Bayerns Sven Ulreich Neuer Torwart im Spiel

Eine von mehreren starken Paraden im Pokal-Halbfinale: Bayerns Sven Ulreich hält gegen Leverkusens Karim Bellarabi.

(Foto: REUTERS)
  • Beim 6:2 des FC Bayern in Leverkusen zeigt Torwart Sven Ulreich starke Paraden.
  • Die Leistungen des Ersatz-Torhüters führen zu einem Dilemma beim FC Bayern: Was passiert, wenn Manuel Neuer wieder fit ist?
  • Auch Joachim Löw wird sich mit Blick auf die Weltmeisterschaft in Russland Gedanken über Ulreich machen müssen.
Von Carsten Scheele, Leverkusen

Sven Ulreichs Satz wirkte zurechtgelegt, er sagte ihn auch gleich zweimal. "Ich weiß, was meine Rolle ist", erklärte der Torwart nach dem 6:2-Pokalerfolg des FC Bayern in Leverkusen. Er lächelte. Für alle, die es nicht mitbekommen haben: Ulreich hat offiziell einen Vertretungsposten. Er steht so lange im Tor, bis Manuel Neuer, der offiziell beste Torsteher der Welt, seine Verletzung überwunden hat.

Wobei Ulreich es geschafft hat, dass die halbe Fußballwelt über die Ausweitung der Kompetenzen des 29-Jährigen nachdenkt, obwohl Ulreich selbst keinerlei Ansprüche formuliert. Langfristig müsste sich Neuer bei den Bayern kaum hinten anstellen, wenn er wirklich wieder in Form ist. Kurz- bis mittelfristig steht im Sommer allerdings eine Fußball-WM an, in acht Wochen schon, und da klingt der Gedanke, dass Ulreich als einer von drei DFB-Torhütern mitreisen könnte, im ersten Moment ziemlich logisch.

Die Dinge sind aber etwas komplizierter.

Müller wählt unverschämte Laufwege

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Seit September vertritt Ulreich den am Fuß verletzten Neuer schon - zuletzt in überragender Manier. "Er ist ein Glücksfall", sagte Bayern-Trainer Jupp Heynckes am Dienstagabend. Von einem ordentlichen Stuttgarter Bundesligatorwart hat sich Ulreich zu einem Spitzenmann entwickelt, der bislang jeder Belastungsprobe standgehalten hat, ob in der Liga, in der Champions League oder im Pokal. Wie beim 6:2 in Leverkusen, als er zwischenzeitlich mehrfach den Ausgleich verhinderte. In der ersten Halbzeit bei einem verdeckten Schuss von Bellarabi, kurz nach der Pause dann binnen weniger Sekunden gegen Volland und erneut Bellarabi: Die Stürmer schossen und köpften, Ulreich flitzte von Eck zu Eck und parierte.

"Es gab eine Phase, in der das Spiel offen war. Da war er zweimal zur Stelle", lobte etwa Thomas Müller, der dreifache Torschütze des Abends. Etliche seiner Kollegen äußerten sich ähnlich. Sie dankten Ulreich für eine starke Partie, überhaupt für den Rückhalt der vergangenen Wochen. Müller stellte fest: "Sven wurde schon oft und zu Recht als Mann des Jahres betitelt."

Heynckes könnte in ein Dilemma geraten

Dem stets loyalen Bundestrainer kommt die Debatte vermutlich nicht sonderlich gelegen. Joachim Löw ist ein Freund eingespielter Teams, er arbeitet seit Jahren mit denselben Torhütern zusammen - neben Neuer mit Barcelonas Marc-André ter Stegen, Leverkusens Bernd Leno und Kevin Tapp (spielt bei Paris). Einen dieser Männer, die sein Vertrauen genießen, nun rauszulassen, um Ulreich unterzubringen, würde nicht in Löws Schema passen - zumal der Bundestrainer, falls Neuer noch fit wird, ohnehin einen von bislang vieren zu Hause lassen müsste. Am 15. Mai muss Löw seinen Kader benennen, bis dahin treffen die Bayern in der Champions League im Halbfinale noch auf Real Madrid. "Die Kopfschmerzen hat der Bundestrainer", bemerkte der frühere Nationalspieler Thomas Hitzlsperger in der ARD.

Spätestens nach den Madrid-Spielen steuern auch die Münchner auf eine moderationspflichtige Situation zu. Zwar heißt es, dass Manuel Neuer mittlerweile beschwerdefrei trainieren kann - aber würde Heynckes tatsächlich seine Defensive in der Crunchtime der Saison umbauen, ohne sportliche Not, nur um Neuer seinen angestammten Platz zurückzugeben? Würde Ulreich die Bayern nun auch noch ins Champions-League-Finale führen, wäre es fast schon ein moralisches Dilemma: Heynckes könnte Neuer in den Endspielen der Saison - in Berlin und vielleicht auch in Kiew - kaum zurück ins Tor beordern, wenn es doch auch Ulreichs Verdienst gewesen ist, dass die Bayern diese überhaupt erreicht haben.

Löw könnte im Umkehrschluss kaum einen Torwart zu Hause lassen, der nicht nur Deutscher Meister geworden ist, sondern vielleicht am Ende sogar als Triple-Keeper dasteht. Und Neuer? Wäre er wirklich ein WM-Kandidat, wenn alle wichtigen Spiele der Saison ein anderer absolviert hat?

Die Bayern haben sich längst positioniert: Geht es nach ihnen, muss Ulreich mit zur WM. "Ulle ist auf jeden Fall eine exzellente Option", sagte Müller. Sportdirektor Hasan Salihamidzic beantwortete die Frage, ob Ulreich ein WM-Kandidat sei, mit einem saloppen: "Natürlich ist er das." Manuel Neuer wird all diese Sätze mit Interesse zur Kenntnis genommen haben.

Kurz vorm Paradieszustand

Wenn es nötig ist, schaltet der FC Bayern eben zwei Gänge hoch: Beim 6:2 im Pokal-Halbfinale gegen Leverkusen zeigen die Münchner, wie eindeutig die Verhältnisse im deutschen Fußball gerade sind. Von Carsten Scheele mehr...