Barcelona "Spanien ist deine Nationalelf!"

  • Gerard Piqué ist Verteidiger beim FC Barcelona und befürwortet das Referendum zur Unabhängigkeit Kataloniens.
  • Als er nun mit der spanischen Nationalmannschaft in Madrid trainert, wird er massiv beschimpft.
  • Er spielt im Team an der Seite von Sergio Ramos, der sich vor Kurzem mit Leuten fotografieren ließ, die faschistische Symbole zeigten.
Von Javier Cáceres

Es mutet bizarr an, wie der Fußball es immer wieder vermag, zum Spiegelbild gesellschaftlicher Realitäten zu werden. Als seien die Stadien keine Gemäuer, sondern aus Membranen gemacht. Wer's nicht glaubt, der muss derzeit nur nach Spanien blicken.

Am Donnerstag wird Spaniens Nationalelf in Alicante in der WM-Qualifikation gegen Albanien spielen, und der Weltmeister von 2010 kann sich glücklich schätzen, dass die beiden Partien gegen Italien, die den Spaniern durch einen Sieg und ein Unentschieden die Führung in der Gruppe G beschert haben, schon absolviert sind. Spaniens Nationalelf ist in so beispielloser Weise mit sich selbst und ihrem zerrissenen Land beschäftigt, dass eine Konzentration auf den Sport kaum möglich erscheint.

"Zieh dein Spanien-Trikot besser nicht an"

Unsere Autorin lebt als Deutsche in Barcelona. Lange war sie der Meinung, die Abspaltung von Katalonien sei absolut unwahrscheinlich. Jetzt drängt sie ihren kleinen Sohn zu neutraler Kleidung. mehr ...

Im Zentrum zwei Spieler. Hier Sergio Ramos, Andalusier, Spieler von Real Madrid und ein spanischer Nationalist jener Sorte, die nichts dabei findet, auch dann mit seinen Freunden auf der Yacht für ein Foto zu posieren, wenn diese faschistoide Symbole zeigen. Dort Gerard Piqué, Katalane, Profi beim FC Barcelona und spätestens seit dem Wochenende eine der emblematischen Figuren des Referendums für Kataloniens Unabhängigkeit, das Spaniens Verfassungsgericht für illegal erklärt hatte, das am Sonntag dennoch stattfand und dann durch Spaniens Polizei und die paramilitärische Guardia Civil niedergeknüppelt wurde. Es gab mehr als 800 Verletzte.

Fast 100 Länderspiele hat Piqué für Spaniens A-Elf bestritten, 2010 einen Welt-, 2012 einen Europameistertitel gewonnen. Gewiss: Er war immer wieder für Kontroversen gut. Vor ein paar Jahren provozierte er die Kollegen von Real Madrid mit bierseligen Kommentaren. Seither wird er, vor allem wenn er in Spanien für Spanien spielt, brutal niedergepfiffen. Vor ein paar Monaten kündigte er an, die Nationalelf nach der WM 2018 verlassen zu wollen, er sei die Anfeindungen leid. Kommt nun alles viel schneller? Gut möglich. Denn was bisher nur unterschwellig mitschwang - Piqués Unterstützung eines Referendums zur Lossagung Kataloniens von Spanien - bricht nun offen aus. Zwar hat sich Piqué nie offen für die Unabhängigkeit ausgesprochen, immer nur für eine Abstimmung darüber. Doch vielen Spaniern ist das zu viel. Als Spaniens Nationalelf am Montag bei Madrid ein öffentliches Training absolvierte, wurde Piqué wüst beschimpft: "Piqué, du Arsch, Spanien ist deine Nationalelf!", lautete ein Chor. "Hau ab!", ein anderer.

Dem blutigen Sonntag folgen Schmähungen beim Training

Die Schmähungen waren direkte Folge des blutigen Sonntags, der natürlich auch auf den Fußball abgestrahlt hatte - nicht nur, weil Piqué unter den Millionen Katalanen gewesen war, die am Referendum teilgenommen hatten. Vor Wochen hatte Spaniens Ligaverband LFP festgelegt, dass Barça am 1. Oktober gegen die UD Las Palmas spielen müsse, in Kenntnis des Datums des Referendums und also im Wissen darüber, dass es in Katalonien kein normaler Sonntag werden würde. Als am Sonntag feststand, dass Hunderte zu Opfern der Prügelorgie spanischer Sicherheitskräfte geworden waren, bat Barça um die kurzfristige Verlegung des Spiels, aus Sicherheitsbedenken. Doch die LFP, die von Javier Tebas, einem früheren Mitglied der Neonazi-Organisation "Fuerza Nueva" und damit einem radikalen Antiseparatisten geleitet wird, weigerte sich. Es sollte der Anschein der Normalität gewahrt werden, im Sinne der konservativen Regierung in Madrid. Barça, "das unbewaffnete Heer Kataloniens", wie der Schriftsteller Manuel Vázquez Montalbán den Klub einst taufte, spielte am Tag der vollen Urnen vor bizarr leeren Rängen.

Man habe so der Welt zeigen können, dass am Sonntag "nichts normal" gewesen sei, erklärte Barça-Präsident Josep María Bartomeu. Eine Absage wäre eine Minute lang eine Nachricht gewesen, so habe man 90 Minuten lang der Welt zeigen können, wie Katalonien leide, sagte Bartomeu am Montag. Er war da bereits in die Defensive geraten. Klub-Ikone Pep Guardiola sagte, man hätte keinesfalls spielen dürfen und wetterte gegen die Brutalität der spanischen Regierung.

Auch Piqué erklärte, dagegen gewesen zu sein, zu spielen. Er tat dies unter Tränen, nach dem 3:0-Sieg vor leeren Rängen. Er habe damit gerechnet, dass Spaniens Regierung versuchen würde, das Referendum zu verhindern, aber nicht mit solchen Gewaltexzessen, sagte er am Sonntag: "So haben sie es nur geschafft, Katalonien und Spanien noch mehr zu trennen." Er sehe zwar keinen Grund, aus der Nationalelf zurückzutreten. Nur wenn ihn Trainer Julen Lopetegui nicht mehr haben wolle, würde er abtreten, kein Problem.

Bei seinem Klub, dem FC Barcelona, liegen die Dinge ungefähr andersherum. Denn was wäre, wenn sich Katalonien tatsächlich von Spanien abspalten sollte? Spaniens LFP hat bereits mit sofortigem Ausschluss gedroht. Eine katalanische Liga mit Gegnern wie CE Europa Barcelona, Nàstic der Tarragona oder Girona wäre etwas klein und fad, um die Wettbewerbsfähigkeit (und einen Weltstar wie Lionel Messi) zu halten. Sollte es so weit kommen, werde geprüft, welcher Liga man sich anschließe, sagte Barça-Chef Bartomeu. Und brachte Bewerbungen in Italien, Frankreich oder England ins Spiel. Die Ligue 1 hat mit dem AS Monaco einen nichtfranzösischen, die Premier League mit Swansea City/Wales einen nichtenglischen Teilnehmer.

Barça spekuliert auf Wohlwollen, weil Barça dem aufnehmenden Wettbewerb höhere (Fernseh-) Einnahmen bescheren würde. Klar ist: Eine Aufnahme in die deutsche Fußball-Bundesliga ist, wie die DFL der Süddeutschen Zeitung erklärte, gemäß Statuten ausgeschlossen, allein schon, weil ein Aufstieg sportlich erstritten werden müsse.

Woran Spaniens Premier in Katalonien scheitert

Viele Katalanen stilisieren Mariano Rajoy zum Nachfolger Francos - obwohl er streng nach geltendem Gesetz regiert. Sein großes Manko besteht darin, dass er den Stellenwert von Empathie in der Politik nicht begreift. Von Thomas Urban mehr...