Von Andreas Burkert

Trotz des guten fünften Platzes bei der Europameisterschaft und ihrer Chancen auf die Olympia-Qualifikation üben die deutschen Basketballer Selbstkritik.

Man solle doch bitte ordentlich Wein trinken auf den schönen Erfolg, hat Dirk Bauermann im Fortgehen noch gerufen. Es ist der Schlusssatz einer beeindruckenden Imagekampagne gewesen, die der Trainer der deutschen Basketballer wohl auch in eigener Sache meinte durchführen zu müssen - in freier Rede und ganz ohne Flip-Chart. Die am Sonntag sogar recht überzeugend 80:71 gewonnene Partie um EM-Platz fünf gegen Kroatien hatten sie soeben erreicht durch einen schwer erkämpften Erfolg über Slowenien (69:65) - und damit die angestrebte Qualifikation fürs vorolympische Turnier nächsten Juli. Und trotzdem vernahm Bauermann nun tief unten im Madrider Palacio de Deportes erkennbar indigniert Fragen, die sich nicht nur am optisch sehr guten Ergebnis orientierten. ,,Das verstehe ich nicht'', entgegnete er, ,,wir können doch nicht alle zwei Jahre eine Sensation schaffen. Jetzt freuen wir uns doch, dass wir vor den Franzosen sind, vor Slowenien, Italien und der Türkei - ich finde das ja fast peinlich, dass ich das immer wieder erwähnen muss, und dass niemand sonst draufkommt.''

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Nowitzki erneut EM-Topscorer

Niemand hat ihm da widersprechen wollen, aber man muss den engagierten Bundestrainer ja auch verstehen. Dessen Markenzeichen ist zwar seit Jahrzehnten dunkle Kleidung, doch auch in den vergangenen zwei Wochen hat er häufiger erhellend darauf hingewiesen, ,,nur mit Gedanken an das Negative'' komme der deutsche Basketball nicht voran. Insofern ergab sich am Ende kein einheitliches Bild im deutschen Lager, denn direkt neben Bauermann hatte Dirk Nowitzki gestanden, der mit 24 Punkten im Schnitt zum dritten Mal nach 2001 und 2005 eine EM-Scorerliste anführte. Auch der Profi der Mavericks freute sich durchaus über den ,,wirklich versöhnlichen Abschluss'', an den er nicht mehr geglaubt habe. Denn bis zur Slowenien-Partie sei es ,,ein verkorkstes Turnier gewesen'', befand Nowitzki, ,,das müssen wir später mal analysieren.'' Und der Bamberger Kumpel Demond Greene, Samstag mit 16 Punkten (am Sonntag 10) erstmals eine Stütze, ergänzte, es sei kein Geheimnis, ,,dass wir nicht unseren besten Basketball gezeigt haben, das hat jeder gesehen, vor dem Fernseher und in der Halle''.

Vielleicht sollte sich der deutsche Basketball grundsätzlich auf einen Kompromiss einigen. Er darf und muss sich freuen über einen sehr ehrenwerten Rang fünf bei der kontinentalen Messe, deren enorme Niveaudichte eine WM übertrifft. Aber er sollte kritische Bestandsaufnahmen nicht beleidigt als anmaßende Untergangsszenarien abtun, wie dies all die Jahre und nun auch während der EM geschah. Seine Basketballlobbyisten erinnerten bisweilen an den deutschen Fußball, der sich über Epochen am Ergebnis berauschte und darüber Trends und Konzepte übersah - und den Anschluss verpasste. Die Schwächen sind offensichtlich und werden von Spielern auch benannt.

Erneut hat die Mannschaft von Nowitzki gelebt

Wie vom Berliner Johannes Herber, der nicht nur darauf hinweist, ,,dass es die anderen Teams geschafft haben, mit jungem Blut aufzufüllen''. In der Offensive habe man schlecht ausgesehen'', fügt er hinzu, ,,bei der Ball- und auch bei der Spielerbewegung, aber das lässt sich nun nicht mehr ändern''. Auch die günstigen Umstände des Duells mit den Slowenen erwähnt er von sich aus. 20 Stunden zuvor hatten diese nach großartigem Spiel und neun Punkten Vorsprung bei nur noch 1:37 Minuten auf der Uhr doch einen herzzerreißenden Viertelfinal-K.o. gegen Griechenland (62:63) kassiert. ,,Sie waren müde'', sagte Herber, nachdem die erst gegen Kroatien richtig befreit wirkende DBB-Auswahl mit Leidenschaft ein 44:54 (29.) gedreht hatte.

Erneut hatte sie vor allem von Nowitzki (28 Punkte, gestern 31) gelebt, obwohl die Wurfquoten - insgesamt nur 21 von 67 Dreiern - des drittbesten Turnier-Rebounders (8,7) die Werte des Kollektivs nicht übertrafen; aber er verausgabte sich, dabei bringt ihm das nun einen kräftezehrenden Juli 2008 ein. Denn sollte er mit Dallas bis in den später Juni in den NBA-Playoffs aktiv sein, ,,dann wär's schon hart, direkt zum nächsten Turnier zu gehen, da gibt es für den Körper keine Zeit zur Erholung''. Aber der fränkische Patriot will das auf sich nehmen, ,,es ist eben mein Traum, irgendwann mal bei Olympischen Spielen zu spielen''.

Nächsten Sommer (7. bis 13. Juli 2008) geht es also gegen elf Mitbewerber um die drei letzten Tickets für Peking, darunter neben den jungen Kroaten, dem Verlierer des gestrigen Spiels um EM-Bronze zwischen Griechenland und Litauen sowie den spät versöhnten Slowenen (Siebter nach dem 88:74 über Frankreich) auch beachtenswerte Mannschaften wie Brasilien, Kanada, Puerto Rico oder Neuseeland, der WM-Vierte von 2002. Der deutsche Kader dürfte sich bis dahin unwesentlich verändern. Italien-Profi Sven Schultze (29/Udine), der kurz vor der EM wegen Kreislaufbeschwerden ausfiel (Bauermann: ,,Ein Fehlalarm, wie sich zum Glück herausgestellt hat''), sollte zurückkehren; von den Jüngeren stehen am ehesten Tim Ohlbrecht (19/Bamberg), Misan Nikagbatse (26), Yassin Idbihi (24/beide Köln), der Nürnberger Christopher McNaughton (24/2. Liga Spanien), Dirk Mädrich (24/Quakenbrück) oder auch Nicolai Simon (20) und Philip Zwiener (22) von Alba Berlin im Blickpunkt. ,,Jan Jagla und ich haben beide gezeigt, dass wir hier spielen können'', sagte Johannes Herber, 24, der sich aber keinesfalls anmaßend anhören mochte. ,,Das Resultat gibt dem Trainer Recht'', befand er, ,,und jetzt sind wir erst einmal sehr glücklich, dass wir noch ein weiteres Jahr zusammen haben.''

Und darauf wurde sicherlich nicht nur mit Wein angestoßen.

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(SZ vom 17.9.2007)