Basketball  0,7 Sekunden vor Schluss

Entscheidender Ballverlust kurz vor dem Ende: Reggie Redding, FC Bayern.

(Foto: Oryk Haist/imago)

In ihrem ersten Eurocup-Halbfinalspiel dominieren die Basketballer des FC Bayern bei Darussafaka Istanbul. Doch ein unerklärlicher Einbruch in der zweiten Halbzeit ermöglicht den Türken noch einen 76:74-Sieg.

Von Ralf Tögel

Die Basketballer des FC Bayern haben eine riesige Chance vergeben, das erste Eurocup-Halbfinalspiel ihrer Vereinsgeschichte zu gewinnen. Eine Halbzeit lang sahen die Münchner am Dienstagabend beim türkischen Topklub Darussafaka Istanbul wie der sichere Sieger aus, führten mit 47:30 Punkten - und schenkten den Gastgebern mit einer verkorksten zweiten Halbzeit doch noch einen knappen 76:74-Sieg.

Dabei hatte der Abend mit einer guten Nachricht für die Bayern begonnen: Danilo Barthel, der im Bundesliga-Duell gegen Braunschweig einen Ellenbogen ins Gesicht bekommen hatte und ins Krankenhaus eingeliefert wurde, konnte mit einer Gesichtsmaske mitwirken. Welchen Stellenwert der Nationalspieler im Gefüge von Aleksandar Djordjevic einnimmt, war klar, als ihn der serbische Cheftrainer sogar in die Anfangsformation beorderte. Ob es nun die wilde Maske des 2,08-Meter- Hünen war oder die beeindruckende Physis der Münchner Mannschaft, bleibt einerlei, jedenfalls wirkten die Türken von der ersten Minute an wie eingeschüchterte Jugendspieler. Was hatte Djordjevic vor Istanbuls Spielmacher Scottie Wilbekin gewarnt, vor den physisch starken Guards und deren Offensivqualitäten. Doch nach sechs Minuten stand ein für den Gegner regelrecht erschreckendes 15:2 auf der Videowand. Ein ums andere Mal rollten Münchner Angriffe auf den gegnerischen Korb, ein ums andere Mal fand der Ball ins Ziel. Auf Seiten der Gäste fielen viele schwierige Würfe - und doch hätte der FCB sogar deutlicher führen können. So waren die Türken auch mit dem 11:15-Rückstand nach dem ersten Viertel noch passabel bedient.

Trainer Djordjevic hatte gewarnt - und genau so kam es dann auch

Zudem brachten die Bayern in der Defensive eine Intensität auf das Parkett, die Darussafaka die Luft zum Atmen raubte. Istanbul war von der Rolle, die Körpersprache der selbstbewussten Bayern verunsicherte die Gastgeber zusätzlich. Angeführt von Center Devin Booker, der zwölf Punkte erzielte, und dem kaum zu stoppenden Jared Cunningham zog der Gast unaufhaltsam davon. Doch der im ersten Durchgang so blasse Darussafaka-Spielgestalter Wilbekin gab seinen Kollegen mit einem Dreier zum 30:47 den Glauben an eine Rückkehr mit in die Kabine.

Trainer Djordjevic hatte noch gewarnt, dass man es in der zweiten Halbzeit mit einem anderen Kontrahenten zu tun bekommen werde, was im Zusammenspiel mit der Kulisse, die in der ersten Halbzeit gespenstisch still war, auch eine andere Partie ergeben werde. Doch offenbar hatten die Seinen nicht aufmerksam genug gelauscht. Oder es ob der ersten Halbzeit schlichtweg nicht für möglich gehalten, dass sich dieser Gegner in der Kabine selbst reanimieren kann.

Stanton Kidd versenkte den letzten Dreier - das war's

Konnte er, und wie. Angeführt von jenem Scottie Wilbekin, dem in der ersten Halbzeit so gar nichts gelingen wollte, startete Istanbul mit einem 8:0-Lauf in das dritte Viertel. Und es geschah, was Djordjevic befürchtet hatte, Darussafaka verkürzte den Rückstand mit nicht erwarteter Leichtigkeit - und bedenklicher Geschwindigkeit. Nun gelang den Bayern nicht mehr viel: Schlechte Würfe, falsche Entscheidungen und Fehlpässe verunsicherten die Münchner zusehends. Auch wussten sich die Türken in ihrer Abwehrarbeit zu steigern. Ein Dreier von Ozdemiroglu stellte den 58:61-Anschluss für Istanbul her, längst war es ein Spiel auf Augenhöhe geworden.

Münchens Topscorer Cunningham, der 20 Punkte erzielte, gelangen zwei Freiwürfe zum Fünf-Punkte-Abstand vor dem letzten Viertel (63:58). Das Momentum war indes auf Seiten der Gastgeber.

Nun war es ein Spiel der Nerven, wie man es in einem Halbfinale im internationalen Geschäft erwarten darf. Istanbuls mittlerweile überragender Point Guard Wilbekin, der 24 Punkte erzielte und längst seine Klasse bewiesen hatte, stellte 54 Sekunden vor dem Ende auf 73:72 - es war die erste Führung Istanbuls im gesamten Spielverlauf! Cunningham konterte noch zum 74:73, doch ausgerechnet dem starken Routinier Reggie Redding (15 Punkte) unterlief elf Sekunden vor dem Ende der entscheidende Ballverlust. Stanton Kidd versenkte, 0,7 Sekunden vor Schluss, einen Dreier zum 76:74-Sieg - und zur 1:0-Führung in der Best-of-three-Serie. Am Freitag schon gastiert Istanbul zum zweiten Vergleich (20 Uhr) in München.