Bayerischer Sportpreis Zielsicher seit 30 Jahren

Jubel in London: Bei den Paralympics 2012 komplettierte Neumaier mit Bronze seinen Medaillensatz.

(Foto: Wang Haofei/imago sportfotodienst)

Josef Neumaier, 57, hat einen kompletten paralympischen Medaillensatz. Ans Aufhören denkt der Sportschütze nicht.

Von Andreas Overath

Josef Neumaier hatte sich gerade mit einer Brezel gestärkt und war dabei, die Brösel von den Armlehnen seines Rollstuhls zu wischen, als Bayerns Innenminister Joachim Herrmann im Franziskaner an der Münchner Residenz ans Rednerpult trat. Schon im Sommer war Neumaier der sogenannte "Jetzt-erst-recht-Preis" zugesprochen worden, mit dem das bayerische Innenministerium im Rahmen des Bayerischen Sportpreises Athleten "für die vorbildliche Überwindung eklatanter Schwierigkeiten im Sport" auszeichnet. Doch an besagtem Termin hatte Neumaier keine Zeit. Der 57-jährige paralympische Sportschütze war stattdessen lieber zum Weltcup nach Kroatien geflogen, in der Hoffnung, Deutschland mit einer guten Platzierung einen dritten Startplatz bei den Paralympics in Rio zu sichern.

Natürlich ist Neumaier fit. Seine Stärke aber liegt ihm Mentalen

Am vergangenen Mittwoch - den zusätzlichen Startplatz für Rio hatte er schließlich beim nächsten Wettkampf in Australien mit Rang fünf gesichert - konnte Neumaier die Ehrung endlich entgegennehmen. Der Bayerische Sportschützenbund hatte zum Neujahrsempfang geladen, und nachdem Neumaier etliche Reden gehört und viele Hände geschüttelt hatte, meinte er: "Mich freut vor allem, dass ich meine Leistungen immer wieder bestätigen kann."

Eigentlich wollte der Mann von den Huberwirtschützen Oberholzhausen seine Karriere nach seinen fünften Paralympics in London 2012 beenden. "Da habe ich mir gedacht: ,Lass es gut sein'", sagt Neumaier. Er hatte ja alles gewonnen. In fast drei Jahrzehnten Wettkampfsport holte er vier Weltmeistertitel und vier paralympische Medaillen: Gold und Silber bei den Paralympics in Atlanta 1996, nochmals Silber in Sydney 2000 und Bronze 2012 in London. Doch irgendwo in sich drin hatte Neumaier wieder eine Motivation entdeckt: "Die Heim-WM lag nur zwei Jahre entfernt, die wollte ich dann doch noch mitnehmen." 2014 gewann er im thüringischen Suhl nochmals drei Medaillen mit dem deutschen Team, eine Einzelmedaille blieb ihm aber verwehrt.

Aufhören, sagt Neumaier, würde ihm sicher leichter fallen, wenn er seine Leistung nicht mehr bringen könnte. Der gebürtige Altöttinger kam mit Osteogenesis imperfecta auf die Welt, einer seltenen Erbkrankheit, die umgangssprachlich auch Glasknochenkrankheit genannt wird. Weil dem Körper ein bestimmtes Kollagen fehlt, sind die Knochen besonders zerbrechlich. Die Krankheit aber schränke ihn als Sportschützen nicht ein, erzählt Neumaier. In seinen Disziplinen, dem Kleinkaliber und dem Luftgewehr, ist der Rückstoß der Waffe kaum spürbar. Zwei Jahre sei er in der Bundesliga auch gegen Nichtbehinderte angetreten, oft auf Nummer eins der Setzliste seiner Mannschaft. "Der Inklusionsgedanke kam im Sportschießen schon sehr früh auf, von beiden Seiten", sagt Neumaier. Inzwischen tritt er nur noch bei den Behinderten-Weltcups an, der Sparkassenbetriebswirt muss sich seine Zeit einteilen. Im kommenden September, wenn in Rio de Janeiro die Paralympics stattfinden, will er noch einmal dabei sein.

Die zwei Jahre in der regulären Bundesliga möchte Josef Neumaier auf keinen Fall missen. "Von dem Schießen Mann gegen Mann auf höchstem Niveau zehre ich immer noch", sagt er. "Gerade im mentalen Bereich." Hier liege seine Stärke, sagt Neumaier, der sich mit Atemübungen und Visualisierung auf den Druck im Wettkampf vorbereitet. Bevor Neumaier mit der Waffe antritt, hat er die verschiedenen Wettkampfsituationen und mögliche Schwächen im Kopf durchgespielt: "Ich muss immer einen Plan B haben und in der Lage sein, auf verschiedenste Szenarien zu reagieren", sagt er. Bislang gelingt ihm das noch immer.

Nur drei dürfen nach Rio - Josef Neumaier will einer davon sein

"Sportschießen ist eben keine Sportart, in der man ab einem gewissen Alter nicht mehr mithalten kann", sagt Neumaier. Also schießt er weiter. Dreimal die Woche trainiert er mit dem Luft- und Kleinkalibergewehr. Dazu macht er Konditionstraining auf dem Handbike, einem Rad, auf dem man sich mit den Händen nach vorne kurbelt. Sportschießen ist durchaus anstrengend, um Erfolg zu haben, muss man körperlich fit sein: "Im Wettkampf steigt der Puls", erklärt Neumaier. "Da braucht man Sauerstoff, um sicher zu bleiben. Gerade in Disziplinen, wo man bis zu 120 Schüsse abgeben muss."

Wenn er nicht selbst schießt, trainiert Neumaier die Bundesligamannschaft der Schützengilde Waldkraiburg. Eine Trainerlizenz habe er nicht, wiegelt er ab, "aber halt eine gewisse Erfahrung". Trotz seiner gesammelten Expertise von rund 30 Jahren muss aber auch Neumaier sich erst einmal für Rio 2016 qualifizieren. In drei Ausscheidungswettkämpfen in Suhl (22. bis 24. April und 20. bis 22. Mai) und München (6. bis 8. Mai) kämpfen die Sportschützen des Deutsche Behindertensportverbands (DBS) um insgesamt drei Olympiaplätze, einer davon für das Kleinkaliber liegend, zwei für das Luftgewehr. Nur der insgesamt Beste beziehungsweise die besten zwei dieser drei Wettkämpfe fliegen nach Rio. Josef Neumaier weiß, dass er wieder kämpfen muss.