Die Unfälle bei der Tour und bei der Leichtathletik zeigen: Die Nutzung des Stereotyps "Sport ist gefährlich" - oder krasser: "Sport ist Mord" - ist nur eine Flucht aus einer Debatte.
Salim Sdiri wurde schwer verletzt. Foto: dpa
16.07.2007, 16:532007-07-16T16:53:00 CEST+0200
Die Unfälle bei der Tour und bei der Leichtathletik zeigen: Die Nutzung des Stereotyps "Sport ist gefährlich" - oder krasser: "Sport ist Mord" - ist nur eine Flucht aus einer Debatte.
Salim Sdiri wurde schwer verletzt. Foto: dpa
Würde der Skirennläufer Gernot Reinstadler heute noch einmal an derselben Stelle stürzen, an der er 1991 ums Leben kam, womöglich würde er aufstehen, sich kurz schütteln und unverletzt ins Ziel abgleiten. An der Stelle, an der er damals beim Lauberhorn-Rennen von Wengen starb, sind heute keine Fangnetze mehr. Dort werden, als Folge seines Unfalls, orange Abweisplanen montiert. Ohne Maschen. In den Maschen hatten sich die Ski des Österreichers verfangen, es riss ihm die Beine auseinander, die Diagnose lautete: Beckenspaltung.
Die letzte Geländekuppe hatte wie ein Katapult gewirkt, Reinstadler hatte nicht mehr die Kraft gegenzusteuern, die längste Abfahrt des Weltcups hatte seine Energie geraubt. Niemals, hieß es damals entschuldigend-erklärend vom Veranstalter, habe man damit rechnen können, dass ein Stürzender so weit fliegt, dass er in einem solchen Winkel in die Maschen prallt. Sonst hätte man die Planen ohne Maschen, die es damals schon gab, weiter runter in den Zielhang gezogen.
Niemals, hieß es am Wochenende entschuldigend-erklärend aus Rom, habe man damit rechnen können, dass der Speer dorthin fliegt, wo er landete: zehn Zentimeter tief im Rücken des Franzosen Salim Sdiri. Sdiri hatte dort gestanden, wo er hatte stehen dürfen, gleich neben der Weitsprunggrube, an der gerade sein Wettbewerb lief.
Jener Zuschauer, mit dem Patrik Sinkewitz am Sonntag bei der Tour de France kollidierte, und um dessen Leben jetzt die Ärzte kämpfen, stand nicht dort, wo er sich aufhalten sollte. Der Luxemburger ist offenbar über die Absperrung geklettert, zu früh auf die Rennstrecke, auf der Sinkewitz nach seiner Zieldurchfahrt schon wieder zurückfuhr. Hergang und Schuldfrage werden Gerichte klären - wie nach dem Tod der Skiläuferinnen Uli Maier (1994) und Régine Cavagnoud (2001). Die Österreicherin musste sterben, weil eine Zeitmess-Vorrichtung falsch an der Strecke platziert war, die Französin, weil ein Trainer auf der Trainingspiste stand.
Die Nutzung des Stereotyps Sport ist gefährlich (krasser: Sport ist Mord) ist dabei auch nur eine Flucht aus einer Debatte. Der Radfahrer, der sich auf die Tour de France begibt, wird in vielerlei Hinsicht selbst damit kalkulieren, dass es ungesund werden wird. Der Weitspringer aber, der an der Grube steht, sollte nicht zu fürchten haben, dass ihn - aus heiterem Himmel - der Speer trifft. In Rom hat das Programm nicht gepasst (zeitgleich Sprung und Speer), und auch die Anlage nicht (die Grube liegt noch im Innenraum, nicht jenseits der Laufbahn).
Rad, Ski und Speer sind dramatische Beispiele dafür, dass der Übergang zwischen den Grenzen menschlichen Ermessens und der Tatsache grober Fahrlässigkeit immer äußerst schmal und fließend bleibt.
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