Lionel Messi:Fabelkarriere auf einer Tischserviette

Der sechsmalige Weltfußballer wird den FC Barcelona tatsächlich verlassen. Wer ist der Mann, dessen Karriere als Kind fast schon vorbei gewesen wäre? Messis Fußballerleben in Bildern.

Von Carsten Scheele

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(Foto: AFP)

Es gibt nur wenige echte Konstanten im Weltfußball, als eine davon galt bislang, dass Lionel Messi immer beim FC Barcelona spielen würde. Klub und Spieler galten als knotenfest verbandelt, ähnlich wie der FC Bayern und Thomas Müller, die AS Rom und Francesco Totti und der Hamburger SV und Uwe Seeler. Dieses auf tröstende Weise einfache Weltbild gerät nun ins Wanken, denn Messi wird Barcelona nach 21 Jahren verlassen.

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(Foto: N/A)

Lionel Andrés Messi Cuccittini, geboren in Rosario in der argentinischen Provinz Santa Fé, galt bereits als Kind als außerordentlich begabt. Als Fünfjähriger begann er 1992 bei Grandoli, dem Verein, den sein Vater Jorge leitete. 1995 wechselte er dann zu den Newells Old Boys Rosario, wo auch sein älterer Bruder Rodrigo spielte. Messis Jugendtrainer Enrique Domínquez erinnerte sich: "Er konnte Dinge mit dem Ball anstellen, die jeder physikalischen Logik widersprachen. Der einzige Spieler, von dem ich das je gesehen habe, war Diego Maradona."

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(Foto: Manu Fernandez/AP)

Dabei war Messis Karriere früh fast vorbei. Mit neun stellten die Ärzte einen Hormonmangel fest. Da sich in Argentinien kein Klub finden ließ, der die teure Behandlung übernehmen wollte, beschloss Vater Jorge, mit der Familie nach Spanien zu gehen, um dort das Geld für die Behandlung zu verdienen. So wurde Messis Hormondefizit nachträglich zum Glücksfall. Auf Vermittlung von Bekannten spielte der damals nur 1,43 Meter große Junge beim FC Barcelona vor - plötzlich ging alles ganz schnell. Manager Carlos Rexach war total von Messi überzeugt. "Ich habe ihn innerhalb von einer halben Minute verpflichtet, und der erste Vertrag wurde symbolisch auf einer Serviette aufgesetzt", berichtete Rexach (im Bild Berater Horacio Gaggioli). Messi zog in das Barça-Internat "La Masia"; der Klub übernahm die Behandlungskosten von rund 900 Dollar im Monat.

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(Foto: AFP)

Messi durchlief die Jugendabteilungen des Klubs, bereits in der Saison 2003/04 absolvierte er einige Spiele in der zweiten Mannschaft. Im Oktober 2004 debütierte er mit 16 Jahren gegen den Lokalrivalen Espanyol - als drittjüngster Spieler der Vereinsgeschichte - in der Primera División. Im Mai erzielte er gegen Albacete sein erstes Tor und wurde mit 17 Jahren zum jüngsten Liga-Torschützen Spaniens. Natürlich wurde Messi auch alsbald in die argentinische Nationalmannschaft berufen. Dabei hatte sich auch der spanische Verband um ihn bemüht: Um die EU-Ausländerregelung zu umgehen, nahm Messi 2005 auch die spanische Staatsbürgerschaft an. Doch Messi stellte klar: Er werde nur für die argentinische Elf spielen. Basta.

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(Foto: AFP)

Die WM 2006 in Deutschland wurde noch keine große Messi-Show. Zwar trug sich der 18-Jährige mit seinem Treffer beim 6:0-Erfolg im Vorrundenspiel gegen Serbien und Montenegro als sechstjüngster Torschütze in der WM-Geschichte in die Torjägerliste ein, Messi bekam jedoch kaum Einsatzzeiten: Die Niederlage im Viertelfinale gegen Deutschland erlebte Messi von der Ersatzbank aus.

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(Foto: AP)

Zurück in Barcelona begann die Saison 2006/07 gut, bis sich Messi im Ligaspiel gegen Real Saragossa einen Fußbruch zuzog und für drei Monate ausfiel. Wieder zurück brillierte er mit drei Treffern beim 3:3 gegen den Erzrivalen Real Madrid (im Bild mit Samuel Eto'o). Im Pokalhalbfinale gegen Getafe (5:2) kopierte Messi dann den legendären Sololauf von Diego Maradona aus dem WM-Halbfinale 1986. Wie Maradona umkurvte er die halbe gegnerische Mannschaft, ehe er zum Abschluss ins Tor einschob. Coach Rijkaard sprach später von einem "Kunstwerk", Mitspieler Deco schwärmte in der SZ: "Ich habe Tore von Pelé, Maradona und Ronaldo gesehen, doch dieses heute war das vollkommenste."

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(Foto: AP)

Nach einer enttäuschenden Saison 2007/08, als Barcelona in der spanischen Liga nur Dritter wurde, setzte Messi seinen Aufstieg zum weltbesten Fußballer fort. Erst wurde er mit der argentinischen Mannschaft in Peking 2008 Olympiasieger, dann holte er mit Barça das Triple. Messi verlängerte nicht nur seinen Vertrag bis 2016 (als Ablösesumme wurden 250 Millionen Euro festgeschrieben), sondern erneuerte auch seine Treueschwüre zum FC Barcelona: "Was der Klub für mich tat, als ich klein und schwach war, kann ich ihm nie zurückgeben. Sie müssten mich rauswerfen, damit ich Barça verlasse." Was man halt so sagt, wenn man jung ist.

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(Foto: Getty Images)

Es folgte die bis dahin größte Auszeichnung seines Fußballerlebens: 2009 kürte ihn der damalige Fifa-Präsident Sepp Blatter erstmals zum Weltfußballer. Vollkommen zu Recht, wie die gesamte Fachpresse anschließend urteilte.

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(Foto: afp)

Doch nicht alle lief glatt in Messis Fußballerleben. Beim FC Barcelona spielte der Argentinier regelmäßig brillant, in seiner Nationalelf hingegen nicht. Dort wirkte er gehemmt, es schien, als fehlten ihm seine kongenialen Mitstreiter aus Barcelona doch gewaltig. Besonders unter dem damaligen Nationaltrainer Diego Maradona litt Messi. Er kam mit Maradonas Spielsystem (sofern es so etwas überhaupt gab) nicht zurecht, im Viertelfinale der WM 2010 schieden die Argentinier blamabel 0:4 gegen die deutsche Elf aus. Messi schoss kein einziges Turniertor.

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(Foto: Getty Images)

Zurück in Barcelona brillierte Messi, als wäre nichts gewesen. Es folgte eine der erfolgreichsten Spielzeiten, Messi führte Barcelona zum Triple, das Bild zeigt ihn nach dem 3:1 im Champions-League-Endspiel gegen Manchester United. Messi wurde selbst zum dritten Mal in Serie Torschützenkönig der Königsklasse, stellte mit zwölf Treffern in einer Spielzeit sogar den Rekord von Ruud van Nistelrooy ein.

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(Foto: dpa)

In schöner Regelmäßigkeit wurde Messi weiterhin als Weltfußballer ausgezeichnet: zunächst in den Jahren 2009 bis 2012, dann 2015 und schließlich noch einmal 2019. Damit hat er bislang einen Weltfußballertitel mehr als Cristiano Ronaldo eingeheimst, ein nicht ganz unwichtiges Detail in Messis Karriere.

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(Foto: imago/Xinhua)

Doch Messi wirkte bald nicht mehr ganz so unantastbar wie früher. Manche Gegner schafften es effektiv, den kleinen Künstler aus dem Spiel zu nehmen. Dann schlich Messi über den Platz, auch seine Gesundheit gab Rätsel auf: Mehrmals übergab er sich am Spielfeldrand. Messis Spielintelligenz war noch immer einzigartig, doch er erzielte nicht mehr ganz so viele Tore wie früher. Bei der WM 2014 in Brasilien hatte Messi entscheidenden Anteil, dass Argentinien das Finale erreichte. Das Pech im Trikot der Albiceleste blieb ihm aber auch dieses Mal treu: Argentinien verlor das Endspiel gegen Deutschland. "Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi", hatte der deutsche Bundestrainer Joachim Löw seinem Torschützen Mario Götze mit auf den Weg gegeben. Götze traf in der 114. Minute, Messi traf nicht, setzte nur einen Freistoß kurz vor Ablauf der Verlängerung über das deutsche Tor.

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(Foto: Alex Caparros/Getty Images)

Auf die wohl bitterste Niederlage seiner Karriere folgte wieder ein äußerst erfolgreiches Jahr mit Barcelona. Knapp fünf Monate später erzielte Messi am 22. November 2014 seine Ligatore 251 bis 253 und überholte damit Telmo Zarraonaindía als Rekordtorschützen der Primera Division. Am Ende der Saison stand erneut das Triple aus Meisterschaft, Pokal und Champions League. Bei aller Freude: Im Finale der Copa America musste er sich mit der argentinischen Nationalmannschaft Chile geschlagen geben. Das dritte verlorene Endspiel für Messi bei einem großen Turnier.

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(Foto: imago/Agencia EFE)

Eine Anklage wegen Steuerhinterziehung warf einen Schatten auf Messis Karriere. In den Jahren 2007 bis 2009 sollen Messi und Vater Jorge insgesamt 4,1 Millionen Euro am Fiskus vorbeigeschleust haben. Messi musste vor einem spanischen Gericht erscheinen und wurde schließlich zu 21 Monaten Haft verurteilt. Hinter Gitter musste er als Profifußballer aber natürlich nicht, sondern nur eine Geldstrafe zahlen.

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(Foto: dpa)

Ein Titel mit der argentinischen Nationalmannschaft blieb ihm aber lange verwehrt. Bei der Copa America 2016 lief bis zum Finale alles nach Plan, dann kam es gegen Chile zum Elfmeterschießen. Argentinien vergab zwei seiner Strafstöße, Messi einen davon - Chile verteidigte den Titel. Messi klagte tief gekränkt: "Ich habe es immer wieder probiert, aber es hat nicht geklappt. Ein Titel mit Argentinien war das, was ich am meisten wollte. Es tut weh, kein Sieger zu sein." Mehrfach trat er in den kommenden Jahren aus der Nationalelf zurück (oder wollte kürzertreten), um anschließend doch wieder das Trikot seines Landes überzustreifen. Und tatsächlich: 2021 holte Messi mit Argentinien die Copa América, 1:0 gegen Brasilien, ausgerechnet im legendären Maracana. Messi beendet den Titelfluch, jubilierte die argentinische Presse.

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(Foto: Getty Images)

Im Verein wäre im Sommer 2020 fast bereits Schluss gewesen. Messi wollte Barcelona frustriert verlassen, kündigte seinen Vertrag per Einschreiben - jedoch zu spät, die obligatorische Frist am Ende jeder Saison war bereits verstrichen. Vor dem Camp Nou kam es zu Protesten, diese richteten sich aber nicht gegen Messi, sondern gegen Präsident Josep Maria Bartomeu, der das Zerwürfnis mit Messi zugelassen hatte. Messi fügte sich, er blieb, verzichtete auf eine gerichtliche Auseinandersetzung. "Die andere Option war, dass ein Richter es klärt", sagte Messi: "Aber ich würde niemals gegen Barça vor Gericht ziehen, weil es der Klub ist, den ich liebe."

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(Foto: Getty Images)

Ein Jahr später geht Messi wirklich - nach vier Champions-League-Siegen, zehn spanischen Meisterschaften und drei Titeln bei der Klub-WM -, diesmal aber unter umgekehrten Vorzeichen: Der Spieler wollte bleiben, aber der Klub ließ die Verhandlungen über einen neuen Vertrag scheitern. Die Zusammenarbeit könne aufgrund "wirtschaftlicher und struktureller Hindernisse" nicht fortgesetzt werden, hieß es in einer Erklärung des schwer verschuldeten Klubs. Messi sei "tief betroffen", berichteten Insider. "Eine der schönsten Geschichten im Weltfußball geht zu Ende. Der Tag, den wir uns nie vorgestellt haben, ist da", schrieb das argentinische Blatt Olé. Und nun? Nach Paris? Nach Manchester? Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis feststeht, welches Trikot sich die Messi-Fans auf der ganzen Welt künftig zulegen müssen.

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