Interview: Thomas Hahn

Jamaikas Sprinter und Weltrekordhalter über 100 Meter Asafa Powell über seine Favoritenrolle bei der WM in Osaka und amerikanische Einschüchterungsversuche.

SZ: Mr. Powell, hatten Sie als Junge nie die Sehnsucht, in die USA zu gehen?

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Powell: Nie. Deshalb habe ich auch Ja gesagt, als der Trainer Stephen Francis mich fragte, ob ich Interesse hätte, mit ihm in Jamaika zu arbeiten. Ich hatte viele Angebote von US-Colleges, aber ich wollte da nicht hin.

SZ: Warum nicht?

Powell: Von neunzig Prozent der Athleten, die Jamaika verlassen, hörst du später nichts mehr. Ich wollte nicht einer von den neunzig Prozent werden.

SZ: Sie sind Teil einer neuen Generation jamaikanischer Athleten, die zeigen, dass man auch zu Hause Karriere machen. Ist Ihnen das wichtig?

Powell: Ja, lange Zeit dachten alle, in Jamaika zu bleiben, sei ein Witz, viele sagten zu mir: Du verschwendest deine Zeit, aus dir wird nie was. Wir haben das Gegenteil bewiesen, und jetzt kommen die meisten Athleten aus den USA zurück, um in Jamaika zu trainieren. Wir haben den Unterschied ausgemacht, und ich bin sehr stolz auf mich deswegen.

SZ: Warum glaubten die Leute nicht an Jamaika?

Powell: Jamaika ist ein sehr kleines Land, wir haben nur zwei Universitäten, und Jamaikaner sind meines Erachtens von Geburt an von falschen Vorstellungen beeinflusst. Wenn wir die Schule verlassen, heißt es, wir sollen in die USA gehen, weil dort die Universitäten besser seien, die Möglichkeiten, die Trainer. In Jamaika gäbe es nichts für uns.

SZ: Es gibt die Überlegung vom archaischen Leichtathletik-Kampf Jamaika - USA: Jamaika stehe für die Natur, Amerika für die Künstlichkeit des Fortschritts.

Powell: Im Hinterkopf hatten die Leute immer, dass alle Amerikaner Drogen nehmen, dass alles, was sie haben, ein paar Wissenschaftler sind, die Dopingmittel herstellen und dieses und jenes machen. Damit wächst man auf, das steckt in den Köpfen drin. Ich selbst sage über niemanden etwas. Aber die Amerikaner haben sich selbst in diese Schwierigkeiten gebracht. Sie wollen die Besten sein, sie haben sich in die Schwierigkeiten gebracht, damit sie die Besten werden können. Das war sehr schlecht für den Sport. Wenn jetzt noch jemand erwischt wird, verlieren sie noch viel mehr Fans.

SZ: Es gibt auch Jamaikaner unter Dopingverdacht, den Trainer Trevor Graham zum Beispiel.

Powell: Er hat Jamaika verlassen, als er sehr klein war, und die Leute erwähnen Jamaika im Zusammenhang mit ihm nur, wenn etwas Schlimmes passiert. Wenn nicht so viele seiner Athleten erwischt worden wären, hieße es immer noch: der amerikanische Trainer Trevor Graham. Die meisten Athleten gehen in die Staaten und fangen an, wie Amerikaner zu leben, wie sie zu sprechen. Deswegen ist alles möglich dort.

SZ: Sie wirken ruhiger als Ihre amerikanischen Kollegen.

Powell: Ich bin nicht wie andere Sprinter. Ich bin nicht gehyped und mache das ganze Zeug vor dem Rennen. Viele versuchen mich zu provozieren, aber das ist sehr schwer.

SZ: Ist das Ihre Art, den Gegner einzuschüchtern? Dieses Stillsein?

Powell: Ja, ich glaube, das ist sehr einschüchternd, weil die anderen denken: Er sagt nichts, er sollte mehr reden. Ich glaube, die Leute studieren mich, um es so zu machen wie ich. Aber das geht nicht. Niemand ist so wie ich.

SZ: Was denken Sie über den Amerikaner Tyson Gay, der auf dem Papier Ihr ärgster Konkurrent ist bei der WM?

Powell: Die Leute machen sich mehr Gedanken über meine Gegner als ich. Sie sagen, Tyson Gay läuft sehr gut, er könnte Asafa schlagen. Aber ich denke nur an das, was mein Trainer gesagt hat und wozu ich hier bin. Um schnell zu laufen nämlich und um zu gewinnen. Wenn sich meine Gegner über mich Gedanken machen, ist das ihre Sache. Ich mache mir über niemanden Gedanken.

SZ: Schwierig, die Leute fragen schließlich immer nach Ihren Gegnern.

Powell: Ich glaube, viele Leute wollen einen Showdown zwischen Tyson Gay und mir sehen. Egal. Ich kümmere mich nicht darum. Ich habe gehört, dass er dieses Jahr 9,76 gelaufen ist.

SZ: Mit zu viel Rückenwind.

Powell: Ich habe das Rennen nicht gesehen, ich schaue mir nicht sehr aufmerksam an, was andere Leute machen. Ich arbeite, um mich selbst zu verbessern, und wenn die anderen schnell laufen - gut für sie. Das belebt den Wettbewerb und ein besserer Wettbewerb ist besser für den Sport. Als Justin (Gatlin, der wegen Dopings gesperrte Weltmeister, d. Red.) und ich so schnell liefen, wollte ich das Duell. Ich war bereit dazu.

SZ: Er nicht?

Powell: Weiß ich nicht, vielleicht hat den Managern auch einfach nur das Reden Spaß gemacht.

SZ: Viele Amerikaner sagten vergangenes Jahr, als Sie ohne Niederlage durch die Saison kamen und zweimal Ihren Weltrekord einstellten, Sie müssten erst zeigen, dass Sie ein echter Champion sind, weil Sie noch keine Goldmedaille haben. Hat Sie das gestört?

Powell: Gar nicht, weil ich wusste, dass die Amerikaner einfach nur reden. Das ist alles, was sie machen: reden und versuchen, dich damit einzuschüchtern. Ich habe nur geschmunzelt, als ich davon hörte. Ich lasse mich von niemandem einschüchtern. Ich weiß, was ich kann, und ich werde beweisen, dass ich es kann. 2006 war großartig. Wenn das ein WM- oder Olympia-Jahr gewesen wäre, hätte ich zweifellos Gold gewonnen.

SZ: 2006 standen Sie das erste Mal so richtig in der Öffentlichkeit. Wie haben Sie die Medien erlebt?

Powell: In den Interviews ging es hauptsächlich um Doping, wegen der Sache mit Justin und so. Um Athleten, die dopen, und um mich, den Weltrekordhalter: Was ich darüber denke.

SZ: Verständlich.

Powell: Ja, verständlich. Justin und ich waren auf derselben Ebene: Er lief 9,77, ich schlug zurück und lief auch 9,77, und dann wurde er positiv getestet, also fragten sich viele Leute, ob ich auch dope. Die Leute denken: Wenn der so schnell ist, muss er auch was nehmen.

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