Von Daniel Theweleit, Sekondi

Nach der Auftaktniederlage gegen die Elfenbeinküste gerät Nigerias deutscher Trainer massiv in die Kritik.

Irgendwann musste Berti Vogts flüchten. Die Pressekonferenz nach der 0:1-Niederlage Nigerias gegen die Elfenbeinküste war völlig aus den Fugen geraten. Nigerianer und Ivorer riefen wild durcheinander, längst saß niemand mehr auf seinem Platz. Eine hysterische Masse drückte gegen das Podium, da beschloss Berti Vogts, dass dieses Chaos besser ohne ihn stattfindet. Und das war wohl eine vernünftige Entscheidung.

Der Deutsche steht mächtig in der Kritik, die nigerianischen Journalisten kritisieren praktisch seit seinem Amtsantritt vor einem Jahr jede seiner Entscheidungen, und wenn sie ihn dann leibhaftig vor sich haben, dann stellen sie aggressive Fragen wie diese: "Glauben Sie ernsthaft, Stephen Makinwa ist ein Nationalspieler?" wollte einer wissen, als das Treiben seinen Höhepunkt noch nicht erreicht hatte. Tiefes Befremden lag in Berti Vogts’ Gesichtszügen, als er das hörte. Fast etwas angewidert wirkte er. Dann versuchte er Besonnenheit in die aufgebrachte Diskussion zu bringen: "Wir haben heute gegen das stärkste Team Afrikas verloren", erläuterte der 61-Jährige. Auch in den Afrika-Cup 2006 sei Nigeria mit einer Niederlage gestartet, und am Ende wurden sie trotzdem Dritter, sagte Vogts. Es war ein netter Versuch, der kläglich scheiterte.

Nigeria hat ganz offenkundig ein Problem mit seiner Fußballmentalität. Das zeigt sich einerseits im hysterischen Verhalten der Journalisten, "die sowieso schreiben, was sie wollen", wie Vogts einmal sagte, und andererseits in der Geschichte dieser Mannschaft. Fast schon traditionell gilt das Team als hoch veranlagt, ist stets prominent besetzt, gilt jedoch charakterlich als höchst schwierig. Seit vielen Jahren ist es keinem Trainer mehr gelungen, diese Ansammlung hervorragender Einzelspieler zu einer harmonierenden Einheit zu formen.

Nigerias einzige richtig gute Tormöglichkeit vergab Obafemi Martins

Den Spielerkreis, den mittlerweile fast jedes Team vor den Partien bildet, um sich einzuschwören und Geschlossenheit zu demonstrieren, den bildeten die Nigerianer auch in der Halbzeit und nach dem Spiel. An diesem Abend wirkte das wie ein verzweifelter Versuch, etwas zu erzwingen, was sich nicht erzwingen lässt. Denn die besser funktionierende Mannschaft war eindeutig die Elfenbeinküste mit ihren hervorragenden Mittelfeldspielern Yaya Touré (FC Barcelona) und Solomon Kalou (FC Chelsea). Kalou war es auch, der das Tor des Tages erzielte (65.). Ein bemerkenswertes Dribbling gegen vier Gegenspieler vollendete er mit einem überlegten Torschuss und beglückte die etwa 5000 Ivorer in der nagelneuen Arena von Sekondi. Nigerias einzige richtig gute Tormöglichkeit vergab Obafemi Martins, als er in der 61. Minute unbedrängt auf das Tor zulief, jedoch an Torhüter Boubacar Barry scheiterte.

»Ich verspreche, dass wir in dieses Turnier zurück kommen werden.«

Berti Vogts

Zwar behauptete John Obi Mikel vom FC Chelsea nach der Partie, sein Team habe "gut gespielt, nur eben einen Fehler gemacht", doch die zahlreichen Versuche seines Trainers während der 90 Minuten, mit wilden Gesten etwas mehr Ordnung ins Spiel zu bringen, zeugten eher vom Gegenteil. Aber natürlich konnte Berti Vogts nicht zugeben, dass sein Team nicht sehr gut ausgesehen hatte, man hätte ihm sonst sofort die Schuld dafür gegeben. Also sprach Berti Vogts: "Ich verspreche, dass wir in dieses Turnier zurück kommen werden!"

Doch das wird schwer. Nicht nur, dass Gruppe B eindeutig am stärksten besetzt ist, die Nigerianer leiden auch noch unter einer äußerst ungünstigen Reihenfolge ihrer Partien. Nach der Niederlage gegen die Elfenbeinküste folgt am Freitag erst das Duell mit den ebenfalls sehr starken Maliern, die ihr Auftaktspiel mit 1:0 gegen den Benin gewannen.

Sollte Berti Vogts da erneut verlieren, wäre seine Mannschaft wohl schon ausgeschieden und eine Weiterbeschäftigung des früheren Bundestrainers in Nigeria kaum noch denkbar. Und selbst wenn die Westafrikaner den Sprung ins Viertelfinale noch schaffen, wird es kaum leichter. Denn dort könnten sie auf Gastgeber Ghana treffen, und das ist nicht viel dankbarer als ein Auftaktmatch gegen die Elfenbeinküste. Und das von Volk und Sportminister formulierte Ziel ist eindeutig: der Turniersieg.

Am Montagabend wirkte Berti Vogts allerdings wie ein Mann, der gar nicht so unglücklich wäre, wenn er diesen Trubel hinter sich lassen und möglichst bald zurück in die beschauliche Heimat reisen könnte.

(SZ vom 23.01.2008/lsp)