Amerikanische Footballprofis sind zunehmend in Kriminalfälle verwickelt - die rauen Sitten in der NFL treiben viele von ihnen in zwielichtige Milieus.
Als der Football-Profi Deuce McAllister von den New Orleans Saints in dieser Woche vom Auswärtsspiel in London zurückkam, wohin die National Football League (NFL) zu Werbezwecken eines ihrer Punktspiele verlegt hatte, empfingen ihn am Flughafen mehr Journalisten als gewöhnlich. Aber nicht, um ihn zu dem Erlebnis auf dem alten Kontinent generell zu befragen, oder speziell zu dem Touchdown, mit dem er zum 37:32 über die San Diego Chargers beigetragen hatte. McAllister ist einer von rund einem Dutzend Football-Profis, über den kurz zuvor wegen positiver Dopingtests spekuliert worden war. Und einer von zweien, von denen dazu sogar eine Auskunft zu erhalten war. Ja, die NFL ermittele gegen ihn, bestätigte McAllister, 29; dass er des Dopinggebrauchs überführt worden sei, gab der Ballträger freilich nicht zu.
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Einer von nicht wenigen bad boys: Football-Profi Deuce McAllister von den New Orleans Saints (© Foto: AP)
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In der Geschichte geht es offenbar um ein harntreibendes Mittel namens Bumetanide, mit dem man auch die Einnahme von Steroiden verschleiern kann, und wenn die Zahl der positiven Fälle stimmt, dann hat die amerikanische Profiliga nun erstmals ein größeres Dopingproblem, das auf eine gewisse Systematik schließen lässt. Bisher gelang es den NFL-Verantwortlichen stets, bekannt gewordene Verstöße als Einzelfälle herunterzuspielen.
Ein flächendeckender Dopingskandal wäre für die NFL derzeit freilich ein vergleichsweise kleines Übel, quasi ein Kavaliersdelikt. Erst am vorigen Wochenende wurde beispielsweise Pittsburghs Passfänger Santonio Holmes in einer Verkehrskontrolle mit Marihuana erwischt. Und in der Woche zuvor suspendierte die NFL den Verteidiger Adam Jones von den Dallas Cowboys für unbestimmte Zeit. Der erst zu Saisonbeginn von einer einjährigen Sperre auf den Platz zurückgekehrte Footballer hatte sich im Suff in einem Hotel geprügelt. Mitte November wird Liga-Chef Roger Goodell das endgültige Strafmaß für den 25-Jährigen bekanntgeben; angesichts dessen Vorgeschichte könnte es sein, dass er lebenslang aus der NFL verbannt wird. Seit Beginn seiner Profi-Karriere wurde Adam Jones schließlich schon sechsmal verhaftet, und wegen der Beteiligung an einer Schießerei in einem Stripclub ist er zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden.
Schüsse auf Spieler
Dass NFL-Profis in Schießereien geraten sind, ist allerdings auch kein Einzelfall mehr. Erst im September wurde der Angriffsspieler Richard Collier von den Jacksonville Jaguars von Unbekannten in seinem Auto beschossen und von 14 Kugeln getroffen. Seitdem ist der 26-Jährige von der Hüfte abwärts gelähmt. Collier war bereits der dritte NFL-Profi, der in den letzten 18 Monaten niedergeschossen wurde. Seine Kollegen Sean Taylor von den Washington Redskins und Darrent Williams von den Denver Broncos erlitten dabei tödliche Verletzungen.
Für die sich häufende Verwicklung von Football-Profis in Kriminalfälle hat der Sportjournalist Stefan Fatsis im vergangenen Sommer eine Erklärung geliefert in seinem Buch A Few Seconds of Panic (auf Deutsch: ,,Ein paar Sekunden Panik''). Fatsis, mittlerweile 43, hatte sich in der Saison 2006 für eine Reportage über den Alltag von Footballspielern als Kicker bei den Denver Broncos verdingt und dabei festgestellt: Eine Menge der NFL-Profis hassen ihren Job regelrecht, auch wenn der gut bezahlt ist. Aber in den NFL-Teams herrschen dem Buch zufolge derart raue Sitten, dass die sportlich tätigen Angestellten an freien Tagen und in der Sommerpause sowieso regelrecht in eine Scheinwelt flüchten und Dampf ablassen: Dann, so schreibt Fatsis, ,,fahren sie in die angesagten Nachtclubs der Stadt und lassen es krachen''.
Bei Fatsis beklagten sich die schweren und ihrem Image nach vermeintlich hartgesottenen Jungs jedenfalls über den Druck, dem sie von Managern und Trainer ausgesetzt werden, über fehlende Anerkennung und Loyalität seitens ihrer Vorgesetzten, über die Angst um ihren Arbeitsplatz. Denvers Linebacker Ian Gold zitiert Stefan Fatsis mit dem Satz: ,,An dem Tag, an dem Du zum ersten Mal einen Fuß in die Umkleide setzt, schauen sie sich schon nach einem Ersatzmann für dich um.'' Andere erzählten davon, wie sie körperlich und emotional ausgequetscht würden - und das schon während der Saisonvorbereitung, wo gewöhnlich rund 80 Profis um die maximal 53 Plätze im Kader kämpfen. ,,Für die'', lässt Fatsis einen Spieler über die Manager sagen, ,,bist du nur ein Teil in ihrer Geldvermehrungsmaschine.'' Allein die seit 2006 laufenden Verträge mit diversen Fernsehanstalten bringen der NFL jährlich rund 3,7 Milliarden Dollar ein.
Mit Rauschmitteln und Steroiden
Davon wollen die Profis natürlich ihren Teil abhaben und dafür nehmen sie Dinge in Kauf, die über die tägliche Schinderei im Training und die sonntägliche Arbeit im Stadion hinausgehen. Verletzungen werden mit Schmerzmitteln betäubt, um den Job nicht zu verlieren; Muskeln werden mit Steroiden gestählt, um dem Verdrängungswettbewerb standzuhalten; Stress wird mit Rauschmitteln bekämpft. All das führt fast zwangsläufig in kriminelle Kreise. Die Gesetzesübertritte von NFL-Profis haben in den vergangenen Jahren jedenfalls eine Häufigkeit erreicht, dass Zyniker spotten, die Klubs könnten sich das Geld für die üblichen Spielerbilder in ihren Jahrbüchern sparen: Sie bräuchten die Porträtfotos nur auf dem nächstgelegenen Polizeirevier abholen.
(SZ vom 5.11.2008)
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