Der US-Baseball hat einen neuen Doping-Strafenkatalog, aber die erhoffte Signalwirkung bleibt aus. Von Michael GernandtB

Für den amerikanischen Sportfreund wäre der Dopingskandal um Balco, die dubiose kalifornische Firma von Victor Conte, längst kein Thema mehr, stünden die in den USA nicht sonderlich beachteten Leichtathletikgrößen Marion Jones, Tim Montgomery und Kelli White allein im Mittelpunkt der Angelegenheit. Weil aber der nach Präsident Bush derzeit wohl bekannteste Amerikaner verwickelt ist, Baseball-Profi Barry Bonds, köchelt der Drogenfall auch im dritten Jahr weiter. Dabei ist nicht die Tatsache vorrangig, dass Bonds bei den San Francisco Giants seinem Körper mit Hilfe unerlaubter Mittel aus dem Hause Balco ungeheure Konturen verschaffte. Das das nicht allein mit Spinat möglich war, hat die Amerikaner lange nicht interessiert, sie sahen in Bonds einen würdigen Homerun-König. Doch seit Bonds' Geständnis hat sich das geändert, immerhin steht der massige Sportler kurz davor, den wichtigsten Rekord im US-Sport zu verbessern: die 755 Homeruns von Hank Aaron, vergleichbar mit Gerd Müllers 365 Bundesligatoren - und dass dabei illegale Machenschaften von Bonds im Spiel gewesen sein könnten, geht doch zu weit.

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Die Sorge der Fans nahm zunächst George W. Bush in seiner traditionellen Rede zur Lage der Nation am 20. Januar 2004 zum Anlass, alle Profisportler zu mahnen, nun endlich weg zu kommen von den Drogen. Als Ende 2004 durch eine Indiskretion die Dopinggeständnisse von Barry Bonds und Jason Giambi (New York Yankees) bei einer Vernehmung der Grand Jury unter Eid öffentlich wurden, zog Bushs Büchsenspanner in Drogenangelegenheiten, Senator John McCain, nach: Er drohte der an einer Dopingabwehr eher desinteressierten Major League Baseball (MLB) mit gesetzlich verordneten strengeren Antidopingregeln. Unter dem Druck der Politik knickten Klubeigentümer, MLB-Führung und Spielergewerkschaft ein. Vergangene Woche einigten sie sich in Arizona auf ein Agreement. Die wichtigsten Neuerungen: Zu den bisherigen einmaligen Dopingtest in den Frühjahrscamps gibt es nun eine unbegrenzte Zahl von Kontrollen ohne Vorwarnung während der gesamten Saison sowie unangekündigte Tests außerhalb der Saison; ergänzt wurde die Liste der zu analysierenden Mittel, neu sind das Wachstumshormon HGH, Steroid-Vorläufer wie Androstenedione, die Balco-Designerdroge THG und Diuretika. Strenger gefasst ist auch der Strafenkatalog: zehn Wochentage beim Erstvergehen ohne Lohnfortzahlung, 30 Tage beim zweiten, 60 beim dritten, ein Jahr beim vierten Mal; im Gegensatz zu früher werden die Namen der Doper jetzt veröffentlicht.

Das Echo auf die neuen Regeln fiel gespalten aus. Lob kam nur von den Baseballern selbst. MLB-Commissioner Bud Selig nahm das Wort "historisch" in den Mund und befand: "Wir haben heute gehandelt, um das Vertrauen der Fans in unser großes Spiel wieder herzustellen." Pitcher Mike Stanton von den Yankees: "Jetzt wird es für die Jungs, die betrügen wollen, viel schwerer." Das erhoffte große Signal, das die Dopingmentalität im US-Sport verändert, ist das Agreement jedoch nicht. Eine Annäherung an den Doping-Code der für den olympischen Sport zuständigen Weltagentur Wada wurde nicht erreicht. Deshalb runzeln Fachleute die Stirn. Ihre Kritik konzentriert sich auf zwei Themen: die Ablehnung von Amphetamintests, die der MLB ein "viel zu kompliziertes Gebiet sind" (MLB-Vize Bob Manfred), und den Strafenkatalog. Gary Wadler von Wada sagte, es sei "schwachsinnig von Bud Selig zu glauben, er könne im Baseball von den Drogen wegkommen, ohne auf Amphetamine zu testen". Wada-Chef Dick Pound: "Jeder weiß doch, dass sie mindestens so verbreitet sind wie Steroide. Ein großer Schritt sind die neuen Regeln nicht." Wie diese ohne Amphetamin-Test einzustufen sind, verriet Balco-Chef Conte, der es wissen muss: "Es ist so, als würde man Handfeuerwaffen verbieten, aber Gewehre nach wie vor erlauben."

Senator McCain hat immerhin einen "Schritt in die richtige Richtung" wahrgenommen, aber auch "viel Raum für Nachbesserungen". Ihm sind die Strafen noch immer zu lasch. Tatsächlich sanktionieren andere strenger: Die Footballliga NFL sperrt Ersttäter vier Spieltage lang aus (entspricht 28 Wochentagen), Basketballer müssen fünf Spiele (14 Wochentage) zuschauen. McCain will beim vierten oder fünften Wiederholungsfall - dass so viele Verfehlungen einkalkuliert sind, sagt vieles über Doping im Baseball - lebenslang. Davor werden die Spieler indes durch ihre Gewerkschaft und ihre dort verbrieften Rechte geschützt.

Keine Vereinbarung wurde getroffen, wie mit den Geständnissen von Bonds und Giambi umgegangen werden soll. MLB-Chef Selig spricht von Vermutungen, "an denen wir uns nicht beteiligen". "Der Balco-Skandal wird wohl keinen großen Niederschlag finden", glaubt der frühere Commissioner Fay Vincent. Angesichts der neuen Regeln darf Barry Bonds auf die Nachsicht der Baseballfreunde hoffen, sollte er Aarons Rekord brechen - sie werden nun vermutlich weniger laut pfeifen.

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