Bei Leverkusens 5:2 gegen 1899 Hoffenheim wird sogar der verletzte Kapitän Bernd Schneider nicht vermisst.
Große Geldsummen verdrehen den Leuten den Kopf, das ist ein uraltes Motiv der Menschheit. Man konnte das jüngst mal wieder am Beispiel von 1899 Hoffenheim studieren, wo der Begriff Milliardär (gemeint ist Sponsor Dietmar Hopp) gepaart mit der überraschenden Tabellenführung nach zwei Spieltagen wilde Fantasien hervorrief. "Hier haben Leute von Platz drei geredet", erzählte Hoffenheims Torhüter Ramazan Özcan nach dem 2:5 (1:3) bei Bayer Leverkusen. Lächerlich sei so ein "Gelaber", meinte Özcan. Er war verärgert. Für die TSG gehe es allein "um den Klassenerhalt", sagte der Torhüter, nachdem die erste Partie des Aufsteigers gegen eine Spitzenelf der Liga allerhand Indizien für die Richtigkeit von Özcans Einschätzung geliefert hatte.
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Nörgler sagen, Stefan Kießling (rechts) habe gegen Hoffenheim zwei banale Abstaubertore erzielt. (© Foto: AP)
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"So was geht gar nicht"
Eine Halbzeit lang sprang Trainer Ralf Rangnick an der Seitenlinie umher wie ein Eichhörnchen, seine Mannschaft reihte einen Fehler an den nächsten, ließ sich mit einfachen Spielzügen auseinanderhebeln und kassierte drei Gegentore nach Standardsituationen. Karim Haggui (8.), Manuel Friedrich (17.) und Stefan Kießling (37.) bugsierten zwei Ecken und einen Freistoß ins Tor. "Naiv" sei das gewesen, sagte Vedad Ibisevic, der das 1:2 erzielte (21.), und Rangnick resümierte: "So was geht gar nicht."
Die erste Halbzeit nährte den Verdacht, dass Spieler wie Matthias Jaissle, Tobias Weis, Sejad Salihovic, Andreas Beck oder Marvin Compper zwar in der Bundesliga spielen können, dass sie derzeit aber keine Fußballer sind, aus denen sich rasch eine international ambitionierte Fußballmannschaft formen lässt. Vielleicht entwickelt sich der eine oder andere von ihnen zu einem Spitzenspieler, alle werden sie wohl kaum sofort konstant ein gehobenes Niveau erreichen. Das kann weder ein Sponsor mit viel Geld noch ein guter Trainer bewerkstelligen.
"Jetzt glaubt uns wenigstens jeder, dass unser Ziel nur ist, nicht abzusteigen", sagte Hopp, der - anders als am Wochenende zuvor beim 1:0 im Spiel gegen Mönchengladbach - einen Nachmittag ohne Pöbeleien und Beschimpfungen in Leverkusen verbracht hatte. Das Spiel hatte einen hilfreichen Beitrag geleistet, die Situation rund um 1899 Hoffenheim zu normalisieren.
Ein gefährliches Sturmduo
Allerdings zeigten die Badener auch in Leverkusen, dass sie sich in guten Phasen durchaus einem gehobenen Niveau anpassen können. In der ersten Halbzeit waren die schnell und technisch sauber spielenden Rheinländer noch deutlich überlegen, das Spiel schien entschieden zu sein, nach Salihovics Foulelfmeter zum 2:3 (58.) wurde es aber plötzlich noch einmal spannend. Erst die Treffer von Barnetta (80.) und Kießling (87.) entschieden die Partie. "Da war ich sehr erleichtert", sagte Leverkusens Trainer Bruno Labbadia, der fürchten musste, dass seine Mannschaft, wie schon beim 2:3 gegen Borussia Dortmund am ersten Spieltag, einen sicher geglaubten Sieg aus der Hand geben würde.
Am Ende zählte ein entscheidender Unterschied zwischen der jüngsten (Hoffenheim) und der zweitjüngsten Mannschaft der Liga (Leverkusen): Bayers Einzelspieler wirkten reifer, das Mittelfeld mit Vidal, Renato Augusto, Barnetta und Rolfes besitzt auf jeder Position individuelle Klasse, an guten Tagen können diese Spieler eine Defensive schwindelig spielen. Zudem bilden Helmes und Kießling ein gefährliches Sturmduo. Und: "Es wird sogar noch besser", sagte Labbadia.
Leverkusens Trainer liegt im Zeitplan nämlich weit zurück. Weil viele Spieler einen Großteil der Vorbereitung verpassten, arbeitet Labbadia immer noch an der Grundlagenausdauer. "Ein Ritt auf der Rasierklinge" sei das, "Montag, Dienstag, Mittwoch gehen wir sehr hohes Tempo, Donnerstag und Freitag versuche ich, die Frische fürs Wochenende reinzubringen." Dafür ist das Spiel seiner Elf schon überaus ansehnlich. Das Team funktioniert sogar so gut, dass derzeit niemand von Bernd Schneider spricht. Der Kapitän versucht weiterhin, die Folgen einer Bandscheibenoperation in den Griff zu bekommen. Ohne den Virtuosen spielt die Mannschaft vortrefflich - und das ist das größte Kompliment, das man ihr machen kann.
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(SZ vom 01.09.2008/mb)
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