Jo-Wilfried Tsonga setzt die Außenseiter-Serie bei den Australian Open fort. Auch vor seinem Halbfinalgegner Rafael Nadal hat der Franzose keine Angst.
Ältere Zuschauer, deren Gedächtnis über Roger Federer und Rafael Nadal hinausreicht, sind sich sicher, Muhammad Ali bei den Australian Open gesichtet zu haben. Das wäre insofern keine Sensation, als einem hier halbe Legenden wie Mats Wilander und Guillermo Vilas und Pat Cash dauernd über den Weg laufen. Die Zuschauer könnten aber schwören, sie hätten den jungen Ali gesehen: das agile Schwergewicht, das agitiert und animiert, auf seiner Bühne tänzelt und mit seiner Präsenz einschüchtert; das die Zuschauer so sehr aufputscht wie sich selbst und aus diesem Wechselstrom zusätzliche Energie schöpft, so dass er der Monsieur 100.000 Volt des 21. Jahrhunderts ist. Der Mann, der für diese Verwirrung verantwortlich ist, trägt den Namen Jo-Wilfried Tsonga und könnte nicht zufriedener sein: "Diese Vergleiche schmeicheln mir. Ali ist eines meiner großen Vorbilder."
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Favoritenschreck und Liebling der Zuschauer
Der dunkelhäutige Sohn eines Chemielehrers aus dem Kongo möchte dennoch lieber Jo (mit der Intonation "Dscho") als Ali genannt werden, und er will mehr als nur den Vergleich mit dem Meister aller Klassen: "Ich sehe ein bisschen so aus wir er früher, aber mir wäre es lieber, ich könnte so agieren wie er: wie ein Schmetterling." Tsonga - 1985 in Le Mans geboren - ist zu jung, um Ali je kämpfen gesehen zu haben. Aber mit den Jahren hat er dessen berühmtes Motto "Float like a butterfly, sting like a bee" (Schwebe wie ein Schmetterling, stich zu wie eine Biene) verinnerlicht. Im Halbfinale wird er Rafael Nadal pieksen wollen (Donnerstag, 9.30 Uhr MEZ, live in Eurosport), und als nächster Mann in der Reihe der Außenseiter, die in Melbourne zum Favoritenschreck wurden (Arnaud Clément, Thomas Johansson, Rainer Schüttler, Marcos Baghdatis und Fernando Gonzalez erreichten in diesem Jahrzehnt jeweils das einzige Grand-Slam-Finale ihrer Karriere), wird er von den meisten Zuschauern unterstützt werden.
Sie schätzen ihn, weil er so spektakulär agiert und ganz offensichtlich auch für sie spielt. "Ich spüre das Publikum. Und ich will es teilhaben lassen an meinen Emotionen", sagt Tsonga. "Ich glaube, das ist wichtig für das Publikum - und auch für das Tennis, weil wir jemanden brauchen, der Spaß auf dem Platz hat und das auch vermittelt." Der bullige Athlet (188cm groß, 90 kg schwer) sieht also für einen Tennisprofi nicht bloß ungewöhnlich aus, er verhält sich auch unkonventionell: mit emotionalen Ausbrüchen, kleinen Tänzen und wilden Jubelarien. Manchmal erinnert er an einen Fußballer, vor dem Verteidiger Angst hätten. Dazu passt seine Fußballer-Geste, wenn er nach Siegen mit beiden Daumen auf seinen Rücken deutet, als stünde dort sein Name. Das sieht nicht sehr elegant aus, eher kraftstrotzend. "Ich bin eben kein Zauberer wie Ronaldinho", sagt Tsonga zu seinem Auftritt. "Artisten wie er sind im Tennis Leute wie Richard Gasquet. Ich bin eher ein Typ wie Didier Drogba. Ich habe nicht so viel Talent, aber ich habe die Power und den Willen."
"Nadal hat auch nur zwei Arme"
Tsonga ist zu streng mit sich. Wie einst Ali ist auch er für sein Gewicht verblüffend flink zu Fuß, viele seiner Bewegungen haben etwas unerwartet Graziles, und mit seinem feinen Handgelenk ist er für jeden Schlag gut. Seine offene Stellung bei der Vorhand, die jeden konservativen Tennislehrer wimmern lassen dürfte, sieht fast so aus, als wolle er seinem Gegner beim Schlag in die Augen gucken.
Mit Tsongas Durchbruch war früher gerechnet worden, schließlich hatte er 2003 als Junior die Finals in Melbourne und bei den US Open (gegen Baghdatis) bestritten. Aber dann musste er 2005 und 2006 oft mit Verletzungen aussetzen. Rücken, Schulter, Bauchmuskel, Bandscheibe, immer streikte irgendwas. Seine Landsleute Richard Gasquet und Gael Montfils - mit dem Tsonga als Junior oft stundenlang versucht hatte, den Hauruck-Aufschlag von Andy Roddick zu kopieren - bauten ihn in dieser Phase moralisch auf.
Tsonga nutzte derweil die Verletzungspausen dazu, an seiner Physis zu arbeiten. Das klingt widersprüchlich, aber Tsonga schuftete immer an irgendetwas, und der Unterschied zwischen den Jahren ist evident. 2007 scheiterte er in der ersten Runde von Melbourne weniger an Andy Roddick als an seinen Konditions- und Konzentrationsschwächen. Diesmal warf das Kraftpaket in der ersten Runde den an Nr.9 gesetzten Schotten Andy Murray aus dem Turnier und glitt als einziger Ungesetzter ins Halbfinale - wobei er auf seinem Weg in Kumpel Gasquet (Nr.8) sowie Michail Juschni (14) zwei weitere Gesetzte eliminierte. Die Größe der Rod Laver Arena schüchtert ihn nicht ein, sondern treibt ihn an. Das mag auch daher rühren, dass er nun schon drei seiner insgesamt sechs Spiele in Melbourne auf dem Hauptplatz bestritten hat.
Ein Schrei, ein Tanz, und das Publikum feuerte ihn noch mehr an als vorher
Er hat dabei sogar das Vulkanische in sich besser im Griff denn je. "Das muss ich, um meinen Fokus nicht zu verlieren", sagte er nach dem 7:5, 6:0, 7:6 (6) gegen Juschni, bei dem er sich den ersten großen Gefühlsausbruch bis zum verwandelten ersten Satzball verkniff. Dann jedoch brach es aus ihm heraus: ein Schrei, ein Tanz, und das Publikum feuerte ihn noch mehr an als vorher. Nach dem Matchball war Tsonga eher konfus: "Ich wollte weinen, lächeln, schreien, mich bedanken, ich wollte alles auf einmal." Das ging nicht, deshalb besann er sich zu etwas Ruhe und sagte in seinem lustigen Englisch, wie es nun weitergehen soll mit ihm: "Ich versuche, auf dieser Welt zu bleiben."
Ein bisschen abheben muss er schon in seinem Duell mit Nadal. Ob der Spanier in Gefahr sei, wurde Juschni gefragt. "Um Nadal zu schlagen, muss man sehr gut spielen. Tsonga hat gezeigt, dass er sehr gut spielen kann." Ob er Nadal fürchte, wurde Tsonga gefragt. "Er hat auch nur zwei Arme und zwei Beine, so wie ich", antwortete der Franzose. Wie so oft, wenn er einfach nur redet, hatte er bei diesen Worten komplett seine Körperspannung verloren. Er erinnert dann kaum noch an einen Sportler. Aber wehe, man lässt ihn ins Rampenlicht.
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(SZ vom 24.01.2008/lsp)
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