Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann kämpft um seinen Job. Doch es könnte ihm bald so ergehen wie all den Chefs, deren Konzerne nur noch verlieren.
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Einst kannte man Jürgen Klinsmann als nie aufgebenden Spieler, als mitfiebernden Trainer an der Seitenlinie. Heute zeigt er ganz andere Gesichter. Fotos: dpa 1 von 14
Allein diese Ergebnisse! Sie klingen nach Desaster, nach extremer Minderleistung. 2:4 im DFB-Pokal gegen Bayer Leverkusen. 1:5 in der Bundesliga gegen den VfL Wolfsburg. Und, nun: 0:4 in der Champions League gegen den FC Barcelona.
Das sind die jüngsten Resultate des großen FC Bayern München in jenen drei Wettbewerben, die der Verein gewinnen oder in denen er zumindest sehr weit kommen wollte.
Mit solchen Arbeitszeugnissen wird es für jeden leitenden Angestellten schwer, seinen Job zu halten - vor allem wenn er wie Jürgen Klinsmann selbst über seinen schwierigen Arbeitgeber verkündet: "Ich bin hier extrem ergebnisabhängig." Der
Trainer des FC Bayern hat sich bereits entschieden, welches Spiel das bitterste für ihn war: "Das gegen Barcelona war meine größte Pleite. Der Stachel sitzt tief. Ich bin gefrustet, das ist ganz klar. Das Ergebnis und unsere Vorstellung waren sehr enttäuschend. Die erste Halbzeit war eine Demontage, uns wurden die Grenzen in jedem Bereich deutlich aufgezeigt."
Wurden nicht auch die Grenzen des einstigen Nationalstürmers aufgezeigt, der im Jahr 2006 zum Held des "Sommermärchens" wurde, als die von hm gecoachten deutsche Nationalelf bei der WM im eigenen Land immerhin Dritter wurde? Der einsame Kampf des Jürgen K. läuft einem Finale entgegen.
Der FC Bayern ist ein nationales Symbol. Er war bis dato ein Erfolgsmodell wie Audi oder BMW, ein exportfähiges Produkt, das die Fußballfans in Thailand, China oder Brasilien ebenso kennen wie Manchester United oder FC Chelsea. Nun aber, mitten in dem Gebräu schlechter Nachrichten aus der Hypo Real Estate oder von Karmann oder von Opel, platzt die Meldung, dass sie auf den Fußballplätzen dieser Welt dem ruhmreichen FC Bayern die Lederhosen ausziehen.
Ausgeschieden im DFB-Pokal, de facto ausgeschieden in der Champions League und in der Bundesliga lediglich Platz vier - das ist die Schreckensbilanz von Klinsmann als Trainer des FC Bayern. Noch schlimmer: Die Leistung seiner Mannschaft gegen Barcelona war so ernüchternd, dass es einem ehemaligen Trainer des FC Bayern die Tränen in die Augen trieb: "Ich habe unseren alten Freund Udo Lattek in der Halbzeit gesehen", sagte Vereinschef Karlheinz Rummenigge beim Bankett nach dem Spiel, "er hat geweint."
Wann hat je einer über Bayern München weinen müssen? Müssen die meisterschaftsverwöhnten Kicker demnächst am Konjunkturpogramm des Peer Steinbrück teilnehmen, damit die Wirtschaftskraft des Klubs nicht weiter leidet?
Gut möglich, dass Jürgen Klinsmann bald das Schicksal all der Chefs wie Georg Funke von Hypo Real Estate oder Rick Wagoner von General Motors teilt, die als Krisenverantwortliche gehen müssen.
Ein klares Bekenntnis zum Trainer wollte sich keiner der Verantwortlichen des FC Bayern abringen nach diesem bitteren Spiel, nach der Schmach von Camp Nou. Rummenigge sagte: "Es gilt jetzt, keine spontanen...", dann machte er eine lange Denkpause, bevor er den Satz vollendete: "unsinnigen Entscheidungen zu treffen." Manager Uli Hoeneß erklärte, er wolle eine Nacht schlafen und dann dieses Spiel analysieren.
Einen Rücktritt schloss Klinsmann nach dem Spiel in Barcelona aus. Die Lust und Freude an seiner Arbeit sei ihm "in keinster Weise" vergangen, beteuerte er am Donnerstag vor dem Heimflug nach München. "Dass das ein schwerer Moment ist, ist ganz normal. Das gehört zum Job. Es gibt nicht nur sonnige Situationen."
Nach der Vorführung in Barcelona steht Klinsmann stärker im Kreuzfeuer als je zuvor. Natürlich waren wichtige Spieler verletzt, auch kann Klinsmann wenig für die Zusammenstellung des Kaders, wie er im Interview mit der Süddeutschen Zeitung versichert hat: "Ich habe eben eine Mannschaft übernommen, die zu hundert Prozent schon vorhanden war, ohne Forderung nach Neuverpflichtungen."
Man wird sich in München dennoch die Frage stellen, welchen Anteil an der offenkundigen Zielverfehlung der Trainer hat. Mit großen Ankündigungen hatte Klinsmann seine Aufgabe angetreten. Er stellte Buddha-Figuren auf dem Trainingsgelände auf, regelmentierte die Medien und deklamierte, er wolle den Verein zurück an Europas Spitze führen - und vor allem jeden Spieler jeden Tag ein Stück besser machen.
Präsident Franz Beckenbauer relativierte schon damals: "Jürgen Klinsmann hat einen Zweijahres-Vertrag. Ich wünsche ihm, dass er ihn auch erfüllt." Das war weise, denn schon nach einer Saison - vor allem nach einer völlig missratenen - könnte bald Schluss sein.
Praktisch seit Beginn seiner Amtszeit sah sich Klinsmann massiver Kritik ausgesetzt. Zuerst bremste Manager Hoeneß den Reformwillen des zuvor in den USA lebenden Fußballexperten mit der Aussage, "dass Rom auch nicht an einem Tag erbaut wurde." Danach gab es Anmerkungen von Spielern, Klinsmann würde die Defensive vernachlässigen - ja, es soll gar eine Mannschaftssitzung ohne den Trainer gegeben haben.
Und nun sorgen die schlechten Ergebnisse von ganz allein dafür, dass über seinen Abschied aus München spekuliert wird. Die Szenen auf dem grünen Rasen in Barcelona wirkten, als habe sich der Coach von der Mannschaft isoliert, als spiele sie im Unterbewussten gegen den blonden Daueroptimisten. "Klinsi, das war's", hob die Abendzeitung auf die erste Seite.
Die tragische Hauptfigur selbst blickte vor dem Abflug nach München in gewohnter Manier nach vorne und sprach von der Pflicht, nun Deutscher Meister zu werden: "Daran wird der Trainer und jeder einzelne Spieler gemessen. Jetzt wisse die Mannschaft, "dass es fünf vor Zwölf ist. Aber ich weiß, was in der Mannschaft steckt und habe keine Zweifel, dass sie eine Reaktion zeigt am Samstag".
Am Samstag geht es in Bundesliga in München gegen Eintracht Frankfurt. "Wir haben den Fokus jetzt voll auf die Meisterschaft", macht sich Klinsmann Mut. Worauf auch sonst, fragt sich der Fan.
Wie aber reagieren die Verantwortlichen des FC Bayern, wenn sie alles gelesen haben, was in der internationalen Presse über die Demütigung ihres Klubs erscheint? Wenn sie das Spiel erst einmal analysiert und begriffen haben, dass eine Rufschädigung vorliegt und der Verantwortliche womöglich den Bezug zum Team verloren hat.
Es wird dann keine spontane Entscheidung mehr sein, sondern eine wohlüberlegte - wie immer sie nun ausfallen mag. Am Ende wird bleiben, was Klinsmann der SZ sagte: "Wer zehn Dinge am Tag anpackt, der macht auch welche falsch."
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