Argentiniens Kapitän Juan Pablo Sorin gilt eher als weltoffener Querdenker denn als typischer Berufsfußballer.
Wie die meisten Fußballprofis ging auch Juan Pablo Sorin schon recht früh den Bund der Ehe ein, Sol Caceres heißt seine Frau, dem Vernehmen nach sind die beiden glücklich verheiratet. Aber wenn man den Kapitän der argentinischen Nationalmannschaft reden hört, dann klingt es, als gelte seine gesamte Zuneigung einem hellblauweiß gestreiften Hemd mit der Nummer 3 und seinem Namen drauf.
Juan Pablo Sorin im Training: Zum Friseur nur unter Zwang. (© Foto: Reuters)
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"Ich küsse und halte es fest, weil ich das Trikot liebe, mit dem sich das Volk identifiziert", flötete Sorin, als er kürzlich wieder mit seiner gelockten Mähne auf dem Podium des Teamhotels in Herzogenaurach saß. Er redet gerne und gut und so pathetisch, wie es wahrscheinlich nur Argentinier können, seine Vorträge ließen sich als Tango singen.
"Mein Gefühl ist angeboren, es kommt aus der Seele. Es gibt nichts Schöneres, als nach einem Tor das Trikot zu küssen. Ich sterbe für dieses Trikot. Ich bin so, ich will mein ganzes Leben lang für dieses Team spielen."
Unter anderem wegen solch inniger Zuneigung zum Vaterland hat ihm Trainer Jose Pekerman nach seinem Amtsantritt 2004 das Kommando auf dem Spielfeld übertragen, obwohl sein kantiger Vorgänger Roberto Ayala in der Abwehr und vielen Kollegen auch in der Kabine nach wie vor als der Chef gilt.
Noch mehr als dem zuverlässigen Manndecker Ayala vertraute Pekerman dem linken Außenverteidiger Sorin, der trotz anarchistischer Züge schon beim gemeinsamen Gewinn der U20-Weltmeisterschaft 1995 in Katar sein Anführer gewesen war, mit 19, inzwischen ist er 30.
Es sei "eine unvergleichliche Ehre, die gleiche Binde überzustreifen, die der Größte aller Zeiten, Diego, getragen" habe, berichtete Sorin nach der Ernennung, er meinte natürlich Diego Maradona.
Besondere Inbrunst
Seither schwitzt er mit besonderer Inbrunst in die Kunstfasern der Albiceleste und spricht davon, denn auch mit dem Wort kann er besser umgehen als die meisten anderen.
Sorin liest und schreibt und erzählt mit Vergnügen. "Ich liebe den Fußball von meinem ersten Ball bis heute, und in den Büchern fand ich Wege, Geschichten, Geheimnisse", sagte er einmal. Als Jugendlicher wollte der Sohn einer jüdischen Mittelklassefamilie aus Buenos Aires sogar eine Zeit lang Journalist werden und studierte das Fach ein Jahr lang, "für alle Fälle".
Mit Fußball hatten seine Eltern wenig zu tun, sein Vater ist Architekt und seine Mutter Sozialhelferin. Er brachte es dann doch wie erhofft zum Profi, ausgebildet bei Argentina Juniors, wo auch Maradona und Juan Roman Riquelme in die Schule gingen.
Wie ein Boheme
Der begabte Flügelläufer ist schnell, ballsicher und trotz der mäßigen Größe von 1,72 Metern recht gut im Kopfball - die Karriere nahm ihren Lauf, aber sie passt in kein Schema. "Ich bin ein bisschen Boheme", sagt Sorin, genannt Juampi, zum Friseur ging er bloß unter Zwang, weil der frühere Auswahltrainer Daniel Passarella keine langen Haare und keine linke Gesinnung ertrug.
Ansonsten ist aus diesem flammenden Patrioten eher ein weltoffener Querdenker geworden denn ein typischer Berufsfußballer.
Binnen zehn Jahren war Sorin außer in Argentinien in Brasilien tätig, in Italien, in Frankreich, jetzt in Spanien. Er versuchte sich früh bei Juventus Turin, das Experiment ging nach sechs Monaten schief, er war zu jung für die Konkurrenten Sousa, Deschamps, Jugovic.
Überall anders
Er kam zurück an den Rio de la Plata zu River Plate, gewann mit Francescoli, Salas und Ortega Titel in Serie und vergnügte sich mit rasenden Kombinationen. Er ging zu Lazio Rom, wo seinem Arbeitgeber schnell das Geld knapp wurde, zu Paris St. Germain, wo sie ihn nicht zur Nationalelf reisen wollten, was für ihn Bedingung war, zu Corinthians Sao Paulo, wo sie ihn ebenfalls zum Kapitän machten, ihn, einen Argentinier, zum FC Barcelona, wo ihn Trainer Frank Rijkaard bald nicht mehr brauchen konnte, schließlich zum FC Villarreal, wo auch Riquelme sein Paradies gefunden hat. Überall war er anders als der Rest.
Im sprachverliebten Buenos Aires moderierte der linke Rebell eine Radiosendung namens Tubo de ensayos, Reagenzglas, in dem über Politik und Kultur gesprochen und gegen Kriege gewettert wurde.
In Spanien ist er Kolumnist einer Stadionzeitschrift namens Media Punta, die kostenlos verteilt wird, "geschrieben von unabhängigen Journalisten, die müde sind von einem Journalismus, in dem sie das Marketing gefangen nimmt, und die die Essenz des Fußballs retten wollen". Zuweilen verfasst Sorin angeblich auch Gedichte und Geschichten, wobei er es bis heute hasst, "wenn jemand als Intellektueller bezeichnet wird, nur weil er sich von der realen Welt entfernt."
Im vergangenen Jahr gab das Ehepaar Sorin/Caceres einen Sammelband heraus, in dem sie gemeinsam mit Musikern wie Fito Paez und Schriftstellern wie Eduardo Galeano Jugenderinnerungen schilderten, Titel Grandes Chicos, große Jungs, den Erlös bekommt ein Krankenhaus in der nordargentinischen Pampa.
Das Werk ist nicht so erfolgreich wie die seines Landsmannes Jorge Valdano, aber immerhin. "Als Fußballer haben wir die Wahl", hat der Hobbyliterat erkannt. "Wir können die Aufmerksamkeit, die uns zuteil wird, einfach hinnehmen oder aber zum Wohle unserer Mitmenschen nutzen."
Bei der WM schwärmt er außer auf Spanisch bei Bedarf auch auf Italienisch, Englisch, Französisch und Portugiesisch von Argentinien und seinem Dress. Und wenn er Zeit hat, dann spielt Kapitän Juampi nicht wie andere Gameboy, sondern liest ein Buch.
Zuweilen verfasst Sorin angeblich auch Gedichte und Geschichten, wobei er es bis heute hasst, "wenn jemand als Intellektueller bezeichnet wird, nur weil er sich von der realen Welt entfernt."
Im vergangenen Jahr gab das Ehepaar Sorin/Caceres einen Sammelband heraus, in dem sie gemeinsam mit Musikern wie Fito Paez und Schriftstellern wie Eduardo Galeano Jugenderinnerungen schilderten, Titel Grandes Chicos, große Jungs, den Erlös bekommt ein Krankenhaus in der nordargentinischen Pampa.
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(SZ vom 28.6.2006)