Südkorea ist seine Vergangenheit und Russland seine Zukunft - in der Gegenwart verwöhnt der 59 Jahre alte Mann Australien. Er hat auch in dieser Funktion gerade einen historischen Erfolg geschafft, obwohl er zwischen allen Stühlen sitzt.
Das Morgentraining war gerade vorüber, da kam ein Korrespondent vom südkoreanischen Fernsehen vorbei. Wie Südkorea gegen Togo gewinnen könne und was bei dieser WM von Südkorea zu erwarten sei, wollte der aufgeregte Reporter wissen.
Guus Hiddink beim Training mit seiner Mannschaft (© Foto: AFP)
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Guus Hiddink blieb in seinen Badeschlappen und gelbgrünen Sportklamotten mit den Initialen GH auf der Tartanbahn neben dem Öhringer Übungsplatz stehen und gab auf Englisch Ratschläge. Die Erwartungen in Südkorea seien zu hoch, warnte der Holländer am Ende väterlich und unterschrieb auf einem Plakat des TV-Kanals.
Der Motor von Australiens Mannschaftsbus lief schon, Hiddink wollte gehen, doch nun drängte der Gesandte eines russischen Rundfunksenders. Wann er nach Russland komme, erkundigte sich der Berichterstatter hektisch. Nach der Weltmeisterschaft, antwortete Hiddink ruhig, Russlands Mannschaft sei ein bisschen am Boden, aber das kriege man hin.
Eine Art Gottheit
Dazu muss man wissen, dass der Fußballlehrer Hiddink 2002 Nationaltrainer Südkoreas war, die Gastgeber bei ihrer WM ins Halbfinale führte und auf Platz vier, zum größten sportlichen Erfolg in Südkoreas Geschichte.
Seitdem ist er dort eine Art Gottheit, südkoreanische Touristen pilgern bei Europareisen in seine Heimatstadt Doetinchem wie an einen Wallfahrtsort. Nach der WM 2006 wiederum wird Hiddink die russische Auswahl übernehmen und versuchen, die ehemalige Großmacht zu neuem Leben zu erwecken.
Südkorea also ist seine Vergangenheit und Russland seine Zukunft - in der Gegenwart verwöhnt der 59 Jahre alte Mann Australien. Er hat auch in dieser Funktion gerade einen historischen Erfolg geschafft, obwohl er zwischen allen Stühlen sitzt. Wie es Weltenbummlern halt manchmal so geht.
Zuletzt pendelte Hiddink bereits zwischen Eindhoven, wo er den Ehrendivisionär PSV 2005 zur niederländischen Meisterschaft führte, und Sydney, wo ihm im Herbst vergangenen Jahres bereits ein Coup gelang. Im Entscheidungsspiel gewann Australien gegen Uruguay und qualifizierte sich zum zweiten Mal überhaupt und zum ersten Mal seit 1974 für eine WM - seine Spieler hatten im Elfmeterschießen die besseren Nerven als die Südamerikaner, die unter der Niederlage noch immer leiden.
In der vergangenen Woche bezwang sein Ensemble nach 0:1-Rückstand mit drei Treffern binnen acht Minuten den Asienmeister Japan - es war der erste WM-Sieg, und es waren die ersten WM-Tore in Australiens Fußball-Geschichte, alle wurden geschossen von Angreifern, die Hiddink kurz zuvor eingewechselt hatte.
Magier-Fähigkeiten
Inzwischen werden ihm auch am anderen Ende der Welt Fähigkeiten eines Magiers zugeschrieben, schon gilt der Entwicklungshelfer als Kandidat für den Titel "Australier des Jahres".
Die Begeisterung reicht bis in die hohe Politik, die mit Fußball ansonsten eher wenig zu tun hat. "Ich denke, Guus Hiddink ist ein wahrer Held", sagte Anthony Albanese, Chef der oppositionellen Labour-Partei, "in jedem Fall ist er der größte Holländer aller Zeiten."
Abwehrchef Lucas Neill nannte ihn "ein wahres Genie". John O'Neill, Generalsekretär des australischen Verbandes FFA, schwärmte: "Er ist der Anführer. Er fordert die Spieler nicht nur fußballerisch, sondern auch im Kopf. Er ist einfach unglaublich."
Er traut dem Erlöser auch zu, mit seiner Elf am Sonntag in München gegen Brasilien zu bestehen. "Hiddink wird schon eine spezielle Taktik haben und sich etwas einfallen lassen. Es ist alles möglich. Der Hiddink-Faktor und der Teamspirit werden uns weiterbringen." Hiddink selbst will das nicht ausschließen: "Ich habe Vertrauen in die Spieler."
Ob er sich als Australier fühle, wurde er noch gefragt, als er in Öhringen endlich ins Auto stieg. "Ich könnte euch jetzt leicht sagen, ich fühle mich als Australier", erwiderte Hiddink cool und grinste.
"Vor vier Jahren hab' ich gesagt, ich fühle mich als Südkoreaner. Ich will niemanden veralbern. Ich bin ein Bauernjunge, der gerne durch die Welt reist. Aber ich bin Holländer."
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