Auszüge aus der Dopingstudie "Gib uns doch auch mal diese Tabletten"

Jugendliche, die sich in der Umkleide über Anabolika austauschen, ein Vater, der seinen Sohn zum Betrug verführt und die tödlichen Nebenwirkungen ignoriert: Die viel diskutierte Dopingstudie schildert, wie rücksichtslos in der Bundesrepublik gedopt wurde. Die brisantesten Stellen im Überblick.

Von Lisa Sonnabend

Die sportinteressierte Öffentlichkeit ist erschüttert, seit Inhalte aus dem Bericht "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" bekannt geworden sind. Es schockiert, wie systematisch in der Bundesrepublik gedopt wurde, wie rücksichtslos Mediziner und Trainer vorgingen und wie das Vorgehen von der Politik geduldet und sogar gefördert wurde. Die Forscher haben zahlreiche Zeitzeugen befragt - und damit neue Erkenntnisse gewonnen. Süddeutsche.de hat die brisantesten Schilderungen aus der Studie zusammengetragen.

  • Offensichtliches Doping

Es mag überraschen, aber der Betrug im Sport geschah hierzulande nicht im Verborgenen, die Veränderungen am Körper der Sportler waren unübersehbar. Ein ehemaliger Sportler schildert seine Erfahrungen auf Seite 769 des Forschungsberichtes so:

"Ich hab also, wenn ich mit den Jungs trainiert hab, ich hab immer genau gesehen, wenn die, die haben, damals gab's Dianabol. (...) Die haben dann so'n Fresskopf gekriegt, sag ich, da sind die Augen so'n bißchen zu. Und da hab ich gesagt, oh, machste wieder 'ne Kur? Oh, woher weißte das? Hat man sofort gesehen. Ich hab so'n Leuten sofort angesehen, wenn die irgendwas da reingehauen haben."

  • "Gib uns das auch mal"

Geschah Doping ohne die genaue Mitwissenschaft anderer oder wurde in Athletenkreisen getuschelt? Ein Beispiel auf Seite 99 der Studie zeigt: Es war kein Geheimnis, dass viele Sportler nachhalfen. Man erkundigte sich und machte mit. Ein Zeitzeuge berichtet:

"Spätestens Mitte der sechziger Jahre begann ja der Athlet uns zu zeigen, was bei anderen Athleten konstitutionell passiert ist: Guck mal, was der in einem Jahr an Muskeln zugenommen hat, das haben wir vorher nie gesehen. (...) Gib uns doch auch mal diese Tabletten. Und die hatten sie in der Hosentasche, die hatten sie von anderen bekommen. Das war Dianabol. Die hatten also Dianabol in der Hand. Es war ja von keinerlei Verbot oder Untersagung die Rede. (...) Also haben die gesagt: Hier, das haben wir bekommen, und das haben wir von einem Freund bekommen, und die nehmen das schon fleißig. Und guck mal, was es da für Veränderungen gibt. Es waren also optische Unterschiede erst mal da, was wir durch Training nicht erreichen, und gib uns das auch mal."

  • Austausch in der Umkleidekabine

Doping war damals wohl nichts Ungewöhnliches - das macht Seite 103 des Forschungsberichtes deutlich. 1969 erlebte ein Sportler eine Situation in einer westdeutschen Umkleidekabine, wie sich in seiner Gegenwart mehrere Junioren ungeniert über Anabolika austauschten.

"Ich sitze in der Umkleidekabine und bin nach einem Training wirklich niedergeschlagen gewesen und erschöpft. (...) Und da geht die Tür auf, da kommen dann die [...] (Namen zweier Sportler in der Studie anonymisiert, Anm. der Redaktion) rein, dann kommt der [...] (Name des Sportlers anonymisiert, Anm. d. Redaktion) rein, dann kommt sein [...] (anonymisiert, Anm. d. Redaktion) hinein und die reden miteinander: Welche Tabletten, welche Pillen hat denn dir der 'Meister' gegeben? Hast du die weißen oder die roten bekommen? Welche sind denn nun besser? Und dann erklärten der [...] und der [...], dass es ja sinnvoll wäre, erstmal mit den weißen anzufangen."

  • Doping für den Sohn

Gewinnen um jeden Preis - so lautete die Devise vieler Trainer, Sportmediziner, Politiker oder Funktionäre in jener Zeit. Über Risiken und Nebenwirkungen wurde nur unzureichend aufgeklärt - auch wenn bekannt war, dass Doping negative Folgen für die Potenz oder das Herz hat. Ein Sportmediziner erzählt auf Seite 707 der Studie von einem Bekannten aus der damaligen Zeit, der seinen Sohn zu Höchstleistungen trimmen wollte und dem dabei jedes Mittel Recht schien.

"Sein ältester (Sohn, Anm. d. Redaktion) sollte in seine Fußstapfen und möglichst ein erfolgreicher Radprofi werden. (...) Mit dem wurde alles ausprobiert, ich weiß nicht was. Am Anfang wusste ich noch so ein bisschen, was der da mit dem macht. Und später wusste ich nicht mehr, was er mit dem macht. Sondern da kam er nur alle vier bis sechs Wochen an, musste ich den untersuchen, ob noch alles okay ist. Ob es gesundheitlich noch alles in der Reihe ist usw. (...) Dann habe ich irgendwann gesagt: Ich kann das nicht verantworten, was Du mit ihm machst usw. Und mittlerweile ist der ja auch schon längst gestorben. Der ist nicht alt geworden. Der hatte wie sein Vater eben nen Herzstillstand bekommen."

  • Kritiker unerwünscht

Wer ist sauber, wer macht mit? Auch die Trainer kalkulierten offenbar genau, wem sie Doping anboten und wem vielleicht lieber nicht. Bei Sportlern, von denen Kritik zu fürchten war oder gar Rebellion, wurde das Thema Doping lieber ausgeklammert - aus Angst, dass sie an die Öffentlichkeit gehen könnten. Aufklärer hatten zumindest weniger zu befürchten als in der DDR. Doch es war auch in der BRD nicht einfach, das System auffliegen zu lassen, wie das Beispiel eines Zeitzeugen von Seite 101 der Dopingstudie zeigt. Dieser erzählt:

"Als ich [Name des Trainers Ende 1960er] (in der Studie anonymisiert, Anm. d. Red.) mit dieser Thematik konfrontierte, da habe ich gesagt: 'Du bist ein Schwein, im Grunde, weil du ein 14-jähriges Mädchen, weil du 16-jährige Jungens und die gesamte Mannschaft ansonsten mit diesen Dopingmitteln versorgst.' Und er hat dann so reagiert, dass er sagte: 'Für die Leute ist es eine fantastische Hilfe, aber für dich sind diese Mittel überhaupt nicht geeignet.' Er hat also im Grunde nur, weil ich auch im Vorfeld immer schon seiner Trainingsmethode gegenüber kritisch geäußert hatte und für ihn unangenehme Fragen gestellt habe, hat er mich da so 'rausgelassen, denn ich war wohl nach seiner Einschätzung ihm gegenüber zu kritisch. Und ich hätte unter Umständen ja auch etwas nach außen erzählen können."

Dem Sportler blieb nichts anderes übrig, als daraufhin den Ort zu wechseln und woanders weiterzutrainieren. An die Öffentlichkeit wandte er sich nicht - aus folgendem Grund:

"Ich sagte ihm: 'Nach meinen Erkenntnissen ist es ja so, dass Du zwei bekannte Sportmediziner an Deiner Seite hast, die Deine Dopingpraktiken mit unterstützen. Und wenn ich als [...] (Name des Sportlers anonymisiert, Anm. d. Red.) und nicht mit den Verbindungen, die Du zur Presse hast, in die Öffentlichkeit gehe, dann wird es in der Öffentlichkeit ein Hin und Her geben. Das heißt: Ich klage Dich an und Du kannst mit der geballten Kraft der Presse im Rücken und auch mit den Medizinern im Rücken antworten. Und dieses Thema wird immer zu meinen Ungunsten in der Öffentlichkeit ausgehen. Und deshalb werde ich mich jetzt hier verabschieden und ich werde nur sagen, dass ich mit Deinen Trainingspraktiken und dem, was Du hier in (...) tust, nicht überein gehe und mich deshalb von Dir trenne.'"

  • Tödliche Konsequenzen

Nebenwirkungen unbekannt? Oftmals wussten die Beteiligten doch Bescheid - das zeigt die Studie eindrucksvoll. Es wurden Ergebnisse verdreht und nur das Erwünschte kommuniziert, damit niemand aufgeschreckt wurde, so dass Testosteron und andere Mittel weiter verabreicht werden konnten. Ein Mediziner erinnert sich auf Seite 665 der Studie:

"Als ich wie gesagt 1973 nach [Ort] (in der Studie anonymisiert, Anm. der Redaktion) kam, dann wurde das schon immer deutlicher, und ich habe damals auch schon gesagt, dass man davon ausgehen kann, wenn das so weiter geht mit dieser unbegrenzten Einnahme, dass man mit frühen Todesfällen rechnen muss. Was ja dann auch eingetreten ist. Ich kann Ihnen nur sagen, um dieses Thema moralisch jetzt abzuschließen, dass bei den Treffen der Auswahlmannschaften von '66 bis '76, wo ich mit Verantwortung als Arzt getragen habe, die Ruderer auch jetzt zuletzt in Regensburg (...) mich in den Arm nehmen und sagen: 'Mensch, Doc, Klasse, wir leben noch. Über die Hälfte unserer Gegner sind schon alle tot.'"

  • Gruppendruck

Die Doppelmoral vieler Beteiligter war enorm, der Druck auf die Sportler ebenso - wie ein Beispiel auf Seite 770 des Berichts anschaulich schildert. Ein ehemaliger Athlet erzählt, wie er sich beinahe schon wehren musste, um dem Betrug zu entsagen.

"Er (ein Professor, Anm. der Red.) hat zu mir gesagt: "Junge, Deine Kollegen kriegen von mir ihre Depot-Spritzen alle sechs bis acht Wochen. Und sei nicht verrückt." (...) Ich hab gesagt, ich brauch so'n Scheiß nicht, auf Deutsch gesagt, und ich komm auch so klar. "Da haste keine Chance gegen die Leute!" Und den hab ich dann, ein Vierteljahr später war der dann in einer Fernsehsendung, und da haben sie dann über Anabolika gesprochen. Und da hat er gesagt: "Ja, also diese Manipulation von Leistungen, das kann ich ja nur verwerfen." Und sowas. Und da hab ich gesagt, Du verlogenes Arschloch, das kann doch wohl nicht wahr sein. Also die Doppelmoral!"

  • Folgen des Dopings

Wenn Muskeln nicht auf natürliche Weise trainiert werden, leidet meist die Gesundheit. Die Nebenwirkungen können vielfältig sein, manchmal gar tödlich. Die Sportler werden auch anfällig für Muskelverletzungen, wie dieser ehemalige Athlet auf Seite 774 des Berichtes beschreibt:

"Das ist ja so, den Muskel kann man entwickeln, durch Krafttraining, sieht man ja an den Bodybuildern, aber der Stützapparat, die Bänder und Sehnen und sowas, die wachsen nicht mit. Und wenn das so langsam wie bei mir geht über Jahre (der Athlet dopte nicht, Anm. der Red.), so'n stetiger Aufbau, dann geht das alles organisch mit. Und das andere ist halt, die Gefahr ist dann sehr groß bei Überlastung dann, dass dann irgendwelche Sehnen oder so nicht mehr mitmachen. Das waren also die Hauptverletzungen und dann ist natürlich auch ganz klar bei den Anabolika, die Herzkranzgefäße und sowas, die gehen dann zu."

  • Kampf gegen das Anti-Doping

Doping-Kritiker wurden meist schnell mundtot gemacht oder gar aus dem Verband ausgeschlossen, Anti-Doping-Bemühungen unterband man. Auf Seite 746 berichtet ein Sportmediziner:

"Unsere Kommission, die damals gebildet worden ist, die stieß ja nicht nur auf offene Arme: Toll, dass ihr das macht. Sondern es war eher so - hinter der Hand erfährt man das dann - dass gesagt wurde: Diese Kommission sei ein Verein, die Totengräber des Leistungssports. Was ja totaler Blödsinn ist, aber man sieht daran, dass da irgendwo Emotionen getroffen worden sind."

  • Doping und politische Verstrickungen

Die Politik hat nicht nur Bescheid gewusst über die Dopingstrukturen im Sport, die Interviews mit den Zeitzeugen deuten zudem immer wieder daraufhin, dass die leistungssteigernden Präparate sogar gewollt, gefördert und erzwungen waren. Auf Seite 745 der Studie berichtet ein Beteiligter:

"Einer der damaligen Innenminister, der hat den Satz geprägt: 'Unsere Athleten sollen die gleichen Voraussetzungen und Bedingungen haben wie die Ostblockathleten.' Das kann ja als Begründung für ganz vieles herangezogen werden."

Fünf Seiten später heißt es:

"Ich bin sicher, dass die eine Anweisung bekommen haben, ich weiß es aber nicht. [...] Das Motto hieß ja, hatte ich schon gesagt: Wir wollen genauso gut sein wie die DDR und möglichst die UdSSR. Und da ist uns im Prinzip jedes Mittel recht, jedes. Nur: Es darf nicht in die Öffentlichkeit kommen und irgendwo ein Pressethema werden."

In der Bundesrepublik wurde also in bislang nicht bekanntem Ausmaße gespritzt, geschluckt, manipuliert, betrogen, verschwiegen und vertuscht - und nun ist es doch noch an die Öffentlichkeit gelangt.