Abseits-Ärger im Fußball Schluss mit den finsteren Kapriolen

Nürnberger Ärger über den Schiedsrichter: Gegen Hannover kassierte der "Club" ein klares Abseitstor.

(Foto: Bongarts/Getty Images)

Das Phantomtor von Hoffenheim, Schalkes Treffer gegen Basel und jetzt der Frust der Nürnberger: Immer wieder sorgen vermeidbare Fehlurteile von Schiedsrichtern für große Irritation auf dem Platz. Die Öffnung für Torlinientechnik kann nur der erste Schritt sein.

Ein Kommentar von Moritz Kielbassa

Die Fehlbarkeit des Schiedsrichters war im Fußballjahr 2013 ein leidiges, wiederkehrendes Thema. Oft war es angebracht, aufrichtig jene Unparteiischen zu bedauern, die in einem beschleunigten Spiel in Millisekunden mit Millimetermaß Entscheidungen von größter Tragweite treffen müssen - noch immer ohne digitale Sehhilfe.

2013 bleibt als Jahr des Phantomtors von Hoffenheim in Erinnerung. Und so ist es zumindest bei der Kernfrage dieses weltbewegenden Spiels - Tor oder nicht Tor? - inzwischen die sonnenklare Mehrheitsmeinung, dass der Referee nicht länger allein gelassen werden darf. Schon 2014 könnte das Begrüßungsjahr für die unfehlbare Torlinientechnik werden.

In den vergangenen Tagen jedoch gab es zwei Fehlurteile, bei denen nicht nur der polternde Stammtisch-Fan größte Mühe hatte, noch Respekt und Verständnis für die Irrenden aufzubringen. Am Mittwoch, in der Champions League gegen Basel, standen, eins, zwei, drei, vier Schalker derart ungeheuerlich im Abseits, dass kein Fernglas oder Hawk-Eye nötig war - die einzige Erklärung, warum das 2:0 galt, wäre das Auftauchen eines Lockvogels mit versteckter Kamera gewesen. April, April, ein Scherz! Doch auch die Nürnberger waren am Samstag in Hannover in einem sehr realen Gruselfilm - als das Gegentor zum 2:3 zählte, obwohl ein XXL-Abseits vorlag.

Im bedeutungsüberhöhten Spitzenfußball des 21. Jahrhunderts ist eigentlich kein Platz für solche finsteren Kapriolen. Mittwochabend ging es um Millionen. Und das 3:3 von Hannover hat zumindest das Potenzial, die Nürnberger im Abstiegskampf nachhaltig zu demoralisieren. Daher sollte nach dieser 50. Kalenderwoche 2013 der Denkanstoß erlaubt sein, ob nicht noch weitere Schritte ans Licht vonnöten sind. Ob der ersten Stufe, der Öffnung für Torlinientechnik, nicht doch eine zweite folgen sollte: ein Videobeweis für spezielle Fälle.

Ja, es gibt Regelauslegungen im Graubereich (Elfmeter!), da würden sogar 3D-Ansichten am Spielfeldrand zu keiner absoluten Wahrheit führen. Doch die Kernfrage Abseits oder nicht - auch sie ließe sich in 98 Prozent der Fälle sekundenschnell klären, wenn der Schiedsrichter auf einem Monitor dieselben Hilfsmittel hätte, die der TV-Konsument längst hat: Striche ziehen, den verdeckten letzten Pass erkennen - kein Problem.

Im Tennis oder Hockey ist es etabliert, dass die Spieler zur Wahrheitsfindung eine begrenzte Anzahl von Videogutachten anfordern dürfen. Das müsste keineswegs bedeuten, dass der Rasen zum Gerichtssaal wird und in 90 Minuten künftig mehr diskutiert wird als gekickt.

Skeptisch sind aber nicht nur Fußballromantiker ("Das Spiel so lassen, wie es ist"). Auch die Schiedsrichter pochen auf ihre Entscheidungshoheit und würden visuelle Hilfsmittel - über die erwünschte Tortechnologie hinaus - als Entmündigung betrachten. Die grotesken Fälle dieser Woche haben jedoch gezeigt: Eine Teilentmündigung könnte zuweilen vor Häme und Beschimpfungen schützen.