Interview: Bernd Müllender

Wie Siegfried Gärtner während der Fußball-WM 1954 drei Wochen lang durch die Schweiz radelte

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Deutschland spielt in Bern, Basel, Zürich; das ist ziemlich flach: Das schaffen wir! Foto: Gärtner

Während der Fußball-WM 1954 fuhr Siegfried Gärtner drei Wochen lang mit dem Fahrrad durch die Schweiz, er war bei allen Spielen dabei. Später arbeitete er als Leiter des Rechnungswesens bei einer Thyssen-Tochter, heute lebt der 74-jährige Rentner in Gelsenkirchen. Und jetzt zur EM? "Nocheinmal so eine Radtour? Ich wäre noch fit, aber es gab ja keine Chance auf Karten."

SZ: Herr Gärtner, haben Sie die Eintrittskarte zum Endspiel von Bern 1954 eigentlich noch?

Gärtner: Bis vor einem halben Jahr, ja. Dann habe ich sie einem Sammler gegeben. Der hatte annonciert. 30 Euro hat er bezahlt.

SZ: Bitte? Das ist nichts...

Gärtner: Ach, ich hätte sie ihm auch geschenkt. Mir war die Karte nicht mehr so wichtig. Das war gerade einmal ein Stück Papier, winzig klein, und da stand drauf: "Endspiel Fußball-WM 1954, Fifa". Der Preis war 8 Fränkli. Die Karten für die anderen Spiele haben wir damals sowieso weggeworfen. Nur die Kaufquittung habe ich noch, hier: "7 Eintrittskarten, 55,70 Mark, Mercator-Reisebüro Duisburg, Datum 15.3.54."

SZ: Waren Sie sich denn nicht bewusst, dass Sie bei einem historischen Ereignis dabei waren?

Gärtner: Nein, gar nicht. Mein Freund und Mitfahrer Gerhard Thiel vielleicht ein bisschen mehr, der war ein richtiger Fußball-Narr und hatte auch die Idee: Schweiz, das ist doch nicht so weit, und Deutschland spielt in Bern, Basel, Zürich; das ist ziemlich flach. "Siegfried", hat er gesagt, "das schaffen wir". Obwohl, über den Berg von Olten fluche ich heute noch.

SZ: Durften Sie überhaupt weg? Sie waren damals noch nicht mal volljährig.

Gärtner: Stimmt, ich war 20, Gerhard gerade 18. Aber wir hatten viel Freiraum. Mein Vater hat mir sogar sein Rad geliehen. Gerhard und ich sind bis Basel mit dem Zug und dann los. Das war schon ein Abenteuer.

SZ: Ein Beispiel?

Gärtner: Ganz viele, wenn Sie wollen. Deutschland war doch so klein und für eine WM gerade erst zugelassen worden. In Solothurn sind wir von einem Mann so ausgeschimpft worden, weil wir ihn aus seiner Heimat vertrieben hätten. Da habe mich bei ihm gleich entschuldigt und noch gesagt: "Ich bin doch erst 1933 geboren, da kann ich doch eigentlich nichts für 1938/39". "Ach", sagt der: "Ich rede doch von 1914/18". Da haben wir zusammen sehr gelacht. Oder beim 4:1 gegen die Türkei. Da hat ein Türke mit Zigaretten nur so um sich geworfen, als die nach drei Minuten in Führung gingen. Aber dann kam ja Berni Klodt, den sie danach nur den "Türkentöter vom Schalker Markt" genannt haben, und hat das Spiel gewendet. Einmal haben wir auf einem Truppenübungsplatz bei Zürich gezeltet, weil ein Anwohner gesagt hat, das Bundesheer hat frei, die schießen jetzt nicht. Es war rasend spannend alles.

SZ: Wo waren Sie sonst untergebracht?

Gärtner: Meist auf Zeltplätzen. Hauptsache billig: Ich verdiente damals im zweiten Gesellenjahr 186 Mark. Gerhard war noch in der Lehre. Auf den Campingplätzen waren Österreicher, Schweizer, Franzosen, vereinzelt auch Deutsche. Abends war oft ein riesiges Lagerfeuer, da haben wir Wettsingen gemacht, mit Wanderliedern. Alkohol gab es kaum.

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