Die Profis verpflichten sich vertraglich dazu, in der Öffentlichkeit keine Kritik am Arbeitgeber zu üben - das hohe Gut der Meinungsfreiheit zählt im Fußball nicht viel.
Grundsätzlich kennt der Rechtsstaat keine rechtsfreien Räume. Zumal die Grundrechte unabdingbar sind und gegen den Willen des Einzelnen nur unter besonderen Umständen eingeschränkt werden können. Solche Sonderrechtsverhältnisse existieren zum Beispiel im Strafvollzug, im Militär oder für Beamte; es leuchtet ein, dass ein zu Freiheitsstrafe verurteilter Täter nicht das Recht auf Freizügigkeit beanspruchen kann.
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Darf ein Fußballer wie Philipp Lahm die Einkaufspolitik seines Klubs kritisieren? (© Foto: Getty)
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Selbst in dieser Sphäre aber gelten Grundrechte insoweit, als sie nicht nach der Natur der Sache außer Kraft gesetzt sind. Das ist bei Profisportlern genauso wenig der Fall wie sonst im Arbeitsleben. Mithin steht Fußballern a priori dasselbe Recht auf freie Meinungsäußerung zu wie anderen Beschäftigten.
Ob sie nun mit einem Ball herumspielen, am Fließband eines Autoherstellers oder in einem Forschungslabor stehen - Arbeitern und Angestellten obliegt eine Treuepflicht gegenüber dem Arbeitgeber. Diese besteht unter anderem aus der Pflicht, in der Öffentlichkeit Stillschweigen zu bewahren über Tatsachen, die zu einer Geschäftsschädigung führen können. Es ist ein weites Feld, weil darunter nicht nur ein monetärer Schaden verstanden wird, sondern auch der Verlust an Image und Ansehen.
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Ob das im Fall von Philipp Lahm zutrifft, wird sicher von der Vereinsführung des FC Bayern anders gesehen als von jenem Teil der Öffentlichkeit, der mündige, auch freche Sportler bevorzugt oder - wie das Bundesverfassungsgericht - der Meinungsfreiheit einen sehr hohen Wert beimisst. Möglicherweise ist auch eine andere Ausprägung der Treuepflicht tangiert, die den Beschäftigten auferlegt, eine Störung des Betriebsfriedens zu vermeiden. Lahms Klage, andere Teams der europäischen Oberliga seien im Unterschied zu den Bayern auf sieben, acht Positionen erstklassig besetzt, wird seine Mitspieler nicht freuen, ist letztlich aber eine Kritik, die sich gegen das Management richtet: Es ist der Vorwurf systemloser Einkaufspolitik.
Die Welt des Profifußballs hat ihre Eigenheiten: Die finden sich in den Lizenzspielerverträgen des FC Bayern, die nach Aussage der Vereinsführung vorschreiben, dass jedes Interview nicht nur über den Club angefragt und organisiert, sondern auch von höchster Stelle autorisiert werden muss. Außerdem sei Kritik am Club, am Trainer und den Mitspielern "absolut tabu". Darauf lassen sich die Profis durch die Bank ein, auch auf einen sehr ins Detail gehenden Geldstrafenkatalog bei Verstößen gegen den Vertrag und sonstige interne Regeln.
Nach herrschender Meinung in der Rechtsabteilung der Deutschen Fußballliga können maximal drei Monatsgehälter fällig werden - angesichts der Millionengagen zwar happig, aber kein Armutsrisiko für Lahm und Kollegen. Geldstrafen ersetzen die im normalen Arbeitsleben üblichen Sanktionen, wo Arbeitgeber mit Verweisen, Abmahnungen oder Kündigungen auf vergleichbare Verstöße reagieren. Es hätte auch wenig Sinn, einen Spieler hinauszuwerfen, der für teures Geld geholt wurde, ist aber juristisch nur zulässig, wenn sich beide Seiten darauf einlassen.
Allerdings müssen Grundrechte im Kern beachtet werden; Vertragsklauseln, die an die Substanz gehen, sind unzulässig, auch wenn sie von beiden Partnern akzeptiert sind. Für den in Lizenzfragen versierten, auf Sport und Fußball spezialisierten Rechtsanwalt Christoph Schickhardt gilt eine klare Unterscheidung: Kein Spieler muss sich "abwatschen" lassen, er muss sich gegen sportliche Kritik wehren können - auch ohne Absprache mit dem Management.
Es sei aber indiskutabel, wenn sich ein Spieler oder Trainer in der Öffentlichkeit zur Vereinspolitik, zur Strategie seines Clubs äußert. Das hat Lahm zweifelsohne getan - ein ungewohnter Vorgang in einer Sphäre, die von nichtssagenden bis duckmäuserischen Interviews der Sportler beherrscht wird.
Wer von dieser ungewohnten, in der Sache konstruktiven Kritik angenehm überrascht ist, könnte argumentieren, dass das Riesengeschäft Profifußball auf Gedeih und Verderb die Öffentlichkeit braucht, die ständige und massive Begleitung durch die Medien. Eine Branche, die auch mit den staatlich garantierten Einnahmen der öffentlich-rechtlichen Sender alimentiert wird, könnte auch eine Verpflichtung haben, das hohe Gut der Meinungsfreiheit zu hegen und zu pflegen.
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(SZ vom 10.11.2009)
Drogeriekette wird abgewickelt
"Inhaltlich stimme ich mit Lahm ja in vielen Punkten überein, auch wenn mir seine Selbsteinschätzung nicht ganz passt (auf rechts ist er bei weitem nicht so souverän wie auf links und mir fehlt die Selbstkritik, denn seine Leistungen in den letzten beiden Jahren waren ja auch nicht das was man von ihm erwarten darf). Auch glaube ich, dass Lahm dieses Vorgehen bewusst so gewählt hat, gerade UM was zu bewegen. Die Konsequenzen seines Handelns wird er sicher auch bedacht haben. "
Es mag sein, dass er in den letzten zwei Jahren nicht das Optimum bringt, aber auch das muss man im Zusammenhang sehen.
Als Abwehrspieler ist davon abhängig, was seine Vorderleute bringen. Befreit nach vorne spielen, wenn er jedes Mal befürchten muss, dass er bei einem Ballverlust vorne in einen gefährlichen Konter rennt ist schwierig.
Er ist mehr hinten gefordert und kann sich nicht auf die perfekte Organisation in der Mannschaft verlassen.
Ich sehe ihn auch links stärker, aber kann man ihn bei den Bayern dort bringen?
Wer spielt dann für ihn links? Lahm mit dem Niveau, was er bringt ist, immer noch stabiler und konstanter, als das, was die ganzen anderen Aussenverteidiger bei den Bayern so bringen.
Das Streikbeispiel war nur ein Beispiel für Mitarbeiterkritik. Lahm streikt ja nicht, er arbeitet ordentlich, sagt halt jetzt mal öffentlich seine Meinung (und keiner weiß, wie oft er das schon intern ansprach.)
Das einzig wirklich Problematische für ihn, was ich sehe, ist die offene Kritik an der Unfähigkeit der Mittelfeldspieler insb. Van Bommel, Tymo und Schweinsteiger.
Aber den Schuh müssen sie sich auch anziehen, dass sie entweder nicht gut anspielbar sind, oder dann nicht wissen, wie sie den Ball schnell nach vorne bringen müssen.
@Diego666:
"Ist schon komisch, da werfen die einen Lahm vor, er würde nur das Offensichtliche aussprechen und alte Kamellen werfen, andere nennen es das ausplaudern von Betriebgeheimnissen. "
Sehen Sie, so gibt es eben unterschiedliche Ansichten und unterschiedliche Interpretationen ein und der selben Sache. Es mag ja sein, dass die Grundprobleme seit langem bekannt sind, dennoch gibt das Interview von Lahm eine völlig neue Dimension. Warum sonst ergibt sich nun so ein Aufschrei?
Sie berufen sich auf das Streikrecht? Mir wäre kein Fall bekannt, wo ein Mitarbeiter in einen Einzelstreik tritt, ohne Einbindung der Gewerkschaft und mit dem Zweck die Unternehmensleitung in ihren Entscheidungen zu kritisieren. Vor allem gibt es da ganz klare Regeln, bei welchen Themen Mitarbeiter ein Mitspracherecht haben und bei welchen nicht. Mir wäre bisher nicht bekannt, dass es einen Streik gegeben habe, weil ein Unternehmen die falschen Personen eingestellt hat, oder weil eine Unternehmensstrategie für den Mitarbeiter nicht erkennbar ist.
Inhaltlich stimme ich mit Lahm ja in vielen Punkten überein, auch wenn mir seine Selbsteinschätzung nicht ganz passt (auf rechts ist er bei weitem nicht so souverän wie auf links und mir fehlt die Selbstkritik, denn seine Leistungen in den letzten beiden Jahren waren ja auch nicht das was man von ihm erwarten darf). Auch glaube ich, dass Lahm dieses Vorgehen bewusst so gewählt hat, gerade UM was zu bewegen. Die Konsequenzen seines Handelns wird er sicher auch bedacht haben.
Dass die Vereinsführung jetzt reagiert, reagieren muss ist auch klar. Sollen sie sich hinstellen und sagen, klar liebe Spieler, bitte äussert Euch doch gerne und jederzeit vor der Kamera kritisch und sagt uns dass Ihr es eigentlich viel besser könntet als wir. Wir freuen uns auf die täglichen Pressemeldungen dazu...
Viele hier vermögen scheinbar nicht zu trennen zwischen wünschenswert und sinnvoll. Natürlich wäre absolute Meinungsfreiheit in allen Bereichen absolut wünschenswert. Aber letztlich gibt es immer gewisse Interessen, die dagegen stehen. Und der FC Bayern als Arbeitgeber hat eben auch Rechte, zumal sie vertraglich fixiert und vom Spieler unterzeichnet wurden.
Übrigens .. vor ein paar Wochen gab der Ex-Trainer der Berliner Hertha ein Interview. Für Aussagen wie "Meine Stärke war, dass ich immer nur Spieler mit Perspektive geholt habe" und "Der Club hat den Abgang von Dieter Hoeness nicht verkraftet" hat ihm Hertha BSC fristlos gekündigt. Obwohl ein Prozess läuft und der Richter wahrscheinlich fragen wird, ob die Beteiligten das ernst gemeint haben und noch ganz bei Trost waren.
Wo war denn da der Herr Roth? Oder die vielen anderen, die jetzt den "mündigen Sportler" Fipsi Lahm feiern? Also, mal die Frage an alle die, die jetzt mit Grundgesetz und werweißwas kommen, nur um wieder mal auf den "bösen, bösen Uli Hoeness" einzuschlagen. Welche Äußerungen waren krasser, die von Favre oder die vom Fipsi? Und welcher Verein hat überzogener reagiert, die Hertha oder die "bösen, bösen Bayern"?
Kleiner Tip: Immer erst mal nachdenken, bevor man seinem Bauchgefühl folgt. Soll der Schlüssel zum Erfolg sein ...
Wir haben das Recht auf freie Meinungsäußerung, und das ist gut so.
Egal, ob Philipp Lahm einer Zeitung ein Interview gibt, ob ein Arbeitnehmer sich in aller Öffentlichkeit negativ über seinen Arbeitgeber äußert, ob ein Rechtskonservativer es ablehnt, mit einem Türken Schach zu spielen oder ob ein Sechzger in der Südkurve der Bayern "Einmal Löwe, immer Löwe" brüllt,....in keinem dieser Fälle schreitet eine Art Gestapo oder Stasi ein, um den Täter dingfest zu machen.
Allerdings leben wir nicht isoliert, jeder für sich auf einer eigenen Insel. Wir interagieren - und da bleibt es nicht aus, dass auf Aktionen auch Reaktionen erfolgen. Unabhängig davon, ob diese Reaktionen auf zuvor getroffenen Abmachungen basieren oder aus anderen Beweggründen geschehen. Jeder muss wissen, was er tut. Philipp Lahm wusste ganz genau, was er tut.
" Grantlerhesse:
Ausplaudern von Betriebsgeheimnissen, öffentliche Kritik am Arbeitgeber... machen Sie das mal als Otto-Normal-Angestellter und Sie werden sehen, was passiert! "
Unpassende Beispiele
Ist schon komisch, da werfen die einen Lahm vor, er würde nur das Offensichtliche aussprechen und alte Kamellen werfen, andere nennen es das ausplaudern von Betriebgeheimnissen.
Es ist das Recht eines JEDEN Arbeitnehmers, Kritik an seinem Arbeitgeber zu äussern.
Sogar streiken und marschieren dürfen sie.
Die Frage ist, wo zieht man die Grenze und da sehe ich bei Lahm nichts, wo er irgendwas übertreten hätte.
Dass Fehler gemacht wurden, ist unübersehbar, er plaidert keine Geheimnisse aus, er sagt, was er für besser hält. Nichts weiter.
Gerade Lahm hätte sich einfach weigern sollen, irgendwas zu bezahlen.
Ein Zeichen dafür setzen, dass man mündige Spieler mit Charakter nicht nur fordern, sondern auch ermöglichen soll.
Paging