In einem höchst unterhaltsamen Spiel haben der FC Bayern und Bayer Leverkusen gleich viel Tore geschossen und 63.000 Zuschauern alles geboten, was die Faszination Fußball ausmacht. Von Thomas Becker
Uli Hoeneß ist ein impulsiver Mensch, kein Mann für halbe Sachen. Wenn er sich ärgert, dann richtig, dann kann er in Sekundenschnelle die Atmosphäre eines verheerenden Unwetters verbreiten. Und auch wenn er sich freut, hat er etwas von einem Naturereignis. Als Roque Santa Cruz nach einer Stunde in diesem so wunderbar in der Herbstsonne hin und her wogenden Spiel gegen Leverkusen das 2:2 erzielte, da hielt es den Manager des FC Bayern nicht mehr. Er sprang auf unter dem Plexiglas-Dach der Ersatzbank und begann mit den Armen an diesem Dach zu rütteln wie ein übermütiger junger Adler, der die Kraft seiner Schwingen testen muss. Nicht nur der Fakt, dass der Kampf um die Tabellenspitze durch diesen Treffer wieder offen war, ließ Hoeneß so jubeln. Dass es gerade Santa Cruz war, dem wieder ein wichtiges Tor gelang, freute ihn umso mehr. So viel Mühe haben sie sich seit Jahren mit dem jungen Paraguayer gegeben, so viel Geduld mit seiner Verletzungsanfälligkeit bewiesen, im Spitzenspiel gegen den Tabellenführer sogar den bisherigen Topscorer Pizarro auf die Reservebank gesetzt, damit Roque von Beginn an spielen kann. Und dann trifft er tatsächlich. Schon wieder alles richtig gemacht: Respekt, FCB.
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Auch Roy Makaay schickt sich immer eindrucksvoller an, seine beachtliche Transfersumme abzuzahlen. Ballacks Flankenball schickte der Niederländer nach 25 Minuten so selbstverständlich per Volleyabnahme ins Bayer-Netz wie andere Mitspieler einen Zehn-Meter-Flachpass fabrizieren. Schneller und effektiver kann man Publikumsliebling Elber nicht vergessen machen. Bis dahin waren die letzten vier Bayern-Tore allein auf Makaays Konto gegangen. Und als Michael Ballack zwei Minuten später mit einem Foulelfmeter an seinem ehemaligen Mannschaftskameraden Butt scheiterte, schien er das nur getan zu haben, um Makaay die schöne Serie nicht zu vermiesen. Hätte er ihn auch gleich schießen lassen können.
Doch die Probleme des deutschen Meisters liegen nicht im Angriff. 15 Treffer in sechs Spielen - keine Mannschaft der Bundesliga trifft besser. Die Defensive bereitet Kopfzerbrechen. Zehn Gegentore in sechs Spielen - so schlecht sind die Bayern zuletzt vor 26 Jahren in eine Saison gestartet. Nur drei Klubs mussten mehr Treffer einstecken. Schon zum dritten Mal kassierte Kahn drei Tore in einem Spiel. Von der Tribüne lästert die Lichtgestalt: "Wenn man so viele Gegentore bekommt, kann es keine starke Abwehr sein. Unser Problem ist seit Jahren, dass nicht mehr gedeckt wird. Wir laden den Gegner zum Toreschießen ein." Man muss Franz Beckenbauer Recht geben, ausnahmsweise. In Minute zehn ließen die Bayern Ramelow ungehindert aus 17 Metern ins Tor ballern, in Minute 34 kam Franca mit freundlicher Unterstützung seines aufmerksam beobachtenden Gegenspielers Thomas Linke in den seltenen Genuss eines Kopfballtores; einzig bei Bastürks Treffer zum 3:3-Endstand fällt die Schuldzuweisung schwer.
Dass es hinten nicht stimmt, darüber herrscht Einigkeit von Hitzfeld ("haben im Strafraum schlecht gedeckt") bis Ballack ("bislang eindeutig zu viele Tore bekommen"). Linke, einer der Betroffenen, spricht anders: "Das ist halt im Moment so." "Jeden Schuss kannst du nicht verhindern." "So ist Fußball." Wir müssen hart arbeiten." Kurz: Er weiß auch nicht, was los ist. Vielleicht gibt ihm Hitzfeld ja mal Zeit zum Nachdenken. Mit Martin Demichelis hockt schließlich ein potenzieller Weltklasseverteidiger auf der Bank und wird allmählich ungeduldig. Lediglich einmal, beim Pokalspiel gegen den Oberligisten Neunkirchen, durfte der Argentinier bislang ran. Schuld an diesem höchst unterhaltsamen Spiel trugen aber vor allem die Leverkusener, eigentlich der Lieblingsgegner der Münchner. Keinen anderen Klub der Liga hatten sie öfter bezwungen (in 27 von 48 Spielen) und mehr Tore dabei geschossen (90). Der letzte Punktgewinn für Bayer im Olympiastadion ist fast zehn Jahre her, der letzte Sieg knapp 14 Jahre, Bayer-Trainer Augenthaler war damals noch Bayern-Libero. Zurecht ärgerte er sich nun ein wenig über die verpasste Chance: "Es wird nie wieder so einfach sein, die Bayern im Olympiastadion zu schlagen." Kurz nach der roten Karte für den Nachtreter Ze Roberto hätten Neuville und Ponte das Spiel entscheiden können. Taten sie aber nicht. Kahn zeigte sich entsprechend dankbar: Als er um kurz vor fünf erstmals an diesem Nachmittag den Ball fangen konnte, drückte er ihm ein dicken Schmatzer aufs kunstlederne Gesicht. Bis zum 1: 2 stand der von einer Bindehautentzündung geplagte Keeper mit einem Schweiß abweisenden schwarzem Stirnband im Tor - zum perfekten Seeräuber-Look fehlte Käptn Kahn nur noch die Augenklappe. Kommt schon noch, da sind wir sicher.
Auch von Hitzfeld steht demnächst einiges zu erwarten. Eine gewisse Ungeduld war seiner Spielanalyse zu entnehmen: "Es kann nicht sein, dass wir immer in letzter Minute wertvolle Punkte verlieren. Wieder haben wir einen Vorsprung nicht halten können." Mut hatte er schon nach dem Platzverweis bewiesen, als er durch Pizarros Einwechslung mit drei Stürmern den Ausgleich erzwang. Gut möglich, dass er in Rostock mit einer neuen Defensiv-Reihe aufläuft. Und er wird sicher wieder alles richtig machen.
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