Von René Hofmann

Hitzköpfe ärgern die Tennisprofis: Im Publikum des Turniers von Melbourne inszenieren Serben und Kroaten fern der Heimat ihre politischen Konflikte.

Marin Cilic hatte genug Schimpfworte gehört, er war heilfroh, dass ihm der fünfte Satz erspart blieb. "Die Stimmung war angespannt und es gab viele Provokationen, vor allem als es spannend wurde. Vor solchen Fans zu spielen, ist hart" , sagte der Kroate. Sein Gegner, der Serbe Janko Tipsarevic, sah es genauso. Als er Cilic am Netz zu dessen 6:2, 6:3, 4:6, 6:3-Erfolg gratulierte, sagte er: "Spaß gemacht hat das heute wirklich nicht."

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Kroatische Fans feiern, feuern an - und pöbeln. (© Foto: AFP)

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Die Begegnung zwischen der Nummer 46 der Weltrangliste und dem aufstrebenden Cilic bei den Australian Open war gespannt erwartet worden. Weniger aus sportlichen Gründen, vielmehr aus politischen. In Australiens zweitgrößter Stadt leben viele Kroaten und viele Serben - und nicht immer geht es friedlich zu, wenn die sich am Sportplatz begegnen. Als die Wasserball-Nationalteams beider Länder vor zwei Jahren im WM-Halbfinale gegeneinander antraten, rückte die Melbourner Polizei mit einer Hundertschaft an.

Die verfeindeten Gruppen steigerten sich mit Beschimpfungen gegenseitig so hoch, dass sechs Randalierer aus dem Schwimmbad abgeführt wurden. Nach dem überraschenden 10:7-Erfolg der Kroaten wurde eine Straße gesperrt, um die Grüppchen auseinander zu halten und die Situation nicht eskalieren zu lassen. Die Länder liegen in einer tiefen Abneigung zueinander, seit sie Anfang der neunziger Jahre gegeneinander Krieg führten.

Marin Cilic wurde 1988 in Medjugorje geboren, er wohnt in Zagreb. Janko Tipsarevic stammt aus Belgrad. Der 24-Jährige ist ein nachdenklicher Athlet. Auf seinen linken Arm hat er sich einen Spruch von Dostojewski tätowieren lassen: "Die Schönheit wird die Welt erlösen." Als feststand, dass er in der zweiten Runde auf Cilic treffen würde, hatte Tipsarevic die Turnierverantwortlichen um ein Gespräch gebeten und ihnen einige Geschichten erzählt wie die vom Wasserball.

Sein Ziel: Sein Duell mit Cilic sollte auf einem großen Platz angesetzt werden. "Es gibt auf beiden Seiten viele Hitzköpfe", sagt Tipsarevic: "Wenn die aneinandergeraten, kann es gefährlich werden. Auf einem großen Platz ist das fast ausgeschlossen." Die Warnung kam an. Tipsarevic und Cilic durften als erste auf den Show Court Nummer zwei, um elf Uhr am Morgen, wenn die Bierstände auf der Anlage noch nicht lange offen sind. Der Alkohol heizt die Rauffreudigkeit an. In diesem Jahr darf jeder deshalb nur zwei Becher auf einmal kaufen.

Pfefferspray und Panik

Es ging laut zu auf den Rängen. Cilic wurde von den Serben beleidigt, Tipsarevic von den Kroaten. Immer wieder rief der Schiedsrichter die Gruppen zur Ordnung, einmal mit dem Hinweis: "Jungs, wir haben hier zwei Kerle, die ein wirklich schönes Spiel zeigen wollen. Lasst sie das doch bitte tun!" Im Januar sind Schulferien in Australien. Das schöne Sommer-Wetter sorgt für Picknick-Stimmung. Lange galt das Turnier deshalb als "Happy Slam". Seit drei Jahren muss es um diesen Ruf fürchten.

Damals gerieten vor der großen Videowand am Eingang kroatische, serbische und griechische Zuschauer aneinander. Flaschen und Fäuste flogen, Flaggen brannten. 150 Rabauken wurden schließlich hinausgeschmissen. Im vergangenen Jahr war die Polizei daraufhin so nervös, dass sie einem griechischen Schreihals, der keine Ruhe geben wollte, gleich mit Pfefferspray begegnete. Der aggressive Nebel trieb allerdings auch unbeteiligten Zuschauer die Tränen in die Augen. Panik brach aus.

Damit Ähnliches dieses Mal nicht wieder passiert, kündigte der Polizeichef schon vor dem ersten Aufschlag an: Wer sich daneben benimmt, muss mit einem Bußgeld von 100 Euro rechnen oder gar mit Arrest. Gänzlich konnte das die nationalistisch gestimmten Minderheiten jedoch nicht einschüchtern.

Am Montag gerieten auf einem der Außenplätze vor der Partie des Spaniers Alberto Martin Anhänger des Serben Viktor Troicki mit einer Gruppe Kroaten aneinander, die zufällig vorbeikam. "Das Kosovo ist das Herz Serbiens!", schrien die einen. "Das gibt es gar nicht mehr!", gaben die anderen zurück, bis Sicherheitskräfte dazwischengingen. Am gleichen Tag gab es auch auf Platz fünf Unruhe.

Bosnische Fans beschimpften beim Spiel ihres Landsmannes Amer Delic den US-Amerikaner Taylor Dent so vehement, dass der sich fünfmal beim Schiedsrichter beschwerte. "Sie haben Taylor bei seinen Aufschlägen gestört und es gab sogar während der Ballwechsel Sprechchöre. Das war zu viel. So etwas würde nirgendwo sonst toleriert", zürnte Dents Vater Phil. Der ehemalige Davis-Cup-Spieler warnt: "Wenn das so weitergeht, gibt es bald Krawalle."

Die Stimmung wird in jedem Fall rauer - und das ausgerechnet dort, wo die meisten Konflikte so weit entfernt scheinen. 15400 Kilometer liegen zwischen Melbourne und Belgrad. Trotzdem gibt es in der australischen Stadt eine umtriebige Gruppe, die sich über das Internet zu politischen Demonstrationen ebenso verabredet wie zum Besuch von Sportveranstaltungen. Bilder von Schlägereien mit Andersdenkenden werden auf der Homepage gerne als Werbung eingestellt.

Die meisten zeigen Jugendliche, welche die nach 1992 aus dem zerfallenden Jugoslawien hervorgegangene Republik kaum kennen dürften. "Es gibt auch in Österreich, Deutschland oder der Schweiz viele Serben", sagt der nachdenkliche Janko Tipsarevic, "aber die können sich ins Flugzeug setzen, sind in zwei Stunden in Belgrad und können sich das anschauen. Hier ist das schwieriger. Manchmal habe ich das Gefühl, je weiter und länger Menschen von ihrer Heimat entfernt sind, desto stärker pflegen sie die Nostalgie."

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(SZ vom 22.01.2009/jüsc)