Von Holger Gertz

Real Madrid will Diego: Im Vergleich mit den Reals, Juves und FC Bayerns bleibt den finanziell unterlegenen Bremern nur das Instrumentarium der alten Zeit.

Es gibt die Theorie, wonach die neue Zeit durch nichts stärker geprägt wird als durch das Internet. Der Abstieg von Edmund Stoiber zur Witzfigur wäre kaum denkbar ohne seine im Internet abrufbaren Stammeleien zum Thema Transrapid. Am Beispiel Werder lässt sich die Theorie in umgekehrter Richtung belegen. Diegos Zaubertor gegen Aachen wurde auf der Website youtube weltweit öfter angeklickt als jedes andere Filmchen. Pele hat es dort gesehen, auch deshalb verglich er Diego mit Ronaldinho. Die Bosse von Real Madrid haben es dort gesehen, natürlich war Diego ihnen schon vorher bekannt, aber das spektakuläre Dokument seiner Fähigkeiten wird ihr Interesse nicht gemindert haben, ihn zu verpflichten.

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Der Druck der neuen Zeit lastet auf Werder, und er verstärkt sich. Die Klubs aus dem Ausland haben enorme Fernsehgelder zur Verfügung, werden gepäppelt von Oligarchen und Spekulanten, und das könnte für die Bremer zum Problem werden. Die Fußballwelt teilt sich zunehmend in Geldvereine und Ausbildungsvereine, und es klingt nicht vermessen, wenn man behauptete, Werder wäre derzeit der beste Ausbildungsverein Europas. Aber im Vergleich mit den Reals, Juves, auch FC Bayerns bleibt den finanziell unterlegenen Bremern nur das Instrumentarium der alten Zeit. Das Näschen sensibel halten, Spieler sichten, pflegen, stärken, eben: ausbilden. Und im nächsten Jahr das Ganze von vorn.

 
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Die Geschicklichkeit, mit der Trainer Schaaf und Manager Allofs diese knifflige Aufgabe seit Jahren bewältigen, kann man nicht ausreichend würdigen. Sie haben ihren Verein relativ wohlhabend und eindeutig erfolgreich gemacht, und: Sie haben die Attraktivität des Bremer Spiels von Jahr zu Jahr gesteigert. Werder-Fans, also Fußballfans im klassischen Sinn, sitzen längst nicht mehr nur in Bremen. Aber weil die großen Klubs wissen, welch perfekt ausgebildetes Personal sie von der Nordseeküste erwarten können, weil sie es in der Champions League sehen und manchmal auch bei youtube, wohnt gerade dem Bremer Erfolg die Gefahr des Ausblutens inne. Und die Möglichkeiten, zu reagieren, verschlechtern sich.

Längst gilt bereits das bloße Interesse der Werderaner an einem Spieler als Ausweis für dessen Klasse. Jenseits der aktuellen Debatten um Frings, Klose und jetzt auch Diego sei kurz an Jan Schlaudraff erinnert, den die Bayern ihnen schnöde wegkauften, gerade rechtzeitig, bevor Werder ihn noch in der Winterpause hätte holen können. Es klingt ebenfalls nicht vermessen, wenn man vermutete, mit Schlaudraff hätte Werder die danach aufgetretene Sturmflaute nicht durchleiden müssen und stünde jetzt noch besser da als ohne ihn. Schon in die aktuelle Saison hat das Geld eingegriffen mit all seiner Macht.

(SZ vom 25.4.2007)

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Leserkommentare (20)



25.04.2007 14:23:59

Universalgenie:

Jaja, Werder Bremen, der kuddellige Schnuckelklub zum Liebhaben.

Nebenbei geht vollkommen unter, dass der kleine, beschauliche SV Werder von allen Bundesligisten so ziemlich das meiste Geld für Gehälter ausgibt und durch die anhaltende Präsenz in Europa natürlich auch längst zu den reichsten "Geldvereinen" in Deutschland gehört. Bremen plündert die Bundesligakonkurrenz bei Bedarf EXAKT genauso ungeniert, wie die dafür ausgiebig geprügelten Schalker oder die notorischen Bayern.

Da gibt es keinen Unterschied.

Spieler wie Naldo und Diego wären NIEMALS zu Werder Bremen gegangen, hätte man ihnen nur von einem tollen, bodenständigen Ausbildungscamp an der Weser berichtet.

Alles was für diese Spieler entscheidend war, war die Teilnahme an der CL und ein Kader, der gespickt mit Nationalspielern ist und der zudem gewaltige Chancen auf die Meisterschaft in Deutschland hat.

"Lutscher" Frings ist bestimmt nicht wegen glänzenden, hanseatischen Hosenknöpfen an die Weser zurückgekehrt, sondern weil man dort in der CL spielen darf. Mertesacker war bereits fertig ausgebildet und hatte sich bereits in die Nationalelf gekickt- danach erst hat ihn Werder von Hannover losgeeist.

Also, auch wenn es gerade nicht opportun ist: Werder macht nicht soooo viel anders.

Schalke etwa, einer der Geldvereine, ist übrigens amtierender A-Jugendmeister und hat aus diesem Jahrgang etliche Spieler an die Profis herangeführt oder veräußert. Dort gibt es eines der erfolgreichsten Jugendinternate in Deutschland, ein modernes Reha- und Trainingszentrum und eine soeben ausgezeichnete "Eliteschule des Fußballs" in der Nachbarschaft!

Also irgendwie ein klassischer Ausbildungsverein...


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