Vielleicht aufs Stockerl
Neuville und der WM-Kader
24.03.2006, 12:27
Viele Zitate hat es hinterher nicht gegeben von Oliver Neuville. Das war schade, andererseits aber auch von Vorteil, weil Neuvilles Zitate gefürchtet sind.
Möglicherweise hält Neuville eine Art Zitat-Weltrekord, weil es kaum einen Spieler gibt, bei dem Aufwand und Ertrag so weit auseinanderklaffen. Es ist nämlich harte Arbeit, ein Zitat von Neuville zu erobern. Das liegt daran, dass Neuville so leise spricht, dass er sich vermutlich selbst nicht versteht; wer dennoch erfolgreich in den Besitz eines O-Tons geraten ist, darf sich als Belohnung über Sätze wie am Mittwoch freuen: "Ich bin heute sehr zufrieden."
Oliver Neuville ist der Gewinner des Abends gewesen, das kann man laut und leise sagen, es stimmt immer. Er war als Stürmer Nummer sechs veranschlagt in Trainer Klinsmanns Rangliste, hinter Klose, Podolski, Asamoah, Kuranyi und Hanke. Jetzt hat er ein Tor geschossen und eins per Hackentrick angebahnt und sich womöglich eine Art Stockerlplatz erkämpft: Während Kuranyi und Hanke verletzt pausierten, haben sich Asamoah und Podolski einen Wettbewerb um das schlechtere Spiel geliefert.
Wer gewonnen hat, ist Gesschmackssache: Podolski konnte weitgehende Abwesenheit in Anrechnung bringen, während Asamoah mit auffälliger Anwesenheit prahlte. Er war manchmal sogar so anwesend, dass der von hinten heranpreschende Arne Friedrich auf ihn drauf rumpelte.
Es hat überhaupt einige Verlierer gegeben beim Gewinner, aber wie es aussieht, werden das eher komfortable Niederlagen sein. Klinsmanns Deutschland kann es sich zurzeit nicht leisten, dauerhafte Formschwächen mit Missachtung zu strafen.
Natürlich werden Spieler wie Podolski, Friedrich oder der erschütternd verunsicherte Mertesacker neben den unumstrittenen Helden wie Klose oder Ballack im WM-Kader auftauchen, und auch Metzelder und Kehl dürften sich im heimischen Stadion die Teilnahme am heiligen Turnier gesichert haben.
Dazu reichen inzwischen weitgehend solide Leistungen gegen weitgehend ersatzgeschwächte Gegner; von akuter Streichung bedroht ist dagegen Fabian Ernst, der im Ausscheidungsrennen um die Sechser-Position hinter Frings und Kehl auf Platz drei zurückgefallen sein dürfte.
Es ist vermutlich kein gutes Zeichen, dass das DFB-Aufgebot zwei Monate vor der Nominierung kein großes Geheimnis mehr ist. Einerseits liefert die Liga kaum Alternativen, und wenn, sind sie nicht nach dem Geschmack des Trainerteams.
Der Bremer Frank Baumann etwa, ein unauffälliger, aber strategisch begabter Mittelfeldspieler, passt angeblich nicht in Klinsmanns Hurra-Konzept, womit die Chance auf Blockbildung mit Frings und Ballack leichtfertig vertan ist. Zur Verhandlung stehen nur noch die Ränder im Kader: Darf Manuel Friedrich als vierter Innenverteidiger (neben Mertesacker, Metzelder, Huth) mit zur WM? Oder der Kölner Sinkiewicz? Oder reichen drei?
So ging der Abend mit nur einer neuen Nachricht zu Ende: Oliver Neuville hat sich als Wühl- und Kreiseljoker in eine gute Position gebracht und damit eine andere geheime Jokeroption unwahrscheinlich gemacht: die Nominierung von Mehmet Scholl. Der kann mit einem einzigen Eckball ein Spiel wenden - allerdings nur, wenn ihn sein Vereinstrainer Felix Magath auch mal spielen lässt.
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