Die Argentinier bereiten sich gelassen auf ihr Viertelfinale vor und wollen vor allem einen schnellen Rückstand vermeiden
Für Buenos Aires begann diese neue Woche der Wahrheit mit Regen und Höchstwerten von zehn Grad, am Rio de la Plata hat der Winter begonnen. So werden Frühaufsteher in der Heimat zunächst neidisch gewesen sein, als sie zur Morgenstunde live vom Burgstaller Weg in Herzogenaurach erfuhren, dass das Wetter im Frankenland trotz vereinzelter Wolken weiterhin recht schön ist.
Ganz entspannt: Argentiniens Kicker beim Training (© Foto: ddp)
Anzeige
"Erdrückend" sei die Hitze zuletzt gewesen, informierte ein Reporter vom Sender TyC, der wie diverse Kanäle nahezu ununterbrochen aus dem argentinischen Lager funkt und das argentinische Talent zur weit geschwungenen Wortgirlande nutzt. Es gehe allerdings gerade ein Lüftchen, "sehr angenehm". Auch sonst flogen an diesem Montagvormittag weitgehend federleichte Sätze durch die Atmosphäre vor dem Trainingsgelände am Teamhotel Herzogspark, wo die hellblauweiße Delegation die Begegnung mit Alemania vorbereitet.
Die Albiceleste ist wie geplant an den Ort des Sponsors zurückgekehrt, obwohl zuletzt ein dauerhafter Abzug Richtung Nordosten gemeldet worden war, was die Stadt Herzogenaurach und die Firma Adidas geärgert haben soll. Impossible is nothing, steht ja seit Turnierbeginn auf einem Spruchband von Argentiniens Fußballverband Afa, der die Unternehmenszentrale verpackt - nichts ist unmöglich, also her mit dem Titel, die stille Umgebung des Sportartikelherstellers bietet der Mission seit drei Wochen den Rahmen.
Die Leipziger Schlacht gegen Mexiko wurde mit einem 2:1-Sieg nach Verlängerung beendet, den Schrecken haben die Beteiligten inzwischen weitgehend überwunden. "Ich glaube, der Fehler war, dass unser Ambiente Mexiko als Durchgangsstation betrachtet hat", erläuterte Kapitän Juan Pablo Sorin, selbst habe man das natürlich nicht so gesehen. Gegen Deutschland wird das nicht passieren, doch vorläufig ist es in Herzogenaurach ungefähr so spannend wie ohne eine WM.
Außer ein paar Kindern und einigen singenden Fans wohnten der Übungsschicht am Vormittag hauptsächlich Berichterstatter bei, und nicht mal die waren vollständig erschienen, wozu auch. Hinter orange gekennzeichneten Aufpassern, die in solchen Momenten putzig überflüssig sind, trabten ein paar junge Männer und amüsierten sich. Manche traten sogar gegen den Ball, aber nicht oft, viel war da nicht. Trainer Jose Pekerman trug eine kurze Hose und ein Käppi, und wäre er damit auf dem Fahrrad spazieren gefahren, dann hätten ihn Unkundige wahrscheinlich für einen Frührentner auf dem Weg zum Bäcker gehalten.
Seine Stammkräfte fanden sich angesichts der Mühsal gegen die Mexikaner erst später auf den Rasen ein, liefen ein wenig und machten Gymnastik, alles unter den Augen mehrerer Livekommentatoren. Alle waren dabei, niemand humpelte, zumindest das ist eine Nachricht. Außenverteidiger Nicolas Burdisso hat seine Verletzung überstanden und könnte Lionel Scaloni ersetzen, für die rechte Abwehrseite wäre das voraussichtlich von Vorteil. Luis Gonzalez ist auch wieder gesund und könnte statt Esteban Cambiasso das defensive Mittelfeld beleben.
Einzelheiten sind vorerst unbekannt, auch was die Rolle der Edelreservisten Lionel Messi und Carlos Tevez betrifft sowie den aktuellen Gemütszustand des Regisseurs Juan Roman Riquelme, der im Achtelfinale auch seine eigenen Erwartungen unterbot und von dem der Chronist der Zeitung La Nacion folgenden Satz überlieferte: "Immer wenn wir schlecht spielen, bin ich der einzig Verantwortliche."
Richtig trainiert wird ab Dienstag geheim auf dem Dreistreifen-Gelände, hinter Toren und Hügeln werden dann ohne Kameras die entscheidenden Finten einstudiert, sofern es noch welche zu proben gibt.Unter anderem will Pekerman seine Defensive verstärkt auf die mutmaßliche Offensive der Gastgeber hinweisen und besonders auf deren permanente Fernschüsse.
Deutschland gehöre jetzt zu den Favoriten, berichtete Maxi Rodriguez vom Hotelpodium, andererseits spiele Deutschland ganz anders als Mexiko mit seinem engen Mittelfeld, das sei "leichter". Argentinien werde nämlich sehr kompakt auftreten und die Fehler vom letzten Mal korrigieren, "damit uns in der ersten Viertelstunde nicht das passiert, was den Schweden passiert ist" - oder ihnen selbst beim schnellen 0:1 gegen Mexiko. Wenn Argentinien gut sei, könne es gegen jeden gewinnen. Desweiteren erzählte Aufsteiger Maxi ein weiteres Mal von seinem Samstagsschuss gegen die Mexikaner und verkündete: "Wir sind sehr ruhig, haben viel Vertrauen, große Lust und viel Spaß."
Viel mehr gibt es vorläufig auch nicht zu sagen, Pekerman läßt die Einstimmung auf das Gipfeltreffen so gemütlich angehen wie der Kollege Klinsmann. Am Sonntag wurde gegrillt, eine argentinische Lieblingsbeschäftigung, die in Verbindung mit großen Mengen Fleisch steht und Stunden in Anspruch nimmt. Geladen waren auch die Familien, Pekerman ist da weniger streng als sein Vorgänger Marcelo Bielsa.
Am Montagnachmittag durften die Spieler dann mit ihren Frauen und Kindern machen, was sie wollten, von größeren Exkursionen ist nichts bekannt, dabei wäre dem nahegelegenen Nürnberg wenigstens noch ein bisschen WM zu gönnen. Gegen Mittag ging das Gerücht, Diego Maradona schaue mal wieder nach dem Rechten, doch das konnte zunächst nicht bestätigt werden und ist im Reich der Möglichkeiten auch gut aufgehoben.
Torwartlegende Sepp Maier im Interview. SZ am Wochenende Jetzt lesen ...
(SZ vom 27.6.2006)
Berliner Zeitung