Von Claudio Catuogno, Berlin

Hertha BSC hat mit kühler Effizienz und einer Art Fußball-Sozialismus die Ligaspitze geentert - und selbst Uli Hoeneß erklärt, die Berliner würden nun um den Titel mitspielen.

Natürlich wollte man von Jürgen Klinsmann wissen, wie die Stimmungslage ist. Jetzt, wo es schon wieder nichts wurde mit der Tabellenführung. Und das trotz der Steilvorlage aus Hoffenheim (1:4 gegen Leverkusen), und trotz eines glasklaren Auftrages: "Wir wollten hierher kommen, die drei Punkte einfahren und endlich Erster werden", sagte der Bayern-Trainer nach dem Spiel. Doch davon hat genau genommen nur das erste geklappt, und nun "sind wir natürlich sauer, genervt, enttäuscht".

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Hertha-Spieler Andrej Woronin (links) und Arne Friedrich bejubeln den 2:1-Sieg. (© Foto: dpa)

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Dabei lächelte Jürgen Klinsmann entspannt, er sah weder sauer noch genervt und auch nur ein kleines bisschen enttäuscht aus am Samstagabend in den Katakomben des Berliner Olympiastadions. Trotz der überraschenden 1:2-Niederlage seiner Bayern gegen Hertha BSC. Nein, Klinsmann wirkte eher wie ein gönnerhafter Vater, der dem Filius beim Wettrennen ein paar Meter Vorsprung gibt, die Sache aber natürlich jederzeit im Griff hat.

"Dann müssen wir es jetzt eben noch ein paar Tage aufschieben, bis wir Tabellenführer sind", sagte er, das sei ärgerlich, aber nicht weiter schlimm. "Dann dauert es eben noch ein bisschen, bis wir ganz oben stehen." Als sei hier nicht von einer Meisterschaft die Rede, die sich in dieser Saison spannend wie selten und ausgeglichen wie lange nicht gestaltet. Sondern beispielsweise von Milch kaufen. Ach, es gab heute keine mehr? Ist nicht schlimm, dann holen wir eben morgen welche ...

Der Zweifel, ob die eigene Qualität in diesem Jahr ausreichen wird für den "Platz an der Sonne" (Klinsmann), dieser Zweifel ist derzeit verboten beim FC Bayern. Offiziell sind ja alle mit allem zufrieden, Manager Uli Hoeneß mit seinem Neu-Vereinstrainer Klinsmann, und Klinsmann mit seiner Mannschaft, "der man wirklich keinen Vorwurf machen kann". Doch ein bisschen Chuzpe gehört schon dazu, diese Rückrunde, in der bisher zwei Rückschläge (Hamburg, Berlin) einem Last-Minute-Sieg (Dortmund) gegenüber stehen, jetzt als "positiven Lauf" zu charakterisieren. So hat Klinsmann die Lage in Berlin zusammengefasst: als "Lauf, den wir jetzt eben kurzzeitig unterbrochen haben mit den Niederlagen gegen Hamburg und Hertha".

Dann mussten die Bayern dringend zum Flieger, weshalb einiges unausgesprochen blieb: der indiskutable Auftritt von Christian Lell zum Beispiel, der nicht nur Andreij Voronin zum 1:0 einköpfen ließ (38. Minute), sondern die gesamte Partie auf unterstem Niveau bestritt. Außerdem Schwächen in der Rückwärtsbewegung: Wie die Berliner Angreifer Raffael und Voronin beim 2:1 die zwei Slalomstangen namens Lucio und Martin Demichelis umkurvten, das sprach nicht gerade für die geistige Frische der Bayern-Abwehr (77.).

Und schließlich die Fokussierung auf mutmaßliche Geistesblitze eines Franck Ribéry, die bei den Münchnern gelegentlich die Geschlossenheit des Kollektivs überlagert. Zwar waren die Bayern ständig irgendwie vor dem Berliner Tor zu Gange, doch Miroslav Kloses zwischenzeitlicher Ausgleich - nach Vorarbeit von Lucio und Schweinsteiger - blieb der einzige zählbare Erfolg dieser Bemühungen (61.).

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