Achtelfinale bei der WM Mit Schrottspielen auf Kurs

Per Mertesacker: Womöglich bald wieder besser gelaunt

(Foto: dpa)

Alle Gruppensieger der WM sind ins Viertelfinale gekommen - wozu waren also die Achtelfinals gut? Vielleicht für historische Rückschlüsse: Bisher ist fast kein späterer Weltmeister einfach durchs Turnier marschiert. Für Deutschland und Brasilien sind das gute Nachrichten.

Ein Kommentar von Boris Herrmann

Nun, da alle Achtelfinals gespielt sind, ist es Zeit zu fragen: Was wollten uns diese Achtelfinals eigentlich sagen? Am ehesten wohl dies: Achtelfinals sind sinnlos. Zeitverschwendung. Komplett überflüssig. Jene acht Mannschaften, die weiterhin um den WM-Titel streiten, entsprechen jedenfalls exakt jenen acht Teams, die zuvor auch als Gruppensieger aus der Vorrunde hervorgegangen waren. Man hätte sich den ganzen Aufwand also auch sparen können, man hätte ab dem zweiten Platz alle nach Hause schicken und gleich mit dem Viertelfinale anfangen können. Wenn es diese Achtelfinals nie gegeben hätte, sähe das Turnier jetzt so aus, wie es aussieht.

Was indes für den Artenschutz des Achtelfinales spricht: Das Turnier würde sich jetzt gewiss nicht so anfühlen, wie es sich anfühlt, wenn all die packenden Achtel- finalkrimis nicht ausgetragen worden wären. Es waren nicht zuletzt die Zweitplatzierten, die das Publikum begeistert hatten, ehe sie allesamt abreisten. Mexiko, Chile, Algerien, Griechenland, die Schweiz und die USA - sie alle haben sich bis zur letzten Sekunde gewehrt, bis zum letzten Elfmeter, bis zum letzten Pfostenschuss.

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Und obschon sie jetzt zu Hause sind, sind sie irgendwie noch da. Sie haben den Viertelfinalisten durchaus unangenehme Debatten hinterlassen. Vor allem den sogenannten Topfavoriten Brasilien und Deutschland, die beide am Rande des Abgrundes wandelten. Es hat also doch etwas gebracht, dieses Achtelfinale.

Den Deutschen hat es in erster Linie Skepsis und schlechte Laune beschert. Nach solch einem Kick gegen Algerien braucht niemand mehr vom Titel zu reden, heißt es nun. Das ist, mit Verlaub, töricht. Dass Deutschland Weltmeister wird, ist so wahrscheinlich bzw. so unwahrscheinlich, wie es vorher war. Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie hilft manchmal, die Gegenwart zu begreifen.

Selbst Argentinien musste nachhelfen

In der Historie findet sich so gut wie kein Weltmeister, der zwischendurch keine Schrottspiele abgeliefert hat. Die Deutschen müssten das am besten wissen: 1954 gingen die Berner Helden in der Vorrunde 3:8 gegen Ungarn unter, das Team von 1974 verlor gegen Sparwasser, das von 1990 zeigte ein jämmerliches Viertelfinale gegen die Tschechoslowakei (1:0).

Anderen erging es ähnlich. Die stilprägenden Spanier starteten vor vier Jahren mit einer Pleite gegen die Schweiz. Die Italiener spielten 2006 so unscheinbar, dass den Deutschen erst im Halbfinale auffiel, dass sie überhaupt noch dabei waren. Brasilien wäre 2002 um ein Haar im Achtelfinale an Belgien und 1994 an den USA gescheitert, die Franzosen 1998 an Paraguay. Der letzte Weltmeister, der durchgängig überzeugte, war vermutlich Maradonas Argentinien von 1986 - aber selbst der musste zwischenzeitlich mit der Hand nachhelfen.

Den WM-Titel gibt es nicht für die schönste Achtelfinal-Vorstellung. Die Geschichte sagt unzweifelhaft: Weltmeister wird nicht selten jene Mannschaft, die sich bis zum Viertelfinale so durchmogelt und dann noch mal etwas zuzulegen hat. Noch sind Deutschland und Brasilien gleichermaßen auf Kurs.

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