Aachens Insolvenz Hinter Dortmund und Schalke liegt das Jammertal

Im Westen Deutschlands droht derzeit ein bedeutender Teil der Fußballtradition zugrundezugehen. Namhafte Vereine sind weit davon entfernt, wieder in die Bundesliga zurückzukehren. Die Beispiele der insolventen Aachener Alemannia und des MSV Duisburg zeigen: Neue Arenen können der Anfang eines finanziellen Desasters sein.

Ein Kommentar von Ulrich Hartmann

Das neue Stadion für 33.000 Zuschauer ist von nächster Saison an Austragungsort für Amateur-Fußball.

(Foto: dpa)

Es ist gerade Herbst, da steht der erste Absteiger im deutschen Profifußball bereits fest. Der insolvente Drittligist Alemannia Aachen muss nächste Saison in der Regionalliga weitermachen und kann sein neues 33.000-Zuschauer-Stadion namens Tivoli dann in der vierten Liga bespielen - aber auch nur, wenn der Sanierungsplan gelingt.

Im schlimmsten Fall würde den schwarz-gelben Kickern künftig eine Bezirkssportanlage genügen. Auch der überschuldete Zweitligist MSV Duisburg ist in akuten Nöten, hofft aber noch, eine drohende Insolvenz vermeiden zu können. In beiden Städten ist der Erhalt respektabler Fußballteams auch deshalb so notwendig, weil sie sonst in bester Lage eine völlig überflüssige moderne Arena stehen hätten.

Nur das Geld auszugeben, was man eingenommen habe, sei die richtige Antwort auf "gewisse Absurditäten im Fußball", hat der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge am Donnerstag auf der Hauptversammlung des FC Bayern München gesagt. Den klammen Klubs im nordrhein-westfälischen Jammertal klingen solche Worte in den Ohren. Bayern München generiert einen Rekordumsatz von 332 Millionen Euro, Borussia Dortmund zahlt seinen Aktionären erstmals eine Dividende und sogar der hochverschuldete FC Schalke 04 erwirtschaftet in der Champions League gerade schönes Geld zur Tilgung seiner Arena-Kredite.

Auf den Gipfeln der Branche fließen Milch und Honig, doch die kleinen Sorgenklubs tief im Westen haben ihre Aufenthaltsgenehmigung für die oberste Etage in den vergangenen Jahren verspielt. 2007 ist Alemannia Aachen aus der Bundesliga abgestiegen, 2008 der MSV Duisburg, 2009 Arminia Bielefeld, 2010 der VfL Bochum. Keiner dieser namhaften Klubs wird auf absehbare Zeit in die erste Liga zurückkehren.

Im Westen drohen dieser Tage relevante Teile einer großen Fußballtradition und -kultur zugrunde zu gehen. Auch den Bochumern in der zweiten Liga und den Bielefeldern in der dritten geht es schlecht. Die Arminia hätte sich mit einer überteuerten neuen Haupttribüne beinahe ruiniert, Rot-Weiß Essen und Rot-Weiß Oberhausen vegetieren in der vierten Liga freudlos am Existenzminimum. Die Essener haben ihre Insolvenz schon hinter sich: 2010 angemeldet, 2011 bewältigt. Bochum und Oberhausen sind sportlich erfolglos, müssen aber wenigstens kein Stadion abbezahlen.

In Aachen und Duisburg hatten sie sich mit hehren Visionen teure Arenen bauen lassen und gedacht, dies sei der Anfang besserer Zeiten. Doch das Gegenteil war der Fall. Solche Stadien sind nur refinanzierbar, wenn drinnen erfolgreich gespielt wird.

Unkalkulierbares Risiko

Zu diesem Zweck gehen manche Klubs in ein Risiko, das sie nicht mehr kontrollieren können. Etats werden auf Kante genäht; Misskalkulation, Misserfolg sowie Misstrauen bei Publikum und Sponsoren entwickeln dann das ätzende Gemisch, das die wirtschaftliche Balance zerstört. Die zahlungsunfähigen Aachener und die gefährdeten Duisburger eint das Dilemma, die teuren Stadionmieten nicht mehr bewältigen zu können, weil ihre fußballerische Krise die notwendigen Erlöse aus Fernsehgeld, Ticketverkauf, Merchandising und Sponsoring abgeschmolzen hat.

Diese neuen Arenen, gewaltige Symbole eines erhofften Aufschwungs, sind der maßgebliche Grund für die Tragödien, die sich jetzt in ihnen abspielen.