Andy Murray im Halbfinale Prinz von Wimbledon

Die Briten treiben ihren Volkshelden Andy Murray ins Halbfinale von Wimbledon - dort will er gegen Jo-Wilfried Tsonga ins Endspiel einziehen. Die Hoffnungen, die Tausende Zuschauer in ihn setzen, machen Murray nichts aus: Er braucht diesen Druck, das Schauspiel, die Tragödie. Dann wird Murray erst richtig gut.

Von Michael Neudecker, London

Am Mittwoch waren Prinz William und seine Frau Kate in Wimbledon, His Royal Highness The Duke and The Duchess of Cambridge, so stand es auf der Gästeliste, für die Engländer war das ein Höhepunkt dieser Wimbledon- Wochen. Es ist immer etwas Besonderes, wenn ein Mitglied der königlichen Familie kommt, aber wenn William und Kate da sind, ist das aufregend, denn William und Kate sind die Lieblings-Royals der Engländer.

Bislang erfolgreich in Wimbledon: der Brite Andy Murray.

(Foto: REUTERS)

Die Zeitungen haben sich ausführlich dem Paar gewidmet, alle haben riesige Fotos von William und vor allem von der schönen Kate gedruckt, ganze Fotoserien, wie Kate während des Matches von Andy Murray mitfiebert, die Daumen drückt, klatscht, wie sie lacht, erstaunt guckt. William und Kate haben Murray zum Sieg gejubelt, so sehen das jetzt die Engländer.

"Es ist eine Ehre, vor den beiden gespielt zu haben", sagte Andy Murray nachher, er bemühte sich, seiner Stimme einen möglichst respektvollen Tonfall zu geben. Er hat wahrscheinlich gar nicht gewusst, dass sie nicht mehr da waren, als er den Matchball verwandelte, sie verließen das Stadion um halb sieben, es half ja nichts, sie mussten nach Edinburgh, William wird da zum "Ritter von der Distel" geschlagen, in Schottland ist das eine hohe Auszeichnung.

Die Zeitungen haben das erwähnt, aber am Rande nur. Insgesamt betrachtet hat dieser königliche Besuch ja auch so wunderbar gepasst zu diesem Andy-Murray-Abend, der natürlich wieder ein denkwürdiger war, denn jeder Abend mit Andy Murray in Wimbledon ist denkwürdig.

Ein kleiner Berg gehört ihm schon

Andy Murray, 25, kommt aus Dunblane, er ist Schotte, er ist also Brite, und wenn es um Wimbledon geht, reicht das schon, um in London als Volksheld gefeiert zu werden. In Murrays Zweitrunden-Match gegen den Zyprer Marcos Baghdatis rief zwar ein besonders witziger Zuschauer mittendrin, "Do it for England, Marcos!" - aber das war ein Einzelfall.

Die Engländer wünschen sich nichts mehr als einen Sieg von Andy Murray in Wimbledon, und das ist auch ein bisschen problematisch: Die Sehnsucht nach dem ersten britischen Männersieger hier seit 1936 ist so groß, dass Murray in diesen zwei Wochen nicht nur gefeiert wird. Er wird vor allem getrieben.

Wenn Murray spielt, ist der Centre Court immer voll, 15 000 Menschen, die meisten Briten, es ist laut, die Atmosphäre aufgewühlt. Und Murray, er lässt sich treiben, er ist ja keiner, der in Ruhe Tennis spielt, er schreit sich an, ballt die Fäuste, er stürzt, springt, rennt, es ist ein Schauspiel, ein Drama.

Im Viertelfinale gegen den zähen Spanier David Ferrer, stand Murray kurz vor der Niederlage, mal wieder, er verlor den ersten Satz und lag im zweiten ein Break zurück, hatte einen Satzball gegen sich, aber dann kämpfte er sich zurück, er gewann den zweiten Satz. Später gewann er auch das Match, in vier Sätzen, aber die Ballwechsel waren so lang, dass es manchmal aussah, als würde es nie einen Sieger geben.

Als nächstes wartet Tsonga