Der Japaner Ichiro Suzuki hat den statistiksüchtigen Amerikanern nun auch noch einen ihrer letzten und legendärsten Baseball-Rekorde geraubt.
Als es vollbracht war, als das Holz zum 258.Mal in dieser Saison erfolgreich den Ball beschleunigte, da versagte sich Ichiro Suzuki, 30, jede banale Triumphgeste, zeigte kein verzerrtes Gesicht, keine geballte Faust, keinen manischen Tanz. "Im emotionalsten Moment meiner Karriere" ging Schlagmann der Seattle Mariners langsam auf die Ehrentribüne des Safeco Field Stadions zu, hielt kurz inne und verneigte sich dann vor den Nachfahren von George Sisler, jenes Mannes, der die Kunst des Balltreffens vor langer Zeit in derartige Sphären gehoben hatte, dass 84 Jahre niemand auch nur in seine Nähe gekommen war. Es musste eben erst Ichiro Suzuki über den Pazifik reisen, um den Saisonrekord für Hits (Getroffene Bälle) in der Major League Baseball (MLB) zu brechen. Suzuki verbeugte sich also tief vor der historischen George Sislers Leistung, fast sah es aus, als würde er sich entschuldigen.
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Amerikanische Sportfans sind süchtig nach Zahlen. Vor allem die Baseball-Ergebnisliste sieht aus wie ein Aufgabenbuch für höhere Algebra, alles wird notiert, analysiert und dokumentiert: Punkte, Läufe, Fangversuche, Wurf- und Trefferquoten, und für jede Einzelbewegung gibt es einen eigenen Rekord. Manche werden jedes Jahr verbessert, manche scheinen für die Ewigkeit in Stein gehauen. "Suzuki hat nur vier Jahre gebraucht, um sich in die Regie der Unsterblichen einzureihen", beschreibt die New York Times ein wenig verwundert den Aufstieg des japanischen Batters, "manche brauchen für eine derartige Bilanz eine ganze Karriere."
Zusammen mit Hideo Nomo (Los Angeles Dodgers) und Hideki Irabu (New York Yankees) hat Suzuki den Weg für japanische Talente in die MLB geebnet, doch anders als die anderen Baseball-Einwanderer ist Suzuki kein Pitcher, sondern ein Outfielder, also einer, der auch mit dem Schläger umgehen kann. "Er ist schnell, streng und geheimnisvoll", schreibt die Times, "und hebt sich von den Angebern und Feuerspuckern des modernen Baseballs ab."
Vielleicht ist es diese kühle Fassade auch der Grund dafür, dass Suzuki nun "nicht die Aufmerksamkeit für seinen unglaublichen Rekord bekommt, die er verdient", wie MLB-Chef Bud Selig in einem Fernsehinterview meinte. Als sich Mark McGwire und Sammy Sosa Ende der Neunziger Jahre einen Wettlauf um den Homerun-Rekord lieferten, zeigten die großen Fernsehsender den Showdown in Sondersendungen. Suzukis Rekord aber wird auch von den begeisterungsfähigen Sportkanälen mit Zurückhaltung aufgenommen.
Vielleicht liegt es daran, dass Suzuki für die Seattle Mariners spielt, ein Team ohne Titelchancen, vielleicht daran, dass er ein unspektakulärer Techniker und Arbeiter ist, der selten Homeruns schlägt und zwischen den muskelbepackten Anabolika-Androiden fast verschwindet. Nicht zuletzt ist Suzuki Ausländer, kein amerikanischer Held sozusagen, und obwohl gut 30 Prozent der MLB-Profis außerhalb der USA geboren wurden, müssen sich die Fans noch immer an die Internationalisierung der Nationalbeschäftigung gewöhnen.
Umso populärer ist Ichiro Suzuki in seinem Heimatland, der "japanische Michael Jordan" wird er genannt, obwohl die Beckham-Metapher vielleicht zutreffender wäre. Schließlich ist Suzuki mit einer TV-Moderatorin verheiratet, und in seinem Geburtsort steht ein Museum, das unter anderem Dreirad, Schulbücher und seinen ersten Baseball-Schläger ausstellt. Suzukis historischer Rekord wurde im mindestens ebenso baseballvernarrten Japan euphorisch verfolgt. "Die Japaner wurden in den USA lange als gesichtslose Menschen wahrgenommen, die von Autos und Elektrogeräten besessen sind", schrieb die Tageszeitung Asahi Shimbun, "das exzellente Spiel von Ichiro und sein positiver Charakter haben das Japan-Bild in Amerika verändert."
Suzuki selbst hat über diese Interpretation seiner Rekordleistung nur wenig zu sagen. "Ich kann darüber jetzt nicht nachdenken", sagte er am Sonntag nach der abschließenden 0:3-Niederlage gegen die Texas Rangers, bei der er seinen Rekord noch einmal auf 262 Treffer verbesserte, "vielleicht in ein paar Jahren." Die Ernüchterung ist verständlich, denn weitere Rekord-Gelegenheiten wird er erst einmal nicht mehr bekommen. Die Playoffs beginnen, und Ichiro ist nicht dabei - Seattle ist trotz seiner Treffsicherheit Letzter geworden.
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