.

Bus also, was total okay ist, kann man dort doch die ein oder andere Kolumne zu PC bringen, falls man einen Sitzplatz erwischt. Die Busfahrer haben einen Fahrplan, und sie halten sich dran - prima. Nur: Sie halten sich immer dran. Auch wenn es gar keinen Sinn macht. Auch wenn es überhaupt gar nie niemals Sinn macht.

Müde, schwitzend, dampfend

Da war dieses Basketballspiel vor ein paar Tagen. Es endete sehr spät, die Reporter kamen erst weit nach Mitternacht aus der Halle; viele von ihnen hatten mehr als zehn Stunden dort verbracht. Es regnete in Strömen, alle wurden pitschnass. Der Bus war voll. Kein Krümel, geschweige denn ein Mensch, passte noch in dieses müde, schwitzende, feucht dampfende Menschengewühl. Endlich schmiss der Fahrer den Motor an und fuhr los. Er fuhr sehr langsam, ein paar mediokre Schlaglöcher waren zu bewältigen. Und nur wer als Letzter reingesprungen war und nun ganz vorne an der Eingangstür klebte, sah, wo er hinfuhr. Er fuhr seine Route. Eine Runde ums Basketballstadion, Richtung Baseballstadion.

Dort hatte man vor vielen vielen Stunden den Spielbetrieb eingestellt. Gewitter, Dauerregen, seit Stunden war dort kein Mensch mehr. Doch der Busfahrer fuhr seine Runde. Vorsichtig. Wegen der Schlaglöcher. Hielt am Baseballstadion. Öffnete die Tür, niemand stieg ein. Es war ja gar niemand da. Er schloss die Tür, fuhr weiter. Vorsichtig. Sie wissen, warum. Nach einer Viertelstunde waren wir wieder da. Da, wo wir losgefahren waren. Vor der Basketballhalle. So geht die Route nun halt mal. Jetzt war es nur noch eine halbe Stunde Fahrt bis ins Pressezentrum. Wo man dann in den nächsten Bus umsteigen muss, um zum Hotel zu gelangen.

Es ist weit nach eins in der Nacht. Kein Mensch auf der Straße. Die Ampel springt auf gelb. Der Busfahrer bremst, als würde ein Blitzer drohen. In ganz Peking haben wir nicht einen einzigen Blitzer gesehen. Und hier draußen im Norden erst recht nicht. Doch der Busfahrer bremst. Die Meute stöhnt.

Nur eins machen Pekings Busfahrer nicht: überpünktlich abfahren, wenn sie sehen, dass noch Menschen mit Laptop-Taschen heranhasten. Das unterscheidet sie dann doch wieder wohltuend von Münchner U-Bahn-Fahrern.

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(sueddeutsche.de/aum)