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Von Carsten Eberts

Dem Handball-Trainer Gunnar Prokop droht der Verlust aller Ämter, weil er absichtlich eine Spielerin rammte. Die EHF verkündet am Mittwoch das Urteil.

Gunnar Prokop Handball dpaGrossbild

69 Jahre und kein bisschen altersmilde: der Handballtrainer Gunnar Prokop. (Foto: dpa)

Selbst der Kommentator Roland Hönig war nach dem Foul des Trainers so verdattert, dass er erst nach Sekunden zu einer halbwegs treffenden Analyse fähig war: "Da ist er plötzlich auf dem Feld gestanden", sagte der Mann vom österreichischen Fernsehen (ORF) in der Live-Übertragung: "Das ist eigentlich nicht wirklich fair." Dann eine kleine Anklage: "Hat so ausgesehen, als ob da Absicht dahinter wäre."

Der, der da in Anzug und bunter Krawatte auf dem Feld stand, war Gunnar Prokop, 69, der Mann, den man in Österreich den "Mister Handball" nennt. Eine bestimmende Figur wie Heiner Brand in Deutschland, nur kleiner, älter, runder. Prokop rief Anfang der siebziger Jahre den Verein Hypo Niederösterreich ins Leben, eine nachhaltig erfolgreiche Entscheidung: Denn Hypo wurde im Frauenhandball des Alpenlandes seit 1977 alljährlich Meister, acht Mal gewann der Klub die Champions League. Die Europäische Handballföderation (EHF) ernannte ihn zum "Trainer des Jahrhunderts", das Bundesland Niederösterreich ehrte ihn 2007 fürs Lebenswerk.

"Taktisch völlig richtig"

Nun scheint es so zu sein, als habe sich Prokop um dieses Lebenswerk gebracht. Am vergangenen Donnerstag, beim Stand von 27:27 im Champions-League-Spiel von Hypo Niederösterreich gegen HB Metz, stürmte Prokop von der Auswechselbank aufs Feld und stellte sich der einen schnellen Gegenstoß laufenden Svetlana Ognjenovic rabiat in den Weg. Ein unbeholfen wirkender, doch keinesfalls kraftlosen Bodycheck, der Wirkung zeigte. Die Metzer Spielerin wirkte völlig verstört ob dieses Mannes, der da plötzlich im Spiel aufgetaucht war. Die ORF-Bilder zeigen, wie Prokop sich abdreht und schelmisch grinsend die rote Karte hinnimmt. Was hätte er denn sonst tun sollen, fragte Prokop in Richtung Publikum: "Ehe ich das Spiel verliere, muss ich die rote Karte riskieren. Taktisch war es völlig richtig."

Gunnar Prokop Handball dpaGrossbild

Die entscheidende Szene: Trainer Gunnar Prokop (unten, 3. v.l.) rammt die Spielerin in Gelb. (Foto: dpa/ORF)

Für sein Foul hat sich Prokop am Dienstag, mit einigen Tagen Verspätung, entschuldigt, er spricht von einer "unentschuldbaren Fehlreaktion". Die EHF hat ihr Urteil für den heutigen Mittwoch angekündigt - es könnte Prokops Karriere beenden. Das Strafmaß sei "grundsätzlich bis oben hin offen", sagte Spielbetriebsleiter Markus Glaser. Eine Geldstrafe gilt als sicher, es stellt sich nur die Frage, ob Prokop für Monate oder Jahre gesperrt wird. Noch vor dem EHF-Urteil hat er vorsorglich seinen Posten als Trainer aufgegeben. Manager seines Frauen-Ensembles wolle er aber bleiben. Seine Erklärung: "Möglicherweise lässt sich diese Reaktion psychologisch begründen, mir selbst fehlt aus heutiger, distanzierter Sicht jede Nachvollziehbarkeit." Er werde versuchen die Situation mit einem Psychologen aufzuarbeiten.

Das Spiel verlor Prokop tatsächlich nicht (Metz traf in der Schlusssekunde das Lattenkreuz), seine Reputation hingegen ist dahin. "Wir distanzieren uns von jeglicher Form der Unfairness. Wir wollen mit legalen Mitteln gewinnen", sagte der österreichische Verbandspräsident Gerhard Hofbauer. Beim Verband, so darf die Aussage gewertet werden, ist man merklich in Sorge um den Ruf des kleinen Handball-Landes, das im Januar 2010 erstmals die Europameisterschaft der Männer ausrichten darf.

Ein Eingriff von der Bank ist nichts Neues im Handball, schon häufiger sind Funktionsträger durch Ruppigkeiten auffällig geworden - vornehmlich im Männerhandball. Der Montenegriner Veselin Vujovic, damals Trainer von Ciudad Real/Spanien, musste nach einer ähnlichen Aktion zehn Monate pausieren (er streckte den Flensburger Lars Christiansen nieder und trat auf den am Boden liegenden Lars Krogh Jeppesen ein).

Serie von Auffälligkeiten

Bei der Ahndung des Prokop-Fouls hat die EHF auch ein Problem mit dem offiziellen Amt des Österreichers: Als gewählter Vorsitzender des Frauenklubkomitees war er automatisch Mitglied der Spielbetriebskommission des Verbands. Bis zum offiziellen Urteil hat hat ihn die EHF jedoch suspendiert. Sein erstes Amt ist Prokop damit vorerst los.

Prokops Kommentare nach dem Spiel fügen sich ein in eine Serie von Auffälligkeiten. Einmal erklärte der Trainer einer Frauenmannschaft öffentlich, dass Frauen eigentlich an den Herd gehören. Dann bekannte er, dass er bei Asylbewerbern viel härter vorgehen würde, und dass muslimische Frauen in Österreich kein Kopftuch tragen sollten. Kurioserweise tätigte er all diese Aussagen, während seine Gattin Liese, eine ehemalige Leichtathletin, gerade Innenministerin Österreichs war. Die 2006 verstorbene Ministerin musste sich öffentlich für ihren Mann entschuldigen.

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(SZ vom 04.11.2009/ebc)

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