Ausstellung des FC Bayern Zwischen Saudi-Arabien und "Judenklub"

"Fan von dieser Erinnerungskultur": Landauer-Neffe Uri Siegel (links), Charlotte Knobloch und Karl-Heinz Rummenigge.

(Foto: dpa)

Heikler Termin für den FC Bayern: Neun Tage nach einem umstrittenen Testspiel in Saudi-Arabien eröffnet Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge eine Ausstellung über die jüdische Vergangenheit des Klubs.

Von Benedikt Warmbrunn

Sanft ergreift Karl-Heinz Rummenigge die Hand der Frau neben ihm, es ist der erste Morgen einer neuen Woche, der erste Morgen nach einer turbulenten Woche, und Rummenigge ist ganz vorsichtig. Daher der sanfte Griff. Ein kurzer Händedruck. Dann ist das Band zwischen Rummenigge und Charlotte Knobloch zerschnitten. Rummenigge legt die Schere weg, er ist zufrieden.

Mit der Schere haben Rummenigge, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, und Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, den Weg frei gemacht für einen Blick in die Vergangenheit des Vereins, für einen Blick in die eigene Geschichte, auf die sie beim FC Bayern in den vergangenen Jahren sehr stolz geworden sind. Mit der Schere hat Rummenigge den Weg frei gemacht für einen Blick auf das Geschichtsbewusstsein des Vereins, das dieser in der vergangenen, turbulenten Woche etwas hat vermissen lassen.

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Knobloch und Rummenigge stehen in der Erlebniswelt des FC Bayern, diesem Vereinsmuseum in der Arena, hinter ihnen glänzen die Pokale. Vor dem Band öffnet sich die Tür in einen Nebenraum, zu einer Sonderausstellung ganz ohne Trophäen - die aber auch die Identität des Vereins beschreibt. "Kicker, Kämpfer und Legenden - Juden im deutschen Fußball und beim FC Bayern", heißt die Sonderausstellung.

Es ist kein leichter Termin für Rummenigge. Neun Tage liegt an diesem Vormittag das Testspiel der Mannschaft in Saudi-Arabien zurück, in einem Land, in dem viele Menschenrechte missachtet werden. In dem ein Blogger ausgepeitscht wird, in dem Frauen nicht ins Fußballstadion dürfen, in das Menschen jüdischen Glaubens nicht einreisen dürfen. Der FC Bayern hat lange zu dieser Reise geschwiegen (genauso wie zur Moralfrage beim Trainingslager zuvor in Katar, das von Menschenrechtsorganisationen ebenfalls kritisch gesehen wird).

Erst vier Tage nach dem Testspiel äußerte sich Rummenigge in einer Stellungnahme: "Der FC Bayern München als Verein verurteilt jede Form von grausamer Bestrafung, die nicht im Einklang mit den Menschenrechten steht, wie im aktuellen Fall mit dem islamkritischen Blogger Raif Badawi. Es wäre besser gewesen, das im Rahmen unseres Spieles in Saudi-Arabien deutlich anzusprechen." Es war späte Einsicht, und sie kam erst, als die öffentliche Verwunderung über das Gastspiel in Saudi-Arabien immer mehr zunahm.

Neun Tage nach diesem Testspiel läuft Rummenigge interessiert durch die Ausstellung, überall bleibt er stehen, liest, staunt, fragt. Der Vorstandsboss erfährt etwas über die 17 ehemaligen Vereinsmitglieder, die Opfer der Nationalsozialisten wurden. Knobloch tippt mit dem Finger mehrmals auf das Foto von Kurt Landauer, der Präsident des FC Bayern, der 1933 zurücktrat, der 1938 für vier Wochen im Konzentrationslager Dachau interniert wurde, der 1939 in die Schweiz flüchtete. Und der 1947 zurückkehrte.

Rummenigge betrachtet lange eine Reproduktion von Landauers Pass, mit dem dieser zurück über die Grenze kam. Rummenigge lässt sich Zeit, mehr als eine halbe Stunde, er liest einen Brief aus dem Jahr 1945 an den Münchner Oberbürgermeister Scharnagl, in dem der damalige Kassenwart vom FC Bayern als "Judenklub" spricht. Und er erfährt etwas über die fünf Dietwarte, die dem NS-Regime berichten sollten über all die Vorgänge innerhalb des Vereins. Als er das gesehen habe, sagt Rummenigge später, sei er "erst einmal erschrocken". Der FC Bayern habe immer geglaubt, sagt Rummenigge, dass wir "auch anders" waren, er fand es deshalb "gut, dass wir uns selbstkritisch mit dem Thema auseinandergesetzt haben".