Arsenal empfängt Chelsea Kamera mit Rugbyhelm

Ein Sicherheitsmann, der die Seiten gewechselt hat: Arsenals Torwart Petr Čech, bis 2015 noch im Dienste des Stadtrivalen Chelsea.

(Foto: Nigel Roddis/dpa)

Geschichten rund um Petr Cech bestimmen das Vorprogramm der Partie des FC Arsenal gegen den FC Chelsea. Der frühere Keeper der Blues hat Arsenals Abwehrreihe stabilisiert.

Von Sven Haist, London

Verdächtige Stille hüllte das Trainingsgelände des FC Chelsea in Cobham ein. Die Spieler der Blues hatten den etwa 30 Kilometer südöstlich von London gelegenen Vorort bereits verlassen. Lediglich Trainer Guus Hiddink wachte als Hausherr noch über der golfplatzgroßen Anlage, als auf einmal ein alter Bekannter an Chelseas Eingangstor klopfte: Petr Cech. Elf Spielzeiten lang hatte Cech das Tor des Klubs bewacht, darunter im Jahr 2009 auch unter Anleitung von Hiddink während dessen erster Mission. Die überraschende Zusammenkunft der beiden hätte sich natürlich geeignet, um über die gemeinsame Vergangenheit zu schwelgen, aber der Besuch des Tschechen hatte einen dringlichen Hintergrund.

Cechs Ausrüster Adidas hatte ein neues Paar Torwarthandschuhe an die Adresse seines alten Arbeitgebers geliefert, und nicht zum FC Arsenal, der sich im vergangenen Sommer für zwölf Millionen Euro die Dienste des 33-jährigen Torhüters mit der damaligen Premier-League-Erfahrung von 333 Spielen gesichert hatte. Chelseas damaliger Trainer José Mourinho hatte dem Tschechen den zehn Jahre jüngeren Thibaut Courtois vor die Nase gesetzt.

Perfider Werbeschachzug

Das Zustellungsmalheur der Handschuhe wurde der Öffentlichkeit als ein lustiges Versehen untergejubelt, dabei steckte eher ein perfider Werbeschachzug dahinter. Seit einer Dekade gehört der blaue Teil der englischen Hauptstadt zum Kundenstamm von Adidas, während Arsenal von einem Konkurrenzunternehmen ausgestattet wird.

Der weltweite Sog des Londoner Stadtderbys zwischen Arsenal und Chelsea am Sonntag (17 Uhr) eignet sich vortrefflich, um ein bisschen auf die eigenen Produkte aufmerksam zu machen. Zumal der Lärm, den die beiden ewigen Streithähne Arsène Wenger und Mourinho in den vorherigen Duellen verursacht hatten, verstummt ist. Mourinho treibt gerade nach seinem Rauswurf bei Chelsea die Paparazzi in Shanghai vor sich her. Wenger inszeniert sich lieber als Grandseigneur des Trainerwesens, statt verbal gegen seinen ärgsten Widersacher Foul zu spielen. Seit 1996 ist Wenger schon Trainer beim FC Arsenal, dem Vernehmen nach steht er kurz vor einer Vertragsverlängerung um eine weitere Saison.

Das Vorprogramm zum Spiel bestimmt statt der Trainer so der zu Unrecht eher selten besungene Petr Cech. Der Keeper mit dem Rugbyhelm ist ein Gegenentwurf zur schrillen Premier League, in der vorrangig die Offensivakteure die Schlagzeilen ergattern. "Man wird die Stürmer immer besser bezahlen als die Torhüter, aber keiner weiß: Sind sie auch wichtiger?", fragte Wenger zuletzt, "ich bin jetzt seit 30 Jahren in dem Job. Da lernt man, dass die meist unterschätzte Position im Fußball der Torwart ist - und vielleicht die entscheidende, um Dinge zu gewinnen." Cech hat bereits 13 Trophäen vorzuweisen, als einziger in Arsenals Kader neben Angreifer Danny Welbeck, 25, hat er schon eine englische Meisterschaft gewonnen. Der vierte Ligatitel ist nunmehr seit 2004 das Ziel von Wenger.

Cech als Heiler psychischer Wunden

Der FC Arsenal setzte zu Beginn des Jahrtausends mit der Verpflichtung des deutschen Torhüters Jens Lehmann einen Trend im Weltfußball. Lehmann war der Vorreiter des mitspielenden Keepers, seine technischen Fähigkeiten mit dem Ball fügten sich nahtlos ein ins spielstarke Ensemble der Gunners. Umso verwunderlicher, dass Wenger in den Folgejahren das Tor nacheinander Manuel Almunia, Lukasz Fabianski, Wojciech Szczesny und David Ospina anvertraute. Allesamt an guten Tagen solide, aber nie spektakuläre Torhüter. Erst als die Erniedrigungen für Arsenal in den letzten Spielzeiten (3:6 gegen Manchester City, 1:5 beim FC Liverpool und 0:6 an Chelseas Stamford Bridge) ernsthafte psychische Wunden beim Anhang und womöglich auch beim Trainer selbst hinterließen, investierte Wenger diesen Sommer in den besten Sicherheitsmann auf der Insel.

Diesen Status hat sich Cech spätestens am 28. Dezember 2015 erworben, als er den Premier-League-Rekord von David James an clean sheets, an sauberen Spielberichtsbögen, verbesserte. Das 2:0 gegen den AFC Bournemouth war damals sein 170. Einsatz ohne Gegentor. "Petr ist die Kamera hinter dem Team", sagt Wenger. In den letzten sechs Monaten hat Cech das abgeliefert, was sich der FC Arsenal erhoffte. Seine Organisationsfähigkeit hat eine zuvor teils konfuse Abwehrreihe zusammengepuzzelt.

Wie viele Punkte bringt ein Cech?

Tabellarisch prognostizierte Chelseas Innenverteidiger John Terry, der die meiste Zeit seiner Karriere unmittelbar vor Cech auf dem Spielfeld verbrachte, dem Konkurrenten durch Cech einen Zugewinn von zwölf bis 15 Punkten. Nach 22 Spieltagen hält sich Arsenal nun 19 Zähler vor dem kriselnden Titelverteidiger auf.

Guus Hiddink erklärte übrigens, dass er versucht habe, Cechs Torwarthandschuhe nach dem Eintreffen zu verstecken. Und sie ein wenig rutschig zu machen. Hiddink sagte das mit einem Grinsen im Gesicht, weil er natürlich viel zu anständig ist, um solche Mittel anzuwenden. Schließlich hatte er ja mit dem Abgang von Petr Cech gar nichts zu tun.