Andre Agassi hört auf, das war bekannt. Aber als das dann in Wimbledon so richtig klar wurde, war das nur schwer zu ertragen. Glückliche Fügung, dass sich Agassi ausgerechnet mit einem Match gegen Rafael Nadal aus Wimbledon verabschiedet hat.
Sein letztes Spiel, seine letzten Ballwechsel in Wimbledon. Die Zeiteinheiten schrumpfen immer weiter zusammen, und gleich wird nichts mehr übrig sein außer der Erinnerung.
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Agassi nach der Niederlage gegen Nadal: "Es ist für mich ein Privileg, dass ich hier noch mal spiele." (© Foto: AP)
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Samstag, 15.43 Uhr. Über dem Himmel von London haben sich Schleierwolken vor die Sonne geschoben, ganz mild und cremig ist das Licht jetzt geworden. 7:6, 6:2, 5:4. Rafael Nadal, 20, schlägt zum Matchgewinn auf.
Andre Agassi, 36, stellt sich noch einmal an die Grundlinie. Das Publikum jubelt ihm wieder zu, wie die ganze Woche schon, nachdem er verkündet hat, dieses Wimbledon werde definitiv sein letztes sein. Aber nun ist der Abschied so fühlbar nahe gerückt wie nie, eine Sache von Minuten nur noch, von ein paar wenigen Bällen über das Netz.
Agassi springt ein Rückhandvolley vom Rahmen ins Aus. 15:0. Dann jagt er aus dem Halbfeld einen Winner an Nadal vorbei, es wird sein letzter sein auf dem Rasen von Wimbledon, aber das weiß man zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Man ahnt es nur.
Zu dominant hat Rafael Nadal seine Aufschlagspiele bestritten, "ich bin da nie bis Einstand gekommen", sagt Agassi, "das ist definitiv ein Problem." 15:15. Agassi rudert beim Return am Ball vorbei, 30:15, er schießt eine Rückhand cross ins Aus, 40:15. Zwei Matchbälle für Nadal.
Nicht mehr schmerzfrei Treppen steigen
Andre Agassi humpelt jetzt ein bisschen. Weil der Ischiasnerv sich wieder gemeldet hat? Oder weil Agassi es einfach nicht mehr anders gewöhnt ist? Drei Monate hatte er zuvor nicht mehr gespielt, Turnier um Turnier abgesagt, er konnte ja zum Teil nicht mal mehr schmerzfrei Treppen steigen. Es ist wohl wirklich an der Zeit, sich zu verabschieden.
Oder hat er sich das Ganze noch mal überlegt? "Nein, nein", sagt Agassi später mit geröteten Augen, "sicher nicht." Für den bekennenden Grübler klingt das nach einem ziemlich definitiven Entschluss.
"Ich kann nicht immer einen mühsamen Schritt nach vorne machen, dann wieder einen zurück, das ist auf die Dauer nicht zu ertragen." Es hat ihn schon sehr viel Energie gekostet, sich überhaupt noch mal in Form zu bringen für seine Abschiedstour, die er Anfang September bei den US Open endgültig abschließen will.
Das honorieren die Leute. "Aber es ist für mich ein Privileg, dass ich hier noch mal spiele", sagt Agassi, "nicht für sie."
"Poetische Ader liegt mir nicht"
Zwei Matchbälle also. Um 15.46 Uhr, nach 2:14 Stunden Spielzeit. Rafael Nadal schaufelt eine einfache Vorhand ins Netz. 40:30. Dann schlägt er ein Ass, ganz weit links raus, da kann sich Agassi strecken, wie er will.
Nadal hat es als erstes begriffen, er jubelt in die Stille hinein, die plötzlich über dem Center Court hängt, weil noch niemand richtig wahrhaben will, dass das nun tatsächlich Agassis letzter Ballwechsel in Wimbledon war, 19 Jahre nach seinem ersten, und Agassis Schläger hat den Ball noch nicht einmal berührt.
Sogar Nadal, der respektlose Haudrauf aus Mallorca, ballt die Faust eher verhalten, so groß ist sein Respekt vor dem Gegner. "Ist doch klar", sagt Nadal, "es ist heute nicht mein Tag, es ist sein Tag."
Man hatte Agassi, dem Altmeister aus Las Vegas, einen Sieg gegen Nadal zugetraut. Der Spanier, der auf Sand so viele Spiele in Serie gewann wie niemand vor ihm, gewöhnt sich schließlich nur langsam an das Spiel auf Rasen, wo er viel weniger Zeit hat, die Bälle präzise zu verarbeiten.
Keine Chance
Im Tie-Break des ersten Satzes lag Agassi zwei Punkte in Führung, dann schlug er eine einfache Vorhand ins Aus. Sonst hätte er zumindest diesen einen Satz gewonnen. Aber Nadal servierte an diesem Samstag so konstant "wie wahrscheinlich noch nie in meiner Karriere".
Unter diesen Bedingungen hatte Agassi zu keinem Zeitpunkt eine reale Chance.
Es war natürlich eine glückliche Fügung, dass sich Agassi ausgerechnet mit einem Match gegen Nadal aus Wimbledon verabschiedet hat, eine Art Stabübergabe der Tennisherrscher, "aber diese poetische Ader liegt mir nicht", sagt Agassi. "Ich gebe mit großem Stolz jedem die Hand, der mich besiegt hat."
Und doch war es ein deutlich würdigerer Abgang, als hätte Agassi wegen Schmerzen gegen irgendeinen Qualifikanten aufgeben müssen. So wie Agassi einst das Tennisspiel auf eine andere Ebene gehoben hat, so tut das derzeit Nadal.
Agassi hat in der vergangenen Woche viel über seine Gefühle sprechen müssen, aber nur wenige können auch so präzise über Tennis sprechen wie er. Man muss deshalb noch ein bisschen zuhören, was Agassi über Nadal zu sagen hat, dem man von der Tribüne staunend zusieht, "aber ich habe einen Logenplatz, nämlich den auf der anderen Seite des Netzes".
"Seine Art, sich zu bewegen, ist von einer anderen Welt", beschreibt Agassi ehrfurchtsvoll das Spiel seines Nachfolgers. "Sein Aufschlag hat eine heikle, unruhige Flugbahn.
Mehr noch: Wenn du nicht einen richtig guten Return hinbekommst - und damit meine ich: einen richtig, richtig guten Return - dann übernimmt er mit dem ersten Schlag die Initiative, schon musst du mit unglaublich viel Risiko spielen, um überhaupt einen Punkt zu erzielen. Ich kann mir das nicht leisten, vielleicht ein Spieler, dessen Fahrwerk noch ein bisschen besser ist, aber ich nicht."
Rafael Nadal, der vermeintliche Sandplatzspezialist, steht nun zum ersten Mal im Achtelfinale des Rasenturniers von Wimbledon, schon das ist mehr, als ihm viele zugetraut hatten. Aber kann er auch ins Finale kommen?
Der alte Andre Agassi jedenfalls hat dazu eine klare Meinung: "Wenn er jedes Mal gegen einen wie mich spielen müsste, käme er sicher bis dorthin."
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