Von Thomas Hummel, Ruhpolding

Einst als Militärsportart verpönt, erlangt der Trubel um Biathlon heute enorme Dimensionen. Wie der kleine Ort Ruhpolding damit umgeht und worin die größte Gefahr liegt.

Biathlon Ruhpolding

Mittendrin: Beim Biathlon in Ruhpolding kann man als Zuschauer die Idole wie Kati Wilhelm beinahe anfassen. (Foto: Reuters)

Zwei Stunden nach dem letzten Schuss drängen sich noch Tausende durch ein Gewirr aus Metallabsperrungen, auf einer Fläche so groß wie ein halbes Fußballfeld. Menschen in dicken Daunenjacken warten darauf, endlich in einem der Busse Platz zu finden, die zurück in den Ort Ruhpolding fahren. Gehen will die sieben Kilometer kaum einer mehr. Es ist dunkel zwischen den Chiemgauer Bergen, das Thermometer zeigt zwei Grad, es beginnt zu regnen. Nicht weit entfernt dröhnt ein deutscher Schlager aus einem Festzelt, das Grölen der bierseligen Insassen wabert herüber. In der Warteschlange wippen nicht wenige mit den Knien im Takt, unter dicken Wollmützen lachen viele Gesichter.

Nach dem famosen Sieg für die deutsche Frauenstaffel am Mittwoch und nach dem dritten Platz der deutschen Männerstaffel am Donnerstag hätte selbst ein Hagelsturm keine schlechte Laune unter die Besucher gebracht. Die Sportart Biathlon ist in Deutschland derzeit eine sehr fröhliche Veranstaltung. Ein Volksfest. In der vergangenen Woche meldeten die Agenturen vom Weltcup im thüringischen Oberhof "Länderspielstimmung" unter den insgesamt 80.000 Fans an fünf Wettkampftagen. In Ruhpolding rechnen die Veranstalter derzeit mit noch mehr Besuchern. Allein am Sonntag sollen wie im Vorjahr mehr als 20.000 kommen.

Damit sehen die Weltcup-Wettkämpfe etwa zehnmal so viele Menschen wie der oberbayerische Ort Einwohner zählt. Allein auf der berüchtigten Chiemgau-Arena, der Stehtribüne am Schießstand mit 12.000 Fans, würden alle Ruhpoldinger Bürger zusammen zweimal Platz finden. Ruhpolding ist in der öffentlichen Wahrnehmung inzwischen mit der Sportart Biathlon untrennbar verbunden, wie Tauberbischofsheim mit Fechten, Hockenheim mit Formel 1, Großwallstadt mit Handball. "Das ist Werbung für unseren Ort, die uns nichts kostet", freut sich Martin Haßlberger, der Vizepräsident des Organisationskomitees und Tourismusdirektor der Gemeinde.

"Das sind Werbeaufnahmen für Ruhpolding"

Im Publikum sind Landesfahnen aus ganz Europa zu sehen, Biathlon-Fanklubs hängen ihre Plakate an die Zäune, Familienmitglieder fotografieren sich gegenseitig. Wenn der TV-Hubschrauber über die Arena braust, fordert der Sprecher über die Mikrofone auf, eilig die meist schwarz-rot-goldenen und weiß-blauen Fahnen zu schwenken. Alle folgen brav. "Das sind Werbeaufnahmen für Ruhpolding", begründet der Sprecher überschwänglich. Dann spielt er Geier Sturzflug und die Spider Murphy Gang über die Lautsprecher. Es ist Event-Zeit im Chiemgau - und keiner will Spielverderber sein.

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