Die erfolgreichste Torwartschmiede
Fußballland Deutschland
17.03.2007, 08:41
Ein echtes Torwartwunder: Schalke Torwart Manuel Neuer (Foto: )
Über die Wissenschaft des Torhütens weiß Rüdiger Vollborn so ziemlich alles, aber eines weiß er nicht: Wie sich die große Torwartmisere in England erklärt. "Es muss wohl so sein, dass alle, die in England einen Ball fangen können, Rugby spielen", mutmaßt der Torwarttrainer von Bayer 04 Leverkusen, "wenn ich mir den Robinson ansehe (aktueller Nationalkeeper/die Red.), dann frage ich mich, was die Engländer ihren jungen Torhütern eigentlich beibringen." Beim Gedanken an Robinsons Vorgänger David "Calamity" James oder Dave "Zopf" Seaman mag sich der Laie dieselbe Frage stellen.
Auch in England scheinen da prinzipielle Zweifel zu bestehen. Deswegen kam es in der jüngeren Vergangenheit zu einer kleinen Völkerwanderung: Junge Torhüter zogen vom Kontinent auf die Insel, um den Nachwuchsteams der Premier League beizutreten, besonders aus Deutschland.
Der 1. FC Köln verlor seine Juniorentorhüter Ron Ziegler und Björn Bussmann an Manchester United und die Blackburn Rovers. Aus Leverkusen wechselt jetzt der 15-jährige Niclas Heimann zum FC Chelsea, wo einige Jahre zuvor, ebenfalls 15-jährig, Nick Hamann von Hessen Kassel einen Vertrag erhalten hatte.
Die Arbeitsbedingungen in England sind als erstklassig bekannt. Aber die Methoden? "Die hauen den Kindern aus fünf Metern die Bälle um die Ohren", sagt Vollborn, und es ist offenkundig, dass er dieses Programm nicht für das Richtige hält.
Da scheint die Bundesliga dem Glamourbetrieb Premier League einiges voraus zu sein. Über die Auswahl an umfassend ausgebildeten Torhütern muss sich Joachim Löw nicht beklagen, höchstens dann, wenn der Bundestrainer darüber nachdenkt, wer nach der Europameisterschaft auf Jens Lehmann folgen soll: Robert Enke, Tim Wiese, Roman Weidenfeller - oder Manuel Neuer und René Adler, die bei Schalke 04 und Bayer Leverkusen ohne große Worte, aber mit großen Taten den Posten im Tor besetzt haben.
Neuer, 20, und Adler, 22, sind die jüngsten Zeugen eines Phänomens, das man als das neue deutsche Torwartwunder bezeichnen könnte. "Manuel und René werden sich noch oft über den Weg laufen", sagt Vollborn und meint das Nationalteam.
Lothar Matuschak, 58, erinnert sich gern daran, wie er Neuer das erste Mal begegnete. Damals spielte der Junge aus Gelsenkirchen-Buer in der C-Jugend des FC Schalke 04, dem er sich schon als Fünfjähriger angeschlossen hatte. "Er war so groß, wie eine Tischkante hoch ist, und hatte so eine piepsige Stimme, dass man ihn kaum hören konnte. Ein richtiges Milchgesicht", erzählt Matuschak, einst Zweitligaschlussmann bei Westfalia Herne und seit 1995 bei Schalke für die Ausbildung der A- und B-Juniorentorhüter zuständig.
Damals, 13-jährig, war Neuer körperlich unterentwickelt, der Verein war kurz davor, ihn wegzuschicken. Aber Matuschak erkannte die Begabung und warb bei Nachwuchschef Helmut Schulte um Geduld.
Er weiß noch genau, wie es sich zutrug: Schulte stand auf einem Baugerüst, als Matuschak ihn ansprach. Sie unterhielten sich lange und legten fest, Neuer noch eine Chance zu geben. "Und dann kam er auch bald: Im zweiten Jahr C-Jugend ist er kräftig gewachsen, und in der B-Jugend ist er an allen vorbeigeschossen", entsinnt sich Matuschak. "Er hat immer fast alles richtig gemacht, weil er schon als Junge die Fußball-Intelligenz hatte."
Neben allen anderen üblichen Torwarttugenden ergab sich vor allem daraus Neuers Aufstieg in die erste Profi-Elf und die Vertreibung des alten Frontmanns Frank Rost. "Manuel weiß sofort, was los ist im Spiel", sagt Matuschak, "und wenn er den Ball hat, sieht er gleich, welcher Weg am schnellsten zum gegnerischen Tor führt."
In dieser Rolle als Mitspieler und Spielbeschleuniger sieht Schalkes Manager Andreas Müller eine zentrale Anforderung an den modernen Torwart: "Der Torwart von heute ist der elfte Feldspieler", sagt er. Deswegen, glaubt Vollborn, "muss der Torwart der bestausgebildete Spieler auf dem Platz sein."
Rüdiger Vollborn will als Leiter der Leverkusener Torwartlehre eigentlich über Adler gar nicht sprechen, weil er glaubt, dass der 22-Jährige zu oft im Mittelpunkt steht, aber seine Begeisterung kann er nicht verleugnen. "René ist mein Steckenpferd gewesen, da habe ich keinen reinpfuschen lassen", sagt er.
Als 15-Jährigen lernte ihn Vollborn im Nachwuchsteam des DFB kennen, damals noch als Spieler des VfB Leipzig. Bald darauf wechselte Adler zu Bayer, und Vollborn war zwar nun seinen Nebenjob als Assistent von DFB-Trainer Jörg Daniel los, erhielt dafür aber Zuwachs in der Familie. Adler zog im Hause Vollborn ins Dachgeschoss.
In Deutschland gibt es viele erfolgreiche Torwart-Schmieden. Schalke und Leverkusen aber haben einen besonders guten Ruf. Mit Neuer und seinem (derzeit verletzten) Stellvertreter Fährmann sowie Lamczyk, Amsif und Lenz wurde Schalke in den vergangenen Jahren zum Dauerlieferanten der DFB-Nachwuchsteams.
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