Riquelme ausgewechselt, Messi auf der Bank - Argentinien muss nicht lange nach Erklärungen für das Scheitern suchen: Pekerman war schuld.
Am Sonntag verschwanden die letzten Argentinier aus dem Sommer von Herzogenaurach, die meisten von ihnen flogen in den nasskalten Winter des Rio de la Plata, der Klimawechsel passte in etwa zur Gemütsverfassung.
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Tags zuvor hatten sich die Spieler im Mannschaftsquartier noch einmal zusammengesetzt, und aus der Stimmung hätte sich vermutlich ein Tango schreiben lassen können, klagend wie der Klang des Bandoneon.
"Jeder konnte sagen, was er fühlte", berichtete Abwehrchef Roberto Ayala, "und wir waren uns einig, dass alles bereit war, damit Argentinien ins Finale kommt. Das war die Mannschaft und die Weltmeisterschaft dafür."
Ungläubige Melancholie
Dem Vernehmen nach gab es unter den Spielern keine Vorwürfe, das Aufgebot verstand sich ungewöhnlich gut und war trotz allem auch ein wenig stolz. Aber Ayala fürchtet, es werde lange dauern, "bis wir das aus dem Kopf kriegen", das ganze Land verfiel in ungläubige Melancholie.
Wie konnte diese für sie zuvor so wunderbare WM über Nacht in ein solches Desaster münden? Bis zu dieser vielleicht unnötigsten Niederlage der Verbandsgeschichte war die Albiceleste eine Attraktion gewesen, dann machte sie sich in wenigen Minuten den guten Ruf kaputt und ist nun wieder gescheitert, wenn auch wesentlich tapferer als vor vier Jahren.
Das Kurzpassspiel erstarb, die Stürmer trafen nicht mehr, den ersten Elfmeter verschoss der sonst so zuverlässige Ayala, Torschütze zum 0:1.
Einsamer Messi
Nun bleiben die Bilder von einem einsamen Lionel Messi auf der Ersatzbank, dem Rücktritt von Trainer Jose Pekerman und einer Prügelei auf dem Rasen, die den Ersatzverteidiger Leandro Cufre und Angreifer Maxi Rodriguez noch teuer zu stehen kommen dürfte. Nach Erklärungen aber brauchte die Nation nicht lange suchen.
Die übersinnliche Variante ist die, dass zum ersten Mal bei diesem Turnier Diego Maradona nicht im Stadion gewesen war, sondern in einem Berliner Hotel beleidigt vor dem Fernseher saß.
Die Auftritte gegen die Elfenbeinküste (2:1), Serbien/Montenegro (6:0), Holland (0:0) und Mexiko (1:0) hatte er stets im hellblauweißgestreiften Trikot auf der Tribüne gefeiert und sich nach Braunbär Bruno zum wichtigsten Maskottchen der Veranstaltung entwickelt.
Diesmal verweigerte er den Weg in die Ehrenloge, weil einer seiner Begleiter von den Ordnungskräften abgewiesen worden war. Maradona wird besonders gelitten haben unter dem, was Pekerman am Spielfeldrand anstellte, denn die offensichtliche Grundlage für diesen Reinfall waren seine Fehler.
Noch Jahre wird Argentinien darüber diskutieren, weshalb dieser zuletzt so gefeierte Mann im entscheidenden Moment dermaßen daneben griff. Für die Verletzung von Torwart Roberto Abbondanzieri konnte er nichts, wobei sich für alle Fälle auch Ersatz Leo Franco eingehender mit möglichen Elfmeterschützen hätte befassen können.
Doch der frühere Jugendtrainer beging zwei Wechsel, die sein Image als besonnener Pädagoge demolierten. Er nahm Spielmacher Juan Roman Riquelme vom Platz, "ich habe ihn sehr müde gesehen", dabei hätte man seine Pässe und seine Übersicht selbst im Zustand fortgeschrittener Erschöpfung gebrauchen können.
Und er brachte den harmlosen Juan Cruz statt Lionel Messi, der die Gastgeber in der Endphase dieses kraftraubenden Duells schon mit seiner bloßen Präsenz und frischen Dribblings nervös gemacht hätte. Messi, von der Branche hoch gelobt, blieb ausgerechnet unter dem Talentförderer Reservist.
Vor zu viel Aufmerksamkeit hatte ihn Pekerman schützen wollen, auch gilt der introvertierte Wunderknabe als Einzelgänger. Doch spätestens nach dem deutschen Ausgleich war er unverzichtbar geworden. "Mit Messi auf dem Platz wären die Elfmeter nicht nötig gewesen", beschloss die Zeitung La Nacion und verglich die Bedeutung seiner Absenz mit dem Ausschluss des gedopten Maradona von 1994.
Das Blatt widmete ihm sogar einen offenen Brief: "Lieber Lionel, niemand kann dich in diesem Moment trösten", schrieb ein Kolumnist, "es wäre viel Raum gewesen, damit du dich mit deinen schnellen Dribblings durchsetzt."
Er sei verärgert, "dass ich der Mannschaft nicht helfen konnte", ließ Messi selbst wissen, der Groll wird nicht zuletzt dem Trainer gegolten haben.
Noch in der Pressekonferenz gab Pekerman seinen Abschied bekannt, die grauen Haare hingen verstrubbelt in die Stirn. "Ich denke, dass es vorbei ist, dieser Zyklus ist abgeschlossen", sagte er, ganz so spontan soll das nicht gewesen sein.
Es heißt, Pekerman habe nach 15 Jahren im Dienste des Vaterlandes ohnehin gehen wollen, weil der allmächtige Verbandspräsident Julio Grondona einen Vertrag mit einem russischen Ölmulti unterschrieben und die Auswahl damit in Terminverpflichtungen gedrängt habe.
Grondona will ihn angeblich trotzdem zum Weitermachen überreden, die meisten Spieler und laut Umfragen sogar die Fans würden ihn gerne behalten. Auch Maradona wird sich dazu äußern, er hatte sich immer mal wieder als Nachfolger angeboten, als weitere Kandidaten gelten unter anderem Carlos Bianchi und Jorge Burruchaga.
Jedenfalls hat einmal mehr ein argentinischer Trainer versagt, weiterhin heißen die Helden Cesar-Luis Menotti und Carlos Bilardo, Weltmeister 1978 und 1986.
Freude zurückgebracht
Pekerman findet trotzdem, "diese Mannschaft hat uns die Freude zurückgebracht, man wird sich an sie erinnern". Ayala verkündete, "ich glaube nicht, dass dies das Ende eines Zyklus war, sondern der Beginn eines Weges, der zur nächsten WM führen wird. Wir haben junge Leute, und wenn die Erfahrung einsetzt, dann können wir da hinkommen, wo der argentinische Fußball hinwill."
Herzogenaurach wird davon nichts mehr haben. Die riesige Argentinien-Flagge mit dem Motto Impossible is nothing wurde an der Sponsorenzentrale schnell eingerollt. Dort hängt nun ein großes Poster von Lukas Podolski.
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(SZ vom 3.7.2006)
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