Von Birgit Schönau

Nach dem Dopingfall Adrian Mutu steckt der AC Florenz in der Krise. Nun warten sieben schwere Spiele, darunter in der Champions League gegen den FC Bayern.

Pantaleo Corvino, im fünften Jahr Sportdirektor beim AC Florenz, gilt als einer der fähigsten Fußballmanager Italiens. Mit Kompetenz und Hartnäckigkeit hat sich der massige 60-Jährige aus dem südlichsten Zipfel Apuliens einen Namen als Entdecker junger Talente gemacht. "Der Prophet Pantaleo" heißt einigermaßen unbescheiden Corvinos Biografie. "Niemals werde ich Wolle kaufen und Seide bezahlen", lautet einer seiner Lieblingssprüche.

AC Florenz: Adrian Mutu

Adrian Mutu droht nach einem erneuten Dopingvergehen das Karriereende. (© Foto: AP)

Anzeige

Tatsächlich galt die Fiorentina bislang als einer der sparsamsten Klubs in der Serie A. Noch im Sommer machte die Klubleitung den größten Reibach auf dem Transfermarkt, indem sie Felipe Melo für 25 Millionen Euro an Juventus Turin loswurde - der Spieler hatte im Vorjahr knapp ein Drittel gekostet. Während die Juve mit dem Neuen aus der Champions League flog, wurde der AC Florenz ohne Felipe Melo Gruppenerster. Doch nach dem Höhenflug kam die Krise. Und die Krise kostet Geld.

Auf der Wintertauschbörse zahlte die Fiorentina mehr als alle anderen. Notgedrungen, wird doch im Februar für den Klub aus der Toskana vorzeitig die Passionszeit eröffnet: Sieben Spiele in fünf Wochen, darunter das Halbfinale in Italienpokal gegen Inter Mailand am Mittwoch, das Champions-League-Achtelfinale gegen die Bayern sowie Liga-Begegnungen mit den Angstgegnern AS Rom und AC Mailand. Das alles in denkbar ungünstiger Ausgangsposition, denn Florenz ist derzeit nur Elfter.

Also griff Corvino gegen seine Gewohnheit tief in die Kasse und verpflichtete den brasilianischen Verteidiger Felipe von Udinese Calcio für neun Millionen Euro, zahlbar in drei Jahren. Außerdem kam für 6,5 Millionen Euro Mittelfeldmann Adem Ljajic von Partizan Belgrad und für eine weitere Million Haris Seferovic von Grasshoppers Zürich. Nicht gerade große Namen für nicht gerade kleines Geld. Mit seinen 26 Jahren ist Felipe fast ein Methusalem in der Fiorentina-Boygroup. Ljajic ist 19, Seferovic muss noch 18 werden. Beide werden noch nicht in der Champions League spielen, stattdessen steht im Aufgebot, so lange er nicht entlassen wird, Adrian Mutu.

Doch Mutu darf wegen eines positiven Dopingtestergebnisses nicht spielen. Möglicherweise steht der Rumäne sogar vor dem Karriereaus, wenn er Jahre nach seinem Kokainkonsum bei Chelsea jetzt als Wiederholungstäter bestraft wird. Als am vergangenen Donnerstag bekannt wurde, dass Mutu einen verbotenen Appetitzügler eingenommen hatte, blieben Sportdirektor Corvino noch knapp vier Tage, um Ersatz zu besorgen. Corvino bewegte sich sofort.

Nach zwei Tagen hatte er drei Absagen und ein Versprechen kassiert. Die Absagen betrafen Tommaso Rocchi von Lazio Rom, Julio Baptista vom AS Rom und Giuseppe Rossi vom spanischen Erstligisten Villarreal. Das Versprechen bekam Corvino von Antonio Cassano. Der wäre ein passender Ersatz für Mutu gewesen - ähnlich talentiert, divenhaft und unberechenbar.

Tatsächlich machte Cassano, während man in Florenz seinen Vertrag vorbereitete, schnell einen Rückzieher. Er wolle bei Sampdoria Genua bleiben, weil die Fans ihn nicht ziehen lassen würden, teilte er am Sonntag mit. Nur Stunden später, beim 2:2 der Fiorentina in Cagliari, wedelte Torschütze Stevan Jovetic, 20, mit einem Trikot. Es war das Hemd von Mutu mit der Nummer 10. Jovetic hatte Mutu sein Tor gewidmet. Es war eine etwas naive Geste unerschütterlicher Freundschaft, aber sie hatte auch einen Beigeschmack von Verzweiflung. Für Corvino und die Fiorentina blieb nur noch der Brasilianer Keirrison - ein 21-Jähriger von begrenzter Fama.

Mehr als ein Durchlauferhitzer für Talente

Immerhin hatte der FC Barcelona für ihn 2008 die hübsche Summe von 18 Millionen Euro ausgegeben, nachdem Keirrison in der Heimat Torschützenkönig geworden war. Nach null Spielen in Barcelona wurde er rasch weitergereicht zu Benfica Lissabon: fünf Spiele ein Tor. "Ein vielversprechender Spieler", sagt Corvino. Zehn Jahre lang war Keirrison nur von seinem Vater trainiert worden. Jetzt untersteht er Cesare Prandelli, den viele in Italien als Nachfolger von Nationaltrainer Marcello Lippi handeln.

Prandelli sei es leid, in Florenz immer wieder von vorn anzufangen, heißt es. Ständig neue Spieler, die Neuen werden immer jünger, und internationale Erfahrung haben sie so gut wie keine. Auf sie warten jetzt Inter und Bayern, Roma und Milan. Die Fiorentina muss beweisen, dass sie mehr ist als ein Durchlauferhitzer für Talente. Und Corvino hat einen Ruf zu verteidigen. Vom Propheten zum Prediger in der Wüste ist es im Fußball nur ein kleiner Schritt.

Leser empfehlen 
Lesetipp aus der aktuellen SZ: "Ich war nie schuld. Nie. Nie. Nie."

Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...

(SZ vom 03.02.2010/jüsc)