Champions League Atlético Madrid: Adrenalin immer, Poesie nie

Coach Diego Simeone hat eine Mannschaft gebaut, die stilistisch den Gegenentwurf zum geltenden Klischee spanischer Fußballkunst darstellt.

(Foto: Getty Images)
  • In der spanischen Liga liegt Atlético Madrid acht Punkte hinter Tabellenführer FC Barcelona. Dazu ist der Klub aus dem Pokal ausgeschieden.
  • Trotzdem träumt die Mannschaft vor dem Achtelfinale gegen PSV Eindhoven vom Gewinn der Champions League.
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Von Javier Cáceres

Das Leben ist noch immer schön am Manzanares. Dem Fluss, der durch Madrid fließt, und an dessen Ufer das Stadion von Atlético steht. In der Meisterschaft liegt die Mannschaft acht Punkte und damit abgeschlagen hinter Tabellenführer FC Barcelona; im Pokal ist das Team im Viertelfinale ausgeschieden. Aber die Ambitionen in der Champions League sind weiterhin gültig.

An diesem Mittwoch (20.45 Uhr im Liveticker auf SZ.de) tritt Atlético beim niederländischen Meister PSV Eindhoven an, um dort den Grundstein für das kontinentale Saison-Mindestziel zu legen, die Qualifikation fürs Viertelfinale. "Wir verstecken es nicht: Unser Traum ist der Gewinn der Champions League", sagt Atléticos Innenverteidiger Diego Godín.

Simeones Mannschaft ist adrenalingetrieben wie keine andere in Spanien

Zwei Mal wähnte sich Atlético in Europas Königswettbewerb bereits am Ziel. Beide Male zerstörten tragische, Mitleid erregende Treffer in letzter Minute die höchste Weihe: 1974 erzwang Georg "Katsche" Schwarzenbeck in Brüssel für den FC Bayern mit seinem 1:1 ein Wiederholungsspiel; 2014 köpfelte Real Madrids Verteidiger Sergio Ramos sein Team mit dem 1:1 in die Verlängerung. Atlético brach jeweils unter der Last der Enttäuschung zusammen: Gegen den FC Bayern ging man im zweiten Spiel 0:4 unter, im Finalderby von Lissabon siegte Real nach Verlängerung 4:1.

Nun hofft Atlético auf eine dritte Chance. Dass diese Hoffnung kein Hirngespinst ist, liegt daran, dass Atlético weiß, dass es in Europa kaum Mannschaften gibt, die als Gegner unangenehmer sind als sie selbst. Der Grund: Trainer Diego Simeone hat im schon fünften Jahr seines Wirkens eine Mannschaft gebaut, die stilistisch den Gegenentwurf zum geltenden Klischee spanischer Fußballkunst darstellt. Von wegen Anmut: "Atlético war nie Poesie, sondern immer Passion", schrieb einmal der Kolumnist Rubén Uria.

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Simeone, der einst selbst als giftiger Mittelfeldspieler beim zehnmaligen spanischen Meister zum Publikumsliebling wurde, traf mit seiner Strategie einen Nerv. Seine Mannschaft ist adrenalingetrieben wie keine andere in Spanien - aufopferungsvoll, kämpferisch, taktisch versiert und oft fast schon italienisch destruktiv. Probleme bekommt Atlético nur in Partien, die zu Stellungskriegen ausarten - also gegen Gegner, die Atléticos Ebenbild sind und ihr Hauptaugenmerk ebenso auf die Unterbrechung des gegnerischen Spielflusses legen.

In der laufenden Saison wurden in keinem Stadion weniger Tore erzielt

Das Wort "unmöglich" hat Simeone zum Fremdwort erklärt. Zuletzt stellte Atlético gegen den FC Barcelona unter Beweis, wie sehr es dies verinnerlicht hat. Bei der 1:2-Niederlage ging Atlético erst in Führung; und selbst nachdem die Elf zwei berechtigte Platzverweise erdulden musste, war Atlético am Ende dem Ausgleich näher als Barcelona einem dritten Tor.

Andererseits: Es kommt nicht von ungefähr, dass in der laufenden Saison in keinem Stadion der spanischen Liga weniger Tore erzielt wurden als im Calderón. Und es kommt auch nicht von ungefähr, dass der unlängst von Dortmund umschwärmte Spielgestalter Oliver Torres, der talentierteste Mittelfeldspieler Atléticos seit den Zeiten des verstorbenen Luis Aragonés (Trainer der spanischen Europameister 2008), bei Simeone keinen Platz findet. "Was ist für Sie eine Nummer 10?", fragte einst ein Journalist den Trainer Simeone. Antwort: "Eine Eins und eine Null."

Den Kern der Mannschaft bilden der slowenische Torwart Jan Oblak, der seine Vorgänger Thibaut Courtois (FC Chelsea) und David De Gea (Manchester United) vergessen macht, der wunderbare uruguayische Innenverteidiger Godín, die offensiven Außenverteidiger Filipe Luis (links) und Juanfran (rechts), Mittelfeldspieler Gabi - und vor allem die französische Offensivkraft Antoine Griezmann.