Mit großem Aufwand entwirft das IOC das olympische Programm der Zukunft, einige Sportarten werden verschwinden. Nicht immer entscheiden sportliche Aspekte.
In Gefahr: Synchronschwimmen. Foto: dpa
Warum gehört Radrennen noch zu den privilegierten olympischen Sportarten? Warum hat IOC-Präsident Jacques Rogge gerade den Rad-Weltverband UCI gelobt für eine "vorbildliche" Dopingbekämpfung? Warum statuiert Rogge, der eine Null-Toleranz-Politik postuliert, kein Exempel und schmeißt Radsport einfach raus?
Nur wenige Antworten auf diese Fragen stehen in jenen Papieren, in denen das IOC die Komposition des Olympiaprogramms beschreibt. In Peking geht es um alles. In 33 Kategorien wird die IOC-Programmkommission die Spiele analysieren und dem Exekutivkomitee rapportieren. Zu den Wertungskriterien zählen Zuschauerzahlen, Stadionauslastung, TV-Einschaltquoten, Presseberichterstattung und Dopingbekämpfung. Rogge aber hat bereits angekündigt, dass einer glorreichen olympischen Zukunft der kriminell-verseuchten Rad-Branche nichts im Wege stehe. Bis 2016 wird definitiv um Medaillen geradelt.
Radsport gehört bei Rogges zur Familientradition. Rogges Großvater Jules war Radprofi. Rogges Busenfreund Hein Verbruggen hat den Weltverband UCI zwar in skandalöser Weise geführt, doch wird der in ungezählten Affären gestählte Holländer vom Null-Toleranz-Präsidenten immer wieder belobigt und befördert. Verbruggen durfte nach seinem UCI-Abschied im Jahr 2005 IOC-Mitglied bleiben. Er leitet die wichtige IOC-Koordinierungskommission für Peking. Warum das alles?
Verbruggen verhalf Rogge im Juli 2001 auf den IOC-Thron: Er beschaffte Stimmen und überredete den holländischen Thronfolger Willem Alexander, sich bei der IOC-Ethikkommission über Rogges Rivalen Kim Un Yong zu beschweren. Zudem haben Rogge und Verbruggen einen gemeinsamen Feind, den sie ins Abseits manövrierten: Richard Pound, einst IOC-Präsidentschaftsanwärter und Wada-Boss, nun - dank Verbruggen - gescheiterter Kandidat auf den Vorsitz des Welt-Sportgerichts Cas.
Die olympische Kundschaft vergreist
Wenn über das olympische Programm entschieden wird, können derlei Allianzen entscheiden. Ohne die Überweisungen aus den olympischen TV-Einnahmen könnten mehr als die Hälfte der 28 Sommersportarten nicht existieren. Das macht anfällig für feindliche Übernahmen durch dubiose Neureiche und Sponsoren wie Gazprom, die hier und da schon die Verbandspolitik gestalten. Sportarten wie Ringen, Gewichtheben, Amateurboxen oder Moderner Fünfkampf, die nur wenigen Menschen bekannt sind, droht das Aus. Auch die Sportschützen müssen sich fürchten.
Bald olympisch? Skateboardfahren. Foto: dpa
Das IOC wird für Peking in absoluten Zahlen Einschaltquoten- und Reichweitenrekorde verkünden, doch darf sich davon niemand täuschen lassen. Zum einen garantieren neue Medien und Techniken automatisch neue Rekorddaten, zumal ja mit China das bevölkerungsreichste Land olympisch erschlossen wird. Die relativen Zahlen sind viel interessanter, alarmierend und werden deshalb als Geschäftsgeheimnis gehütet: Die olympische Kundschaft vergreist.
Kernsportarten wie die Leichtathletik verzeichnen seit den neunziger Jahren in Europa und den USA Einschaltquoten-Verluste von 30 Prozent und mehr in der werberelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Viele olympische Sportarten sind nur in einigen Dutzend Ländern bekannt und werden professionell in noch weniger Nationen betrieben. Der Nachwuchs bleibt aus, die Basis bricht weg. Dazu zählen Ringen, Gewichtheben, Synchronschwimmen, Schießen, Amateurboxen, Bogenschießen, aber auch Disziplinen des Kanusports, des Reitens und der Leichtathletik - darunter die deutschen Werfer-Domänen.
Jacques Rogge ist 2001 mit dem Versprechen angetreten, das Programm attraktiver, zeitgemäßer und bezahlbarer zu gestalten. Seine Bilanz ist ein Desaster: 2002 und 2005 verweigerten IOC-Vollversammlungen seinen Reformbemühungen die Gefolgschaft. Seine nicht ausgereifte Idee der Jugendspiele, 2010 erstmals in Singapur, ist auch unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten: Er generiert Aufmerksamkeit in einer für Olympias Zukunft entscheidenden Zielgruppe.
In Peking sollen Baseball und Softball letztmals dabei sein. Beide Verbände lobbyieren mächtig, um 2016 zurückzukommen. Es geht um Milliarden: Baseball und Softball sind amerikanische Sportarten; Chicago, Stadt der White Sox und der Cubs, bewirbt sich um die Spiele 2016. Der TV-Gigant NBC, der fast ein Drittel aller IOC-Einnahmen überweist, hat noch keinen Vertrag für 2016 unterschrieben. Die Konstellation birgt vielfältige Optionen für Deals: Zudem will das IOC gleichzeitig die Einnahmen des amerikanischen NOK (USOC) schröpfen, das mehr aus den olympischen Marketingverträgen kassiert, als alle anderen 204 NOK zusammen. Noch in Peking wird verhandelt.
2009 soll das IOC-Exekutivkomitee neben Softball und Baseball eine dritte Sportart aussortieren und drei andere als Nachrücker empfehlen. Darüber entscheidet dann die IOC-Session im Oktober 2009. Doch hartnäckig werden auch für London 2012 noch Änderungen diskutiert. "Das sind Promotions-Spiele", sagt Fünfkampf-Weltpräsident Klaus Schormann, er lasse sich nicht aus der Ruhe bringen. "Ich habe verbindlich schriftlich, dass wir bis 2016 olympisch sind." Das glauben andere auch. Die Frage ist aber, was verbindlich-schriftlich im IOC bedeutet.
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