Michael Ballack hat ein gutes Turnier gespielt, dennoch bleibt die Laufbahn dieses begnadeten Mittelfeldspielers irgendwie ungekrönt.
Das Tor? Die dramatische Pointe der Partie lag zwar erst eine knappe Stunde zurück, aber Michael Ballack hatte Mühe, sich zu entsinnen, "nicht mehr vollständig" habe er dessen Geschichte präsent, sagte er und versuchte es trotzdem: "Ich glaube, es gab einen Eckball. Der wird abgewehrt.
Ballack kennt solche Momente nur zu gut. (© Foto: ddp)
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Und Pirlo macht es dann sehr, sehr gut. Normalerweise schießt man, aber er läuft quer zum Strafraum. Wir stehen davor mit drei Mann, aber können den Pass in die Tiefe nicht verhindern. Grosso trifft optimal den Ball, das macht er natürlich super."
Genauso hat es sich zugetragen. Ballack musste es aber auch wissen, er war der bestinformierte Augenzeuge, denn er hatte die wichtigste Szene des Spiels vor sich gehabt wie kein anderer unter den 65000 im Stadion - inklusive der übrigen Akteure.
Bei Pirlos Geniestreich stand er tief im Strafraum, ein paar Meter von der Fünf-Meter-Markierung entfernt. Auch er rechnete mit einem Schuss des brillanten Spielmachers aus Mailand, und auch er war überrascht, als auf einmal Fabio Grosso an den Ball gelangte, mitten im Strafraum alleingelassen wie ein Kind, das den Eltern im Kaufhausgetümmel verlorengegangen ist.
Ballack war dem italienischen Verteidiger in diesem Moment näher als jeder andere Spieler auf dem Platz, und doch war er genau die zwei, drei Meter entfernt, die ihm ein Eingreifen unmöglich machten. Jedenfalls jetzt, in der 118. Minute, am Ende eines Spiels, das für Ballack einen weiteren Gewaltakt bedeutet hatte.
Wie das Leben in den Tropen
Oder hätte der Kapitän noch eingreifen können? Hatte er zu spät reagiert? War es womöglich sein Konzentrationsfehler, der Grosso die Zeit und den Raum verschaffte für seinen Präzisionsschuss?
Jeder Richter würde diese Erwägungen abweisen und Ballack freisprechen, außer vielleicht einer: Ballack selbst.
Womöglich wird er nun daran denken, dass sich bestimmte Momente seiner Karriere wiederholen. Und er wird seinen persönlichen Anteil daran bemessen: vom Eigentor bei Bayer Leverkusens Unterhaching-Trauma im Jahr 2000 bis zum dreifachen Endspiel-Drama mit Bayer 2002, vom verpassten WM-Endspiel in Japan und den seriellen Champions-League-Pleiten mit dem FC Bayern - bis zum Torschuss von Fabio Grosso.
Das Feld hatte er unter Tränen verlassen, was eigentlich nicht weiter erwähnenswert wäre. Jeder deutsche Spieler hatte an diesem Abend Anlass genug, zu weinen; in den vergangenen Wochen war im deutschen Lager eine Atmosphäre geschaffen worden, die sogar einen Ozean von Tränen herausforderte.
Aber der Platz blieb trocken, ergriffen und stumm, aber gefasst drehten die Spieler ihre Ehrenrunde. Außer Ballack hat nur David Odonkor geweint, der 22-jährige Angreifer, dem diese WM wie eine Gruppenreise auf einen anderen Planeten vorgekommen sein muss. Um Odonkor kümmerten sich die Mitspieler, sie trösteten ihn immerzu, indem sie seinen Kopf tätschelten, und zum Schluss nahm ihn Lukas Podolski in den Arm und führte ihn vom Feld.
Ballack ging allein davon, er musste nicht getröstet werden, er kennt solche Momente schon.
Zum Zeitpunkt der nächsten WM wird Odonkor 26 Jahre alt sein, Ballack ist dann 33. Mindestens drei Jahre Profidasein in der Premier League liegen dann hinter ihm - vorausgesetzt er erfüllt seinen Vertrag beim FC Chelsea - und die besonderen Anstrengungen im Inselfußball werden an die Substanz gehen.
Ein Jahr hat den Preis von zweien
Mit dem Leben in der Premier League ist es wie mit dem Leben in den Tropen: Ein Jahr hat den Preis von zweien.
Man altert schneller. Ob Michael Ballack an der nächsten WM noch teilnehmen wird? Bei diesem Turnier hat er mit grandiosen Auftritten überzeugt, er steuerte seine Mannschaft, dominierte ihren Rhythmus und spielte wie ein Weltstar.
Nur im Spiel gegen Italien brachte er nicht mehr die Kraft zur großen Leistung auf, zumal ihm Sebastian Kehl durch Offensivdrang Raum für Bewegung nahm und manche Verantwortung für die Defensive überließ, die ihm Torsten Frings bis dahin abgenommen hatte.
Ballack rannte viel, er kämpfte, aber um auch noch seine Leute zu dirigieren und im entscheidenden Moment das entscheidende Tor zu schießen, dafür war er zu kaputt.
So beendet der torgefährlichste Mittelfeldspieler Europas das Turnier torlos (das verbleibende Spiel darf man ignorieren) und vor allem: titellos.
So bleibt die Laufbahn dieses begnadeten Spielers irgendwie ungekrönt. Drei Doubles mit dem FC Bayern sind schön - in Anbetracht der entgangenen Triumphe bedeuten sie aber nur einen Trostpreis.
Als ihn ein Reporter im Stadion auf seine Tränen ansprach und fragte, ob die Situation für ihn noch schlimmer sei als die vom verpassten Endspiel vor vier Jahren, da musste Ballack, der eben noch recht gelöst vom Spiel erzählt hatte, auf einmal schwer schlucken. Jedes Wort kostete ihn Mühe.
"Na ja", sagte er, "es sollte halt nicht sein." Die Augen bekamen einen Schimmer und wurden feucht, mit zerdrückter Stimme sprach Ballack: "Jetzt sind wir enttäuscht, aber wenn mal eine Woche vergeht ..." Dann kamen die Tränen zurück.
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