Novak Djokovic überwindet trotz Krämpfen Jo-Wilfried Tsonga und gewinnt das Finale der Australian Open. Dabei hilft ihm der Patriotismus seines Vaters auf den Zuschauerrängen.
Wie oft hat man es gesehen, dass ein Tennisspieler nach dem verwandelten Matchball rücklings hinfällt und erst einmal liegen bleibt? Aber selten wirkte diese Geste zum Ende einer Partie so angemessen wie im Finale der Australian Open. Novak Djokovic sank nicht einfach nur zu Boden, als Jo-Wilfried Tsonga die letzte Vorhand verschlagen hatte - er konnte einfach nicht mehr.
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Nach drei Stunden und sechs Minuten hatte der Serbe 4:6, 6:4, 6:3, 7:6 (2) gewonnen und trotz Krämpfen im vierten Satz seinen ersten Grand-Slam-Titel für sich und sein Land gewonnen. Als er wieder stehen und reden konnte, widmete er der Heimat in der Dankesrede seine letzten Gedanken: ,,Zu Hause wird jetzt ein Tollhaus sein. Ich bin sehr, sehr stolz darauf, der erste zu sein, dem das gelungen ist.''
Es sah nicht immer so aus, als dürfte er an diesem Abend so reden. Mitte des ersten Satzes war es soweit: Der Tsonga-Virus hatte auch Djokovic erfasst. Wie schon etliche Favoriten vor ihm wusste nun auch der Serbe nicht mehr, wie er sich wehren sollte. Nach einem nervösen Beginn mit je einem Break fing der ungesetzte Franzose an, die Kontrolle über das Spiel an sich zu reißen.
Anders als im Spiel gegen Rafael Nadal spielte Tsonga diesmal nicht durchgängig mit vollem Tempo. Ganz bewusst streute er ein paar langsame Schläge ein. Er verleitete Djokovic auf diese Weise zu dem Gedanken, er müsse nun attackieren - aber das war eine Falle, weil Tsonga so schnell kontern kann.
Zunehmend frustriert
Deshalb wirkte Djokovic zunehmend frustriert, auch als der Satz noch ausgeglichen verlief. Als Ranglistendritter galt er - trotz Tsongas Erfolgen gegen vier Gesetzte - als Favorit des Spiels, und nun merkte man dem 20-Jährigen aus Belgrad an, dass er wütend war, sich nicht durchsetzen zu können.
Djokovic' Körpersprache wurde negativ. Ratlos warf er seine Hände mehrmals in die Luft, immer wieder blickte er irritiert zu seiner Entourage. Gegen Ende des ersten Satzes lächelte er fast so wie Rafael Nadal im Halbfinale, aus Verzweiflung: Tsonga waren zwei absurde Gewinnschläge zum Satzgewinn gelungen, und die Rod Laver Arena bebte vor Begeisterung über den entfesselten Franzosen, der zu seinem Stuhl tänzelte und mit den Schultern rollte wie einst Muhammad Ali.
Nach dem Satzball sah man, von wem Tsonga sein Temperament hat und von wem die Ruhe, die manchmal wie Gleichgültigkeit wirkt: Während sein Vater, der aus dem Kongo stammende Chemielehrer und ehemalige Handball-Nationalspieler Didier, seinen Sohn heftig mit dem Armen rudernd anfeuerte, saß Tsongas französische Mutter, die Lehrerin Evelyne, fast ungerührt neben ihrem Mann und lächelte still.
Nicht überall im Stadion ging es ebenso ruhig zu. Novak Djokovic' Vater Srdjan hatte sich über die französischen Fans in Fußballertrikots beschwert, die in seinem Rücken für Stimmung sorgten. Dort trug sich eine der prägnantesten Szenen des ganzen Abends zu. Mitte des dritten Satzes verließ der Papa die Arena, und als er wieder kam, hissten plötzlich serbische Fans in der Reihe zwischen dem Djokovic-Clan (mit der Mutter und Novaks kleinen Brüdern) immer wieder eine mächtige serbische Fahne, die wie eine Mauer zwischen den Lagern wirkte.
Mit 213 km/h direkt auf den Körper
Obwohl er seinen Vater in der Loge vermisste, hatte sich Djokovic junior in der Zwischenzeit das entscheidende Break des Satzes erspielt, unter anderem mit dem wohl besten Return des Turniers: Er blockte ein 213 km/h schnelles Service von Tsonga auf seinen Körper mit einer instinktiven Rückhand, die so schnell zurückkam, dass der Franzose sich kaum bewegt hatte, als der Ball an seiner Grundlinie einschlug.
Während Djokovic sich nun locker bewegte und die Bälle flacher und geschickt die Linien entlang platzierte, wurden die Beine des Außenseiters schwer. Der dritte Satz verlief eindeutig. Doch im vierten Durchgang begann Djokovic direkt nach einem Stop von Tsonga, Probleme mit seinem linken Oberschenkel zu beklagen. Er ließ sich massieren, musste aber seine Taktik ändern: Weil er sich nicht mehr auf lange Ballwechsel einlassen konnte, suchte er nun immer öfter die schnelle Entscheidung, während Tsonga die Duelle strecken wollte. Die komplette Ausrichtung des Spiels hatte sich umgedreht. Bei 5:5 wehrte Djokovic einen Breakball ab, und im Tiebreak profitierte er von der Ungeduld des Franzosen.
Nun galt es, noch eine offene Rechnung zu begleichen. Vor zwei Wochen hatte der Serbe - Spitzname Djoker wegen seiner Witze und seiner Imitationen bekannter Spieler(innen) - das Publikum im Sturm erobert, als er Maria Scharapowas Manierismen nachahmte. Mit den Spielen hatte er die Zuneigung zunehmend eingebüßt, nicht zuletzt wegen seiner Äußerung nach dem Halbfinale, er habe gegen Roger Federer und das Publikum spielen müssen.
Im Finale kam der Punkt, an dem die Zuschauer eindeutig Tsonga favorisierten und Djokovic ausbuhten, als er einmal einen Ball wütend ins Netz hieb (,,Ich bin jung, ich kann meine Emotionen nicht immer kontrollieren''). Nun trat der 20-Jährige ans Mikrofon und sagte zu seinem Gegner: ,,Wenn du heute gewonnen hättest, wäre es genauso verdient gewesen.'' Und, ans Publikum gerichtet, mit einem Augenzwinkern: ,,Ihr hättet lieber Jo als Sieger gesehen... aber das ist okay, ich liebe euch trotzdem.'' Der Applaus zeigte, dass dies sein wirkungsvollster Winner des gesamten Abends war.
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