Von Milan Pavlovic

Mit Raffinesse und Gewalt zerlegt Jo-Wilfried Tsonga in Melbourne den Favoriten Rafael Nadal und zieht ins Finale der Australian Open ein.

Die Taktik war furchtbar simpel: "Hau auf jeden Ball", sei seine Devise gewesen, sagte Jo-Wilfried Tsonga. Es war das erste Mal, dass der Sohn eines kongolesischen Chemielehrers an diesem Abend geflunkert hatte. Oder aber er hatte keine Lust, nach englischen Wörtern zu suchen, die ausdrücken würden, was der 22-jährige Franzose soeben vollbracht hatte. Er hatte soeben als Ungesetzter das Finale der Australian Open erreicht, und nun sollte er erklären, wie er den Weltranglisten-Zweiten Rafael Nadal mit 6:2, 6:3, 6:2 zerlegt hatte. Tsonga, der von 15 000 ebenso hingerissenen wie fassungslosen Zuschauern gefeiert wurde, wollte aber nicht groß reden. Er war mit seinen Gedanken woanders, "bei meinen Eltern, bei meinen Freunden, jedenfalls nicht mehr auf dem Platz".

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Die Erklärung hätte auch zu viele Worte verlangt. Denn was Tsonga in diesem Halbfinale zeigte, war nichts weniger als das komplette Repertoire des Tennis: hart, lang, cross, kurz, weich, überrissen, unterschnitten, man könnte ganze Lehrbücher mit seinen Schlägen füllen. Er überraschte Nadal, indem er dessen gefürchtete Vorhand so lange malträtierte, bis dieser nicht mehr wusste, wo er sich hinstellen sollte. Er attackierte den Spanier immer wieder, aber nie auf vorhersehbare Weise. Er erwischte ihn immer wieder auf dem falschen Fuß, erzielte auf diese Weise 49 direkte Gewinner - fast viermal so viele als Nadal, der den zweiten Satz verlor, obwohl er einen einzigen unerzwungenen Fehler beging.

Damit nicht genug. Anfang des zweiten Satzes erfand Tsonga einen neuen Schlag: den Rückhandschmetterstop. Nadal stand da und staunte. Ein paar Minuten später, zwischen Assen und anderen Feinheiten, holte sich der Franzose einen Breakball mit einem Volleystop, der sich zum Netz zurückdrehte. Er besorgte sich das Break mit einem offensiven Schmetterball nach einem seiner unzähligen aggressiven Angriffsbälle. Nadal stand da und grübelte. Als der Schiedsrichter im dritten Durchgang, bei Nadals dritter und letzter Breakchance, eine groteske Fehlentscheidung gegen den Außenseiter traf, die andere Spieler aus der Bahn geworfen hätten, diskutierte Tsonga kurz; dann drehte er sich um - und schlug ein Ass. Gegen Ende der unglaublich einseitigen Partie schlug der Franzose weit im eigenen Feld einen Schmetterball, der aus geschätzten 100 Meter fast senkrecht aus der Luft kam, in die äußerste Ecke der andere Seite. Nadal stand da. Er lächelte ungläubig.

Man kann das alles vielleicht mal auf dem Trainingsplatz ausprobieren. Aber nicht im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers. Nicht als Debütant. Nicht gegen Rafael Nadal. Nicht über drei Sätze. Tsonga tat all das. Und noch mehr. "Was ich auch gemacht habe, hat funktioniert", sagte Tsonga. "Ich wusste auf alles eine Antwort. Bis ich keine Fragen mehr hatte." Er tänzelte und schlug zu wie sein Vorbild Muhammad Ali, nur mit einem Tennisschläger, und er rannte wie Ben Johnson. Wenn das, was Tsonga vor dem Spiel zu sich genommen hatte, legal ist, wollte man sofort das gleiche haben wie er. "Ich habe mich bewegt wie noch nie", sagte er ungläubig. "Ich habe noch nie so gespielt. Ich war total locker, ganz im Gegensatz zum Viertelfinale gegen Juschni. Ich habe den Ball riesig groß gesehen und kaum Fehler gemacht. Und habe mir gesagt: Da muss der Ball hin. Und dann habe ich ihn dorthin gespielt. Ich fühlte mich unantastbar. Es war Magie!"

Rafael Nadal war etwas ähnliches im Januar 2007 in Melbourne passiert, als Fernando Gonzalez im Viertelfinale über den Spanier gerollt war wie eine Dampfmaschine. Aber damals war Nadal nicht ganz fit. Diesmal war er fit, aber chancenlos. "Ich muss heute akzeptieren, dass er unglaublich gespielt hat, viel, viel besser als ich", sagte der Spanier. "Ich war im Rhythmus, ich traf den Ball gut, aber er traf alles besser. Einige seiner Volleys habe ich nicht verstanden. Er hat alle Linien getroffen, aber das war kein Glück. Besser als Tsonga heute gespielt hat, war noch nie jemand gegen mich gespielt."

Warum hatte der Franzose so locker aufspielen können? "Er ist derzeit in der Zone", sagte Nadal, "er hat die beste Phase seines Lebens. Aber ich glaube nicht, dass er jede Woche so spielen kann", fügte der Spanier hinzu. "Sonst wäre er nicht die Nummer 38 der Welt. Sicher, wenn er so spielt, kann er im Finale Djokovic oder auch Federer schlagen. Aber Halbfinale und Finale sind völlig verschiedene Dinge. Und ich glaube, im Finale wird er den Druck spüren." Tsonga ist sich da nicht so sicher: "Ich glaube schon, dass ich diese Leistung hier noch einmal zeigen kann."

Als das Match vorbei war, wollte Jim Courier eines ganz genau wissen: "Jo", fragte er den Franzosen, "ich brauche eine Übersetzung: Was heißt es, wenn du Pffff! sagst?" Diesen Laut hatte der Interviewte gerade so ziemlich jeder seiner kurzen Antworten vorangestellt. Und sie mit einem Pffff! beendet. Also Jo, was bedeutet Pffff!? "Es bedeutet: I'm happy", antwortete Tsonga, und Courier, der als ehemaliger Weltklassespieler selbst weiß, wie man sich nach unbeschreiblichen Spielen fühlt, nickte wissend. Tsongas Tennis hatte an diesem Abend alle Antworten gegeben.

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(SZ vom 25.1.2008)