Radfahrer Erik Zabel feiert beim Berliner Sechstagerennen seinen letzten Sieg - und geht mit einigen Sorgen im Gepäck.
Erik Zabel verabschiedet sich von den Fans. Foto: dpa
Am Dienstagabend um kurz vor Mitternacht, die Perfektion der Inszenierung ist inzwischen verblüffend, dreht Erik Zabel, 38, seine letzte Runde als Radprofi. In Schrittgeschwindigkeit. In einem Cabrio. Neben ihm sitzt Robert Bartko, 33, beide tragen einen goldenen Kranz um Hals und Schulter, den Siegerkranz des 98. Berliner Sechstagerennens. Die Menschen in der Halle, 13.500 sind gekommen, blasen in ihre Trillerpfeifen oder singen "Es gibt nur ein' Erik Zabel".
Dann zwängt Erik Zabel sich ein letztes Mal ins Fahrerlager, aber es ist dort schon alles zusammengepackt, der letzte vorstellbare Akt dieses Abschieds bleibt der Radsportgemeinde deshalb versagt. Da ist jetzt kein Nagel mehr, an den Zabel sein Rad hängen, keine Ecke, in die er sein Rad stellen könnte. Die Koje Nr.3, in der es sechs Tage lang nach Schweiß und Gummi, Massagefluid und Kräutertee, Kettenöl und Vaseline roch, ist jetzt nur noch ein Bretterverschlag mit seinem Namen drauf. Der Sechstagezirkus zieht weiter, ohne ihn. Also läuft Zabel einfach davon, dreht sich nach seinem Rad gar nicht mehr um, verschwindet hinter einem Vorhang, und das war's dann mit der Karriere des besten deutschen Radrennfahrers der Geschichte.
14 Mal die Tour gefahren, zwölf Etappensiege, sechs Mal das Grüne Trikot, neun Klassiker-Siege, davon viermal Mailand-San Remo, Weltcupsieger, deutscher Meister, vieles mehr. An all diese Erfolge ist er nochmal erinnert worden in Berlin. Aber sein letztes Profirennen hat er nicht auf Asphalt und Kopfsteinpflaster bestritten, sondern auf nordischer Fichte, nicht in der klaren Luft der Pyrenäen, sondern beim Radrummel mit "Das ist die Berliner Luftluftluft"-Beschallung. Ausgeleuchtet von grellbunten Scheinwerfern, was praktisch war, weil so seine feuchten Augen bis in die letzten Reihen glänzten und alle ganz gerührt wurden, dass hier einer von ihnen die große Bühne verlässt. 400 Meter vom Berliner Velodrom entfernt hat Erik Zabel in den Achtzigern seine ersten Trainingsrunden gedreht, "bis heute im Grunde meine schönste Zeit".
Offiziell verabschiedet haben sie Zabel schon am Montagabend, da klopfte ihm, heftig ausgebuht, der Rad-Präsident Rudolf Scharping auf die Schulter, dann lief ein Film auf der Großleinwand: Zabel, der Sprinter, beim Überqueren unzähliger Ziellinien, Zabel auf den Champs Élysées, Zabel im Sportstudio, Zabel in der Harald-Schmidt-Show. Zabel: ein Sportidol. Die Pressekonferenz vom 24. Mai 2007, als er unter Tränen zugab, 1996 das Dopingmittel Epo "eine Woche lang ausprobiert zu haben", kam in dem Film nicht vor, in der Zeremonie aber durchaus: Die Leute liebten Zabel auch dafür, sagte der Hallensprecher Christian Stoll, "dass er mit schweren Zeiten, anders als andere, öffentlich umgegangen ist". Sünde, Reue, Vergebung, letztlich hat auch diese Geschichte Erik Zabel nur sympathischer gemacht.
Zu viel passiert
Dann der Dienstagabend, "den hab ich so'n bisschen neben mir erlebt, wie in Trance", sagt Zabel später. "Das war schön." Um 22.20 Uhr hockt er das letzte Mal in seiner Koje, die Hände auf den Knien gefaltet. Um 22.28 Uhr streift er sich den Helm über, das letzte Mal, steigt aufs Rad, rollt los. Zu seiner letzten Jagd. Am Wochenende hat ihn noch der Magen geplagt, das Duo Zabel/Bartko rutschte auf Rang fünf zurück. Jetzt starten die beiden ihre Aufholjagd, und am Ende, wie von unsichtbarer Hand arrangiert, entscheidet Zabel, der Sprinter, das Rennen. Mit seinem letzten Sprint.
Umarmungen, Küsschen, Nationalhymne, und dann ist plötzlich "Eule" da: Dieter Rutenberg, Zabels früherer Mannschaftsbetreuer beim Team Telekom. Drängt sich bis zur Koje durch, bittet um ein Autogramm. Auf ein altes Magenta-Trikot. Als könne nochmal alles so werden wie früher. Aber man nimmt Erik Zabel ab, dass er den alten Zeiten nicht hinterher trauert. Er geht, "weil's jetzt am schönsten ist" und wird Sprint-Berater beim Team Columbia. Am Freitag fliegt er bereits zur Katar-Rundfahrt. Dann schon wieder mit einigen Sorgen im Gepäck, um seinen Sport, der vor allem in Deutschland nicht mehr so gut gelitten ist (wenn er nicht gerade in der Berliner Luftluftluft gastiert). "Aber es steht unserer Generation wohl nicht zu, wehzuklagen", sagt Erik Zabel. "Dafür ist in den letzten Jahren zu viel passiert."
Unten an der Bahn steht sein Sohn Rik, der Radprofi werden will. An diesem Abend, an dem sein Vater alles ein letztes Mal durchlebt, ist Rik Zabel, 15, zum ersten Mal bei einem Sechstagerennen mitgefahren.
(SZ vom 29.01.2009/jüsc)

