Von Joachim Mölter

Die Baseball-Fans in den USA wählen den des Dopings höchst verdächtigen Homerun-Rekordjäger Barry Bonds ins All-Star-Team. Bei anderen Anhängern ist er verhasst.

Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, was an diesem Dienstag passieren wird, wenn der Baseballprofi Barry Bonds das Spielfeld in seiner Heimatstadt San Francisco betritt: Die örtlichen Fans werden ihm zujubeln, und falls sich doch einige Zuschauer trauen sollten, den Schlagmann der heimischen Giants auszubuhen, werden sie diese einfach überstimmen. So wie sie Millionen von Fans in Nordamerika überstimmt haben, als sie Bonds in die Startformation für das All-Star-Spiel gewählt haben, das traditionell zur Saisonmitte die vermeintlich besten Akteure aus National und American League zu einem Schauspiel zusammenbringt.

Barry Bonds 1988

Seit 1986 feiert Barry Bonds (rechts) seine Homeruns im Profi-Baseball, hier 1988 bei den Pittsburgh Pirates. (© Foto: AP)

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Für den Homerun-Rekord tut Bonds alles - genau das ist das Problem

Sportlich geht es um nichts bei diesen All-Star-Spielen, für die Zuschauer sind sie ein unterhaltsames Spektakel, für die Beteiligten bestenfalls eine Prestigeangelegenheit. Für Barry Bonds ist es dieses Mal viel mehr, nicht nur, weil es wohl sein letzter Auftritt bei einem All-Star-Spiel sein wird. In zwei Wochen wird er 43, von den San Francisco Giants hat er noch einmal einen mit 15,8 Millionen Dollar dotierten Einjahresvertrag bekommen, damit er seinen Traum verwirklichen kann - auch den zweiten wichtigen Homerun-Rekord der Major League Baseball (MLB) in seinen Besitz zu bringen. Den für die meisten Treffer in einer Saison hält Bonds seit 2001, da schlug er den Ball 73 Mal aus dem Stadioninnenraum hinaus, unerreichbar für die gegnerischen Fänger. Nun fehlt ihm noch die Marke für Homeruns in der gesamten Karriere. Bonds hat 751 gesammelt seit 1986, fünf fehlen ihm, um Hank Aaron an der Spitze der Bestenliste zu verdrängen. Dafür tut Barry Bonds alles, und genau das ist das Problem: Der Mann ist des Gebrauchs unerlaubter Hilfsmittel höchst verdächtig, zwar weder überführt, noch verurteilt, aber durch Indizien schwerstens belastet. Und mit jedem Schlag, den er dem Rekord näher rückt, spaltet er die Baseball-Anhänger ein wenig tiefer.

Dazu muss man wissen, dass die Homerun-Rekorde selbst für die statistikvernarrten Amerikaner eine besondere Bedeutung haben: Mit einem Schlag zu punkten, den Ball aus dem Feld zu dreschen - das fasziniert die Fans seit jeher am meisten. Und die Erinnerung an den ersten großen Homerun-Schläger der Baseball-Geschichte ist nach wie vor lebendig. George Herman Ruth, genannt Babe oder auch Bambino, wird noch heute verehrt als der Urahn aller Sportidole in den USA. In den zwanziger und dreißiger Jahren hämmerte Ruth die Bestmarken auf 60 Homeruns in einer Saison und 714 in seiner Karriere - Marken, die jahrzehntelang Bestand hatten. Erst 1961 wurde sein Saisonrekord überboten, 1974 dann seine Lebensleistung. Für wie sakrosankt und unantastbar die Amerikaner damals Babe Ruth hielten, kann man daran ermessen, dass der dunkelhäutige Hank Aaron Morddrohungen erhielt für den Fall, dass er es wagen sollte, den weißhäutigen Bambino zu übertreffen. Aaron vollendete seine Rekordjagd nur unter Polizeischutz.

Auch Barry Bonds wird heute unauffällig überwacht, aber nicht, weil er wie Aaron Afroamerikaner ist. Er ist der prominenteste Athlet, der in den Skandal um die nordkalifornische Firma Balco verwickelt ist, die offiziell Nahrungsergänzungsmittel herstellte und inoffiziell nicht nachweisbare Dopingsubstanzen vertrieb. Bonds' Name tauchte in den Kundenlisten auf, sein persönlicher Fitnesstrainer Greg Anderson wurde im Zuge des Skandals zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, der Profi selbst musste vor einem Schwurgericht aussagen, wo er freilich wissentliche Dopingeinnahme abstritt. Die vertraulichen Protokolle gerieten in die Öffentlichkeit und waren zentraler Bestandteil des 2006 veröffentlichten Buches Game of Shadows (Schattenspiele), in dem Bonds beschuldigt wird, seine Leistungen seit 1999 manipuliert zu haben.

Weil die MLB das seit Mitte der neunziger Jahre offensichtliche Doping-Problem lange ignoriert hat, ist Barry Bonds von der Liga nicht mehr zu belangen. Aber die staatlichen Ermittler bleiben ihm auf den Fersen - wegen Meineids vor dem Schwurgericht und wegen des Missbrauchs rezeptpflichtiger Mittel.

Außerhalb von San Francisco wird nun jeder von Barry Bonds' Auftritten von Schmähungen begleitet, in den Stadien halten die Zuschauer Plakate hoch, mit der Aufschrift "Betrüger" oder mit einer aufgemalten Injektionsspritze, Symbol des Dopingkonsums: Sie wollen nicht, dass Bonds sich den Homerun-Rekord von Hank Aaron auf betrügerische Weise aneignet. Nur in San Francisco halten die Anhänger zu ihm, wie durch die Wahl ins All-Star-Team dokumentiert ist. Die Zusammensetzung der Mannschaften ist ja Sache der Fans, sie dürfen in Stadien oder über das Internet abstimmen, wen sie gerne sehen möchten.

Und so wird es nun in San Francisco zu der bizarren Situation kommen, dass Barry Bonds von den einheimischen Fans gefeiert werden wird, als wäre er ein verfolgtes Opfer und nicht ein betrügerischer Täter. Die Ovationen werden ihm eine Genugtuung sein, zumal MLB-Chef Bud Selig als Gastgeber des Spektakels zuschauen muss. Der oberste MLB-Funktionär hat sich noch nicht entschieden, ob er auch bei Bonds' demnächst fälligem 756. Homerun dabei sein wird und der Leistung damit quasi seinen Segen gibt - oder ob er durch Abwesenheit sein Missfallen demonstriert. Hank Aaron hat im übrigen bereits angekündigt, seinem Nachfolger die Ehre seiner Anwesenheit nicht zu erweisen, wenn der ihm den Rekord abnimmt.

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(SZ vom 10.7.2007)