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Posieren auf dem Pausenhof
Nationalmannschaft
29.06.2006, 18:37
Die Mannschaftskabine ist ein heiliger Ort. Niemand weiß, was in einer Kabine passiert, nicht einmal die Existenz des Pausentees ist gesichert. Man muss sich den Pausentee womöglich wie den Yeti vorstellen, alle reden von ihm, niemand hat ihn gesehen.
So geheim ist das alles, dass man für jede Überlieferung dankbar ist. So steht in den Geschichtsbüchern, dass der Trainer Toppmöller einst einen Steinadler in die Kabine verschleppte, während der Trainer Rangnick ebendort einen Knallfrosch zündete.
Was der Trainer Klinsmann in der Kabine macht, ist ebenfalls noch unerforscht. Nur ein paar Minigeheimnisse sind nach draußen gedrungen; etwa, dass der Gegner 20 Minuten vor dem Spiel durch Nichterwähnung gestraft wird; dass Klinsmann seine Spieler abklatscht; und dass er dann jenem Spieler die Bühne überlässt, dem er morgens noch ein kleines Referat zugeschanzt hat.
Jetzt werden Muckis gezeigt: Links ist das Tattoo von Frings zu sehen, daneben das Kreuz von Huth und der Tiger von Odonkor. (Foto: dpa)
So weiß man jetzt, dass Thomas Hitzlsperger vor dem Spiel gegen Schweden vor versammelter Mannschaft gesagt hat, dass das bestimmt ein großer Tag für die Spieler werde und dass die Nation die Daumen drücke.
Man weiß nicht genau, ob er sich dabei eher zu den Spielern oder zur Nation gerechnet hat, er gehört ja einerseits zum WM-Kader, wobei seine Spielwahrscheinlichkeit etwa so hoch ist wie die einer Großleinwand.
Wer mag, kann all das albern finden, aber der Verlauf dieses Turniers hat gezeigt, dass niemand diese Rituale unterschätzen sollte. Es handelt sich um mehr als Fußballerfolklore.
Pushen nennen die Klinsmann-Spieler das, es ist das meistgesagte Wort in dieser Woche gewesen, und man darf davon ausgehen, dass die Botschaft in der Welt und auch beim Viertelfinalgegner Argentinien angekommen ist.
Pushen ist neben Taktik und Fitness die dritte Säule, auf der Deutschlands Spiel errichtet ist, und in der Summe hat das bereits dazu geführt, dass Deutschland sich Fragen anhören muss, die man zu Beginn der WM-Vorbereitung noch unter Ulk verbucht hätte.
Ob er nicht die Gefahr sehe, dass seine Spieler überheblich würden, hat jetzt einer vom Bundestrainer wissen wollen, und der hat keineswegs gelacht, sondern ernsthaft geantwortet. „Bei uns zeigt keiner auch nur einen Hauch von Überheblichkeit“, hat Klinsmann gesagt, aber auch, „dass wir es uns einfach zutrauen, so eine Mannschaft zu schlagen“.
Das sind die frischangekommenen Leibchen, zufällig muskelfrei. (Foto: AP)
Als er später gefragt wurde, wie er mit der Favoritenrolle umgehe, sagte er, „dass wir uns da einfach drauf freuen“. Er hat die Favoritenrolle nicht zurückgewiesen.
Deutschland hat seinen Turniertonfall gefunden. Als Klinsmanns vor 22 Monaten das Amt übernahm, hat er gesagt, dass er Weltmeister werden wolle, und wenn das eine Art Anschubfinanzierung war, dann wird nun, auf den letzten Metern, noch mal kräftig investiert.
Offensichtlich ist der Versuch, sich so in Stimmung und Form zu reden, dass die Mannschaft sowie der Rest der Welt vergessen, dass die DFB-Elf seit knapp sechs Jahren keine Weltklassenation mehr besiegt hat. Kaum waren die Schweden aus dem Turnier entfernt, begann das verbale Warmlaufen fürs Argentinien-Spiel.
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Am Dienstag verkündete Torsten Frings, dass „wir keine Sekunde einen Gedanken daran verschwenden, dass wir am Freitag rausfliegen könnten“, worauf er sein Kurzreferat für alle, die noch nicht begriffen hatten, in dieser Sentenz bündelte: „Fakt ist, wir sind stärker.“
Um sicher zu gehen, dass auch Argentinien verstanden hatte, fasste Miroslav Klose am Mittwoch noch mal zusammen: „Wir wissen, dass die Argentinier eine starke Elf haben, aber jetzt haben sie leider das Pech, auf uns zu treffen.“
Am Donnerstag sagte Klinsmann: „Wir werden mit voller Aggression ins Spiel gehen.“ Das klingt martialisch, aber man darf das für legitim halten, solange die Aggression am Spielfeldrand endet.
Deutschland hat das Spiel emotionalisiert, und es vertraut dabei nicht nur der Kraft der Worte, sondern auch der Macht der Bilder. Niemand hat übersehen können, wie Deutschland am Dienstag Muskeln gezeigt hat.
Deutschland hat in neuen Muscle-Shirts trainiert, Deutschland hat extra Fotos davon schießen lassen. Abends hat man dann überall sehen können, dass der Krieger Frings eine martialische Tätowierung trägt, die wie eine Schlange oder wie ein Drache aussieht oder wie eine Drachenschlange.
Der Krieger Huth führt eine Art Ritterkreuz mit sich, der Krieger Odonkor eine Art Tiger mit Gartenzaun drumrum. Ach, man habe diese Hemden halt angezogen, weil die Lieferung mit den Muskelshirts frisch angekommen sei, hat Assistent Joachim Löw später gesagt, aber allein schon die Frage war wie ein kleiner Siegtreffer.
Ein bisschen wirkt das alles wie Posing auf dem Pausenhof. Am Freitag muss man sich mit einem Kerl aus einer höheren Klasse um ein Mädchen balgen, und es kann nicht schaden, wenn man ihm vorab schon mal den Tiger mit dem Gartenzaun zeigt.
Was, wenn Deutschland gewinnt? Ob Deutschland dann mit Muskelshirt und Manta über den Potsdamer Platz brettert und bei offenem Fenster „We are the champions“ hört?
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