Von Josef Kelnberger

Sascha Klein hat im Februar die Chinesen geschockt: Der Wasserspringer hat im Pekinger Wasserwürfel alle geschlagen. Jetzt will er auch in Deutschland einschlagen.

Bis zum Alter von achteinhalb Jahren wusste Sascha Klein gar nicht, dass es diese Sportart überhaupt gibt, Wasserspringen. Dann nahm ihn ein Freund einmal mit, und es war um ihn geschehen. 14 Jahre später war bei einem Wettkampf im Peking zu bestaunen, wie das zusammenpasst, der Aachener Sascha Klein und das Wasserspringen.

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Wenn die Welt um ihn herum rotiert, weiß er immer noch, wo oben und unten ist: Sascha Klein. (© Foto: dpa)

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Es war eine atemberaubende Flugshow, und verfolgt man den Auftritt als Video Sprung für Sprung, hört man im Hintergrund, wie das Jubeln und das Raunen immer lauter wird im "Wasserwürfel", der schicken neuen Arena für die Olympischen Schwimm- und Sprung-Wettbewerbe. Der Deutsche Sascha Klein verblüffte als Sieger vom 10-m-Turm beim Weltcupfinale im Februar 2008 die chinesischen Zuschauer. Ach was: Er schockte bei dieser Olympia-Generalprobe ganz China.

Sogar in der Volkszeitung (Renmin Ribao), dem Parteiorgan, wurde hinterher die Debatte geführt, ob die Strategie für die Olympischen Spiele überdacht werden müsse wegen diesem Sascha Klein aus Aachen. Er ist tatsächlich eher klein mit seinen 1,72 Metern und wirkt auch eher schüchtern, aber nur auf den ersten Blick. Wenn man den Wasserspringer auf seinen großen Coup anspricht, dann zieht sich Grinsen durch sein Gesicht. "Ich kam für die aus dem Hinterhalt", sagt er, "und jetzt wissen sie, dass sie geschlagen werden können." Und das tut ihnen weh, den Chinesen.

Es gibt kaum eine Sportart, die den chinesischen Zuschauern wichtiger ist als Wasserspringen. Zu Jahresbeginn gingen sie noch davon aus, in allen acht Disziplinen chinesische Goldmedaillengewinner zu feiern; dass 2007 der Russe Gleb Galperin den WM-Titel vom 10-m-Turm holte, betrachtete man als Betriebsunfall. Aber dann kam Sascha Klein. Er zeigte in Peking die Sprünge mit dem höchsten Schwierigkeitsgrad und bewies die besten Nerven, als der WM-Zweite von 2007, Zhou Luxin, vor dem letzten Sprung auf 0,15 Punkte herangekommen war.

Ein unfassliches Talent

Der Deutsche, bis dahin bei großen Wettkämpfen nicht auffällig geworden, konterte mit dem besten Sprung des Tages und findet: "Das war der beste Wettkampf meines Lebens." Damit muss er nun leben.

Die angenehmen Seiten sehen so aus, dass er im Reich der Mitte zu einer kleinen Berühmtheit wurde. Von 8000 Zuschauern wurde er beklatscht, es kamen sogar chinesische Fans ins Teamhotel, wollten ein Autogramm von Sascha Klein und sich mit ihm fotografieren lassen. Und in chinesischen Zeitungen hat er sein Bild unter einer Nachricht vom chinesischen NBA-Profi Yao Ming gesehen. Sascha Klein ist nun ein olympischer Gold-Favorit, auch wenn er sich bei der Europameisterschaft in Eindhoven dem 13-jährigen Engländer Thomas Daley geschlagen geben musste. Er verpatzte einen Sprung, tröstete sich aber mit dem EM-Titel im Synchronspringen vom Turm an der Seite von Patrick Hausding.

Offenbar arbeitet Klein nicht nur hart, sondern verfügt auch über unfassliches Talent. Das zeigt sich an jenem viereinhalbfachen Salto vorwärts, mit dem er im Februar in Peking alle Welt verblüffte. Klein hatte diesen Sprung im September 2007 erstmals überhaupt versucht; im Training am Rande des Weltcups in Sheffield schaute er ihn sich vom Kollegen Christian Picker ab, zunächst nur aus Spaß.

Den richtigen Augenblick finden

Das Bewegungsmuster wird in jahrelangem Training angelegt, aber für viereinhalb Drehungen muss ein Springer extrem schnell sein und sich extrem gut orientieren können. "Viele können schnell drehen", sagt Bundestrainer Lutz Buschkow, "wissen dann aber nicht mehr, wo oben und unten ist." Klein sagt, er habe ein Gefühl dafür, wo oben und unten ist, wenn die Welt um ihn rotiert. Und er müsse das gar nicht großartig üben: den richtigen Augenblick zu finden, um den Körper zu öffnen und makellos ins Wasser zu tauchen.

So ein Gefühl fürs Fliegen haben nur wenige, deshalb macht es nichts, dass Klein sein athletisches Talent erst beim Fußball, Schwimmen, Tennis, Turnen auslebte, ehe zum Wasserspringen fand. Als Stabsunteroffizier in Köln von der Bundeswehr versorgt, am Stützpunkt in Aachen behutsam aufgebaut, könnte er nun, zurück in Peking, nach den Sternen greifen. Sascha Klein will kein Ziel formulieren, aber so viel ist ihm klar: "Wenn man in Peking gegen die Chinesen Olympiagold vom Turm gewinnt, dann schlägt das auch in Deutschland ein."

Der Aachener Wasserspringer Sascha Klein sprang, wie er selbst sagt, aus dem Hinterhalt in die Weltspitze. In Peking gehört er plötzlich zu den Favoriten auf Gold vom Turm. Hier sind seine schärfsten Konkurrenten:

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(sueddeutsche.de/hum)