Bei der Hockey-WM 2006 wurde Christopher Zeller zum weltbesten Nachwuchsspieler gewählt. Nun soll der 23-Jährige Deutschland zum Olympiasieg führen.
Manchmal, in den ruhigen Momenten abseits eines Turniers oder eines Spiels, staunt Christopher Zeller selbst. Nicht über die Tore, die er schießt, oder über die Kunststücke, die er mit Ball und Schläger vollbringt. Auch nicht über den Druck, dem er und die deutsche Hockey-Nationalmannschaft als amtierender Weltmeister ausgesetzt sind. Zeller staunt darüber, wie er beobachtet, beurteilt, ja, bewundert wird. "Mir macht einfach Spaß, was ich mache, und dann tue ich auch alles dafür", sagt Zeller, der seit 2007 für Rot-Weiß Köln spielt.
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"Dieser Mann ist eine Sensation": der 23-jährige Hockeystürmer Christopher Zeller. (© Foto: Getty)
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Jahr für Jahr bekommt der 23-jährige Jura-Student inzwischen Vertragsangebote von den besten Klubs der Welt, er ist einer der ersten Nationalspieler mit einer Schlägerlinie von seinem Sponsor, und auch einer der ersten, die als Profispieler ausschließlich vom Hockey leben können. Zeller könnte abheben bei all dem Ruhm, den er bereits gesammelt hat, doch er ist noch immer der Chrissi aus München. Der unkomplizierte, höfliche und charmant verspielte Typ, der auf dem Feld zaubert und neben dem Platz darum bemüht ist, kein Aufheben um sich zu machen.
"Dieser Mann ist eine Sensation", hat Bernhard Peters, der ehemalige Hockey-Bundestrainer, nach der WM 2006 über Zeller gesagt. Im Finale gegen Australien schoss er erst das 1:0 und später das entscheidende 4:3-Siegtor. Da war Zeller gerade 22 Jahre alt, WM-Torschützenkönig und zum weltbesten Nachwuchsspieler gewählt worden.
Penalty-Schuss zur EM
Schon 2003, bei seinem ersten großen Turnier mit der Nationalmannschaft, hatte Zeller überrascht. Nicht nur mit seiner frühen Klasse, sondern auch mit einer Abgeklärtheit im Spiel, die sonst nur erfahrene Routiniers mitbringen. Zeller kann hart und platziert schießen und schlenzen, was er nicht nur seinem Talent, sondern vielen und langen Trainingsstunden verdankt. Als es nun im EM-Finale 2003 gegen Spanien ins Siebenmeter-Schießen ging und die Mannschaft beriet, wer den letzten, den womöglich entscheidenden Schuss abgeben sollte, ergriff Zeller sanft, aber bestimmt das Wort: "Wenn ihr nichts dagegen habt, mach' ich das", meinte der damals 18-jährige. Sekunden später zappelte der Ball im Netz, und Deutschland war Europameister.
Für andere Spieler ist so ein Moment vielleicht schon der Höhepunkt ihrer Karriere. Für Zeller war es nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zu einem Spieler, der noch auf Jahre die deutsche Hockey-Nationalmannschaft und das Hockey weltweit prägen wird. "Er ist einer der besten Spieler weltweit und der vielleicht beste Strafeckenschütze, den es zur Zeit gibt", sagt Stefan Kermas, Trainer seines Heimatklubs Münchner SC und Co-Trainer der Hockey-Nationalmannschaft.
Der Ball als Freund
"Dem Chrissi musst du nur einen Ball hinwerfen, und schon ist er glücklich", meinte einmal sein ehemaliger Nationalmannschaftskollege Philipp Crone. Zeller weiß instinktiv, wie er mit dem Ball umgehen muss, und er ahnt schnell, was mit Training noch herauszuholen ist. Ob mit einem Fußball beim Aufwärmen oder mit der kleinen Plastikkugel und dem Schläger: Zeller behandelt den Ball wie ein lieb gewonnenen, vertrauten Freund, mit dem man sich blind versteht, er streichelt ihn, gibt ihm ungeahnte Richtungen, entlockt ihm angeschnittene Kurven und schickt ihn dann mit einer Wucht ins Tor, dass man weder Feind noch Freund wünscht, dazwischen zu geraten. Bei seinen exakten Zuspielen und kunstfertigen Tricks geht ein Raunen durchs Publikum, selbst die gegnerischen Fans können manchmal nicht anders, als ihm zu applaudieren.
In den Niederlanden, wohin Zeller nach der WM 2006 vom Münchner SC zum Topklub HC Bloemendaal gewechselt war, wussten sie denn auch nicht, wie sie diesen jungen Kerl einordnen sollten. Noch vor Zeller war sein Ruf bei dem Verein in einem Vorort von Amsterdam eingetroffen. Fans und Gegner in den Niederlanden wussten also, wie gut Zeller sein soll, und dann, als er wirklich da war und spielte - war er einfach noch besser als gedacht.
Nach 47 Saisontreffern bekam Zeller auch in Holland die Torjägerkrone, gewann die Meisterschaft und wurde noch vor dem weltberühmten Teun de Nooijer zum besten Spieler 2007 gewählt. Die niederländischen Medien ernannten ihn zum "het monster", zum Tormonster, bevor er zurück nach Deutschland, nach Köln wechselte.
Wieder die entscheidende Aktion?
Beim Olympischen Turnier in Peking, Zellers zweitem nach der Bronzemedaille von Athen 2004, soll das Tormonster wieder zuschlagen. In der Vorrunde geht es zunächst gegen Gastgeber China, gegen das wuselige Korea, die Außenseiter Belgien und Neuseeland sowie Mitfavorit und WM-Finalist Spanien. Auf dem Weg zu einer Medaille warten anschließend die langjährigen Rivalen: Olympiasieger Australien sowie der Olympiazweite aus den Niederlanden.
Christopher Zeller wird in diese Spiele gehen, wie er immer auf den Platz läuft: Konzentriert, und doch irgendwie auch entspannt. Er weiß, was er kann, und er weiß, dass es nicht nur an ihm allein liegt, auch wenn viele von ihm wieder die entscheidende Aktion erwarten. Und wer genau hinsieht, wird feststellen: Es gibt wohl kein netteres Monster als diesen Christopher Zeller.
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(sueddeutsche.de/hum)
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