Fast ein Jahr nach antisemitischen Beschimpfungen erwirkt TuS Makkabi beim Landgericht Berlin den Aufstieg in die Kreisliga A. Das Urteil könnte Folgen für die Autorität der Sportgerichte haben.
Die Beschimpfungen dauerten 78 Minuten, das Nachspiel jetzt fast schon ein ganzes Jahr. Das Fußballspiel zwischen TuS Makkabi II und der VSG Altglienicke II vom 29. September 2006 beschäftigt nun das Landgericht Berlin. In der Partie der Kreisliga B hatten Altglienicker Zuschauer die Spieler des jüdischen Vereins Makkabi so lange antisemitisch beleidigt und bedroht, bis diese das Spiel abbrachen. Der Fall wurde zweimal vor Sportgerichten des Berliner Fußball-Verbands (BFV) verhandelt. Nun könnte der Streit weitreichende Konsequenzen haben, denn erstmals erstritt eine Mannschaft vor einem Gericht den Aufstieg in die nächsthöhere Spielklasse - und hebelte damit die Sportgerichtsbarkeit aus.
Nicht auf dem Platz, sondern vor dem Landgericht Berlin wurde der Aufstieg des TuS Makkabi jezt vorläufig erwirkt. (© Foto: dpa)
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Einspruch und Widerspruch
Streitpunkt ist mittlerweile nicht mehr das Skandalspiel aus dem vergangenen Jahr, sondern dessen vom Sportgericht angeordnete Wiederholung am 25. März 2007. Altglienicke setzte sieben Spieler der ersten Mannschaft ein und gewann 4:1. Makkabi erhob Einspruch gegen die Wertung des Spiels und bekam vom Sportgericht des BFV Recht, die Begegnung wurde 6:0 für Makkabi gewertet. Gegen dieses Urteil ging wiederum Altglienicke in Berufung, das Verbandsgericht - die nächst höhere Instanz - erklärte die fraglichen Fußballer für spielberechtigt, revidierte das Urteil und sprach Altglienicke die Punkte zu. Allerdings verpasste es der Verband, Makkabi pflichtgemäß über die Berufung und die neue Spielwertung zu informieren - über einen Monat lang. Der Verein wurde zudem nicht vor dem Sportgericht angehört.
Aufgrund dieses Verfahrensfehlers hat sich Makkabi nun ans Landgericht gewandt, das eine einstweilige Verfügung aussprach. Diese verpflichtet den BFV, ,,die zweite Herrenmannschaft des Antragsstellers vorläufig in der Kreisliga A zuzulassen''. Der Verband reagierte am Mittwoch mit einem Widerspruch und der Bitte an das Landgericht, schnellstmöglich eine mündliche Verhandlung anzuberaumen. Der Spielbetrieb der dritten Staffel der Kreisliga A, der am Wochenende beginnen sollte, ist bis auf Weiteres ausgesetzt.
Während BFV-Präsident Bernd Schultz von einem Fehler des Verbandsgerichts spricht, glaubt Makkabi-Präsident Tuvia Schlesinger an böse Absicht des Sportgerichts: ,,Die haben sich bewusst so lange Zeit gelassen, dass wir keine Handlungsmöglichkeit mehr hatten.'' Makkabi wähnte sich auf dem dritten Tabellenplatz und damit in die Kreisliga B aufgestiegen, erst nach Saisonende ging das Urteil des Verbandsgerichts beim Verein ein. Damit verbunden: drei Punkte weniger für Makkabi und der Verlust des Aufstiegsplatzes an Berolina Mitte. Schlesinger zufolge hätte auch Makkabi Spieler seiner ersten Mannschaft in den letzten drei Saisonspielen einsetzen können, hätte der Verein das Urteil gekannt.
Dass Makkabi nun die Grenzen der Sportgerichtsbarkeit verlässt, kann Bernd Schultz nicht nachvollziehen. ,,Altglienickes Spieler waren spielberechtigt, das ist unstrittig'', sagt Schultz, ,,leider Gottes wurde Makkabi aber nicht über die Berufung informiert.'' Der Verfahrensfehler sei nun mal passiert, jetzt gebe es ,,die böse Situation'', dass Makkabi den Aufstieg verpasst habe. Aber eine Saison bestehe schließlich nicht nur aus einem Spiel, Makkabi ,,konstruiere sich da etwas''. Es sei ein Novum, dass sich ein Verein der Entscheidung des Verbands so widersetze, man werde die Sache nun ,,gerichtlich ausfechten''.
Der DFB will das Urteil abwarten
Der Deutsche Fußball-Bund (DFB), den ein solcher Präzedenzfall in Zukunft beschäftigen könnte, wurde mittlerweile vom BFV informiert. ,,Wir warten jetzt das Urteil ab'', sagt DFB-Mediendirektor Harald Stenger. Sollte Makkabi vor einem ordentlichen Gericht Recht bekommen, könnten andere Vereine und Sportler diesem Vorbild folgen, die Autorität der Gerichte der Sportverbände würde geschwächt.
Beim TuS Makkabi nimmt man die Affäre sehr ernst. Tuvia Schlesinger sagt, die Handhabung des Falls durch die Verbandsgerichte widerspreche ,,unserer gesamten Rechtsordnung''. Mit dem Widerspruch des BFV habe er gerechnet: ,,Das überrascht mich überhaupt nicht, die bleiben bei ihrer Sturheit.'' Die Angelegenheit sei inzwischen natürlich auch zur Prinzipiensache für den Verband geworden. Die vorläufige Absetzung des ersten Spieltags nennt Schlesinger ,,die erste vernünftige Entscheidung, die die getroffen haben''.
In der vergangenen Woche hatte Schlesingers vorgeschlagen, die Staffel der Kreisliga aufzustocken und Makkabis zweite Mannschaft dort einzugliedern. Das BFV-Präsidium lehnte das ab. Als letzte Möglichkeit sei dem Verein angeboten worden, ein Gnadengesuch an das Verbandsgericht zu stellen, sagt Schlesinger. ,,Das war das Schärfste: Gnadengesuche reichen nur Täter ein, aber wir sind die Opfer.''
In Altglienicke hat man die jüngsten Entwicklungen der Affäre gar nicht genau verfolgt. ,,Ich habe nur mitbekommen, dass die sportliche Wertung des Wiederholungsspiels laut Verbandsgericht Bestand hat'', sagt Rainer Lange, der Fußball-Abteilungsleiter der VSG Altglienicke, ,,mehr weiß ich auch nicht.''
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(sueddeutsche.de)
Der Flügelflitzer
richtig, es geht um das wiederholungsspiel. dies aber ist ja ursächlich mit dem ersten spiel verbunden, weshalb man schon fragen kann, wieso es überhaupt zu einem wiederholungsspiel kommen musste.
zu fragen ist, wieso der schiedsrichter die partie nicht abgebrochen hat, nachdem es neben beleidigungen laut artikel auch bedrohungen gegeben hat. wie, bitte, kann so etwas sein? was tut der dfb? gab es strafen gegen den verein? sind vereinsleute eingeschritten etc?
dann aber: wieso wurde überhaupt ein wiederholungsspiel angesetzt? wäre ich gericht, und würde man mir glaubhaft versichern, dass beleidigt und bedroht wurde (dass also gefahr für leib und leben bestand), würde ich das spiel ein 2:0 für makkabi werten - und schluss. hier ist für mich der eigentliche skandal.
bitter auch, das nun an den stammtischen er eindruck entstehen wird, dass "die juden" sich hochgeklagt hätten - damit legt man zündstoff. hätte alles vermieden werden können durch ein sportgerichtlich klares urteil.
Nur zur Info an die SZ-Redaktion: Es ist nicht das erste Mal, dass ein Landgericht die Entscheidung eines Sportgerichts "aushebelt". Im Rahmen von einstweiligen Verfügungen geht das und war auch schon in Ligaspielen anderer Sportarten der Fall.
die Situation verweist noch auf ein anderes Problem: Warum wurde eigentlich ein Wiederholungsspiel angesetzt? Dass Altglienicke nicht sportlich fair ihre zweite Mannschaft aufstellt, war abzusehen, schließlich scheint der Verein ja durchaus antisemitische Strukturen zu haben...Gerade in unteren Ligen werden gerne Spieler aus höheren Teams eingesetzt, wenn diese keine Spiele haben und sich nicht mehr festspielen können. Also die Konsequenz kann nur lauten: Bei rassistischen oder antisemitischen Vorfällen (und ich hoffe in Zukunft auch sexistischen, zur Zeit würde dann aber kein Fussballspiel über die Bühne gebracht werden können) auf jeden Fall das Spiel für den Auslöser als verloren zu werten und im Wiederholungsfall Zwangsabstiege anzuordnen.
Die Konstruktion, dass man bezahlte Provokateure in die Stadien einschleust, ist natürlich absurd. Jeder, der ein bißchen Ahnung von Fankultur hat, weiß, dass das schon auffliegen würde.
Um das aktuelle Problem zu lösen, würde in der Tat nur eine Aufstockung der Liga helfen, da den Spielern von Berolina ja nichts vorzuwerfen ist. Aber Fußballverbände sind sicher nicht der Hort engagierter Zivilcourage sondern werden - wie immer - die Nestbeschmutzer, die sich - böse, böse - an eine externe Stelle gewandt haben, bestrafen.
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Ich frage mich, ob Sie den selben Käse geschrieben hätten, wenn der Verein "Borussia" oder so geheißen hätte.
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